Muss ich erst sämtliche Tiere und Pflanzen kennen, bevor ich über die Natur schreiben darf? – Ein Selbstversuch zum Nature Writing

Ich kann ja gar kein Nature Writer sein, weil ich nicht so viele Insekten benennen kann, wie Annie Dillard*. Die Vögel, von denen Dara McAnulty* berichtet, muss ich im Lexikon nachschlagen. Und ich wohne auch nicht im Wald wie Henry David Thoreau*. Ich laufe da nur durch.

Obendrein lässt sich der Begriff nicht einmal ins deutsche übersetzen. Wenn ich danach suche, lande ich sofort bei englischsprachigen Quellen. Dort wiederum sind die Autoren so zahlreich und das Thema so selbstverständlich, dass es mich mehr einschüchtert als inspiriert. Mir scheint, Nature Writing ist ausschließlich für Engländer und Amerikaner, die sich supergut mit der Natur auskennen.

Das deutsche Nature Writing, für das es nicht einmal einen Begriff gibt, ist eher akademisch, literaturwissenschaftlich und sozioökologisch. Da sind Peter Wohllebens populärwissenschaftliche Bücher über den Wald angeblich schon zu lebensnah. Ich habe bisher hauptsächlich über meinen Garten geschrieben. Aber ist das Aufpäppeln von Tomatenpflanzen schon Nature Writing?

Meine Frau reißt mich aus dem theoretischen Grübeln und schlägt vor, ich solle mich doch einfach mal in den Stadtwald setzen, anstatt eine Theorie nach der anderen zu entwickeln, und von Reisen auf die Orkneys zu träumen. Ups, da hat sie echt recht! Das ist eine Idee, die sich leicht umsetzen lässt. Jetzt gleich! Sofort jagen die Gedanken durch meinen Kopf:
Wird mir genug einfallen?
Muss ich nicht viel besser riechen, schmecken, fühlen, und vor allem, schreiben können?
Muss ich nicht mindestens die Form der Brennnesselblätter am Wegesrand mit Worten nachzeichnen können?
Was ist, wenn ich das Vogelgezwitscher nicht eindeutig zuordnen kann?

Tja, so kann es einem gehen, wenn der ferne große Traum plötzlich im Alltag ankommt. Hinter einem Traum, der kaum erfüllbar ist, lässt es sich gut verstecken. Nun wird es plötzlich konkret.

Ich packe Teekanne und Schreibzeug und fahre los. Ich will mich auf die Bank an der Wiese des Hexenhäuschens setzen. Lauschen, spüren und schreiben. Am Parkplatz angekommen, beschließe ich, nicht den normalen Weg zu wählen. Heute ist nicht der Tag für den WieImmer-Weg. Ich bin noch keine zehn Schritte gegangen, als mich der erste Gedanke anspringt. Nach einer Stunde bin ich gerade einmal 200 Meter weit gekommen. Schließlich entscheide ich mich dafür, den restlichen Weg bis zur Bank in einem Rutsch zu laufen, ohne nach rechts und links zu schauen. Ich lasse mutwillig einige Ideen am Wegesrand sitzen und hoffe, dass sie dort auf mich warten.

Auf der Wiese angekommen, entdecke ich, dass es eine zweite Bank gibt. Etwas verfallen. Genau richtig für die ersten Nature Writing Gedanken. Um in Beziehung zur Natur um mich herum zu kommen, brauche weder überwältigende Naturerlebnisse noch muss ich wissen, wie eine Dickkopffalterlarve aussieht. Ich gehe einfach in den Wald und schreibe. Klingt einfach – ist es auch. Wahrscheinlich werde ich keinen Literaturpreis für meine Worte bekommen, aber es tut mir gut und ich bin glücklich hier einfach nur zu sitzen.

Und in den Wald gehe ich, um meinen Verstand zu verlieren und meine Seele zu finden.
(John Muir)


* Annie Dillard, amerikanische Autorin. In Deutschland bekannt mit dem Buch „Pilger am Tinker Creek“.

* Dara McAnulty, nordirischer Autor. Hat als 15jähriger sein erstes Buch „Tagebuch eines jungen Naturforschers“ veröffentlich.

* Henry David Thoreau, amerikanischer Autor. Gilt vielen als einer der Erfinder des Natur Writings. Wird im Kinofilm „Der Club der toten Dichter“ erwähnt und hat das Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ geschrieben.


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