
All the world was before me and every day was a holiday / Die ganze Welt lag vor mir und jeder Tag war wie Ferien.
Was für ein Anfang!
Also da war so ein Typ, dessen ganzer Besitz bestand wohl in einer Pflanzenpresse. Alles andere ging verloren, als das Sägewerk, für das er arbeitete, abbrannte. Und dieser Typ wollte nach Südamerika an den Amazonas laufen. Er hatte von einem anderen Typen und dessen Abenteuern gelesen. Deshalb wollte er auch dorthin. Einfach so. Zu Fuß von Florida aus. Unterwegs gab es dann ein paar Hindernisse und so entschied er, sich ersteinmal in Kalifornien umzusehen.
Das Buch hat zwei Hauptthemen, die den größten Teil des Buches prägen: Die Landschaft des Yosemite Valley und John Muirs Abenteuer und Erlebnisse. Gegen Ende des Buches geht es zusätzlich noch um Ureinwohner* und den Schutz des Tales. Das Vorwort liest man am besten erst nach dem Buch.
Landschaft
Nach all meinen Wanderungen ist der Blick vom Pachero-Pass noch immer das schönste, was ich gesehen habe.
Nach dem fulminanten Auftakt verläuft Muir sich in vielerlei Beschreibungen, welches Seitental wie viele Wasserfälle hat. An einigen Stellen erinnert es an eine Busfahrt für Touristen: „Zu Ihrer Linken sehen Sie nun die Wasserfälle siebzehn bis zweiundzwanzig…“. Wenn die einzelnen Seitentäler und Wasserfälle und Berggipfel so detailliert aufgelistet werden, hätte ich mir eine Karte gewünscht, um auch als ortsfremder einen wirklichen Überblick zu bekommen.
Muir schreibt stellenweise sehr lyrisch und kann den Leser für eine Landschaft begeistern, die er nie noch nie gesehen hat. Über weite Teile verfällt er jedoch in eine stereotype Ausdrucksweise. Es gibt keinen Wasserfall oder Bach, der nicht „sein Lied singt“. Selbst die Stürme und Erdbeben stimmen in diesen Gesang mit ein.
Insgesamt ist Muir eher ein technischer und sehr systematischer Autor. Nach den großen Wasserfällen kommen die kleinen Wasserfälle. Dann geht es in gleicher Weise mit den Wäldern, den Bäumen, den großen Bäumen, den Blumen, den Vögeln weiter.
Muirs penibel exakte Beschreibungen der klimatischen Bedingungen und Ausbreitungsgebiete verschiedener Pflanzenarten sind ein Fenster in die Vergangenheit. Wie haben sich Vegetation und Wetter dort in den 100 Jahren seit dem Erscheinen des Buches verändert?
Einzig Menschen werden nicht erwähnt. Bereits 1879, und damit 30 Jahre vor Muirs Buch, wurde ein erstes Hotel für Touristen eröffnet. Dennoch kommen in Muirs Beschreibungen bis auf seltene Ausnahmen keine Menschen vor. Beim Lesen habe ich den Eindruck, Muir ist in dem menschenleeren Tal völlig auf sich alleine gestellt.
Abenteuer
Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher fast kindlichen Entdeckungslust, Muir sommers wie winters auf, durch oder hinter Wasserfälle klettert und völlig durchnässt aber glücklich nach Hause zurückkehrt. Auch Anstrengungen, für die wir uns erst einmal vorbereiten würden, sind für Muir ganz normal. Oder vielleicht zur damaligen Zeit grundsätzlich selbstverständlich. Gerade mal in der Nacht ein paar Meilen laufen, um einen besonderen Anblick des Mondes zu genießen, war für ihn völlig normal.
Selbst Schneestürme sind für ihn „glorious events“, die er gerne und ohne zögern oder einer größeren Vorbereitung als eine Scheibe Brot einzustecken nutzt, um weitere Abenteuer zu erleben. Auch wenn er gelegentlich davor warnt diese Abenteuer nachzuahmen, werden sie nicht weniger leichtsinnig und gefährlich.
Der Höhepunkt seines Leichtsinns sind die begeisterten Berichte über die Reise auf einer Lawine sowie eine Klettertour während eines Erdbebens. Der Flug des biblischen Propheten Elias mit dem Feuerwagen könne kein großartigeres Erlebnis gewesen sein als seine Reise auf der Lawine, schwärmt Muir.
Für fünf Jahre lebt Muir im Yosemite. Es bleibt leider unklar, wie und von was er dort lebt. Hatte er eine Arbeit? Zumindest machte sein Lebensstil es ihm möglich, zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit gerade mal eben ein paar Stunden zum nächsten Gipfel zu laufen, weil er dort eine besondere Wolke oder ähnliches beobachten will.
Die Vertreibung der Ureinwohner
Das Kapitel „Die frühe Geschichte des Yosemite“ ist ein absoluter Tiefpunkt in Muirs Buch. Für Muir beginnt die Geschichte des Yosemite mit den Goldgräbern, die 1850 dort ankommen. Die Goldgräber treffen auf Ureinwohner, die sich gegen die Besiedelung ihres Landes wehren. Also müssen diese Ureinwohner doch vorher schon da gewesen sein. Haben die First Nations keine Geschichte?
Dass die First Nations entfernt werden, ist für Muir völlig selbstverständlich. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass Goldgräber und Siedler die Eindringlinge sind. Nachdem das Yosemite Valley zum Nationalpark wurde, werden allerdings auch die weißen Siedler enteignet.
Das Vorwort
Im Vorwort wird John Muir von Mordecai Ogada aufs übelste als Rassist und Kolonialist beschimpft. Manches davon mag sogar stimmen. Dennoch ist das Vorwort aus einer gekränkten und vorwurfsvollen Sicht geschrieben. Für mich als Leser ist dies genausowenig eine neutrale Sicht, wie die von Muir. Schon nach wenigen Seiten dieser wütenden Vorrede, frage ich mich, weshalb ich das Buch überhaupt lesen soll, wenn Muir doch ein übler Kolonialist und Wildtiermörder ist – oder er zumindest Wildtiermörder kannte.
Gab es für den Verlag und die Herausgeberin keine andere Möglichkeit einer einordnenden und gerne auch kritischen Betrachtung Muirs? Weshalb stellt eine Herausgeberin dem Werk, das sie einer Öffentlichkeit zugänglich machen will, ein Vorwort voran, das aus allen Poren schreit: „Muir ist ein Kolonialist. Und Du Leser bist nicht besser als Muir, wenn Du es wagst Muir zu achten und Dich für sein Werk interessierst“.
Natürlich hat Ogada recht damit, dass Muir die Leistung der Ureinwohner beim Schutz der Landschaft nicht anerkennt. Bei Ogada liest sich das allerdings so, als hätte man nur Muir und den falsch verstandenen Naturschutz stoppen müssen und alles wäre gut geblieben. Die Bisons lebten noch heute und die amerikanischen Ureinwohner säßen noch immer im Yosemite am Lagerfeuer.
Übersetzung
Zuerst sind es Kleinigkeiten, über die ich stolpere, wie die Höhenangaben in Fuß. Das mag Muir so geschrieben haben, aber vom Verlag erwarte ich eine Übertragung für den hiesigen Leser. Was bei „Fuß“ noch kleinkariert klingen mag, ist spätestens bei Temperaturangaben in Fahrenheit ein echter Mangel. Sind 30 Grad Fahrenheit jetzt eher warm oder doch bitterkalt?
Mehrfach habe ich gelesen, dass Muirs Texte beim Erscheinen so beliebt und erfolgreich waren, dass die Touristen in Scharen in den Yosemite pilgerten, um die beschriebene Natur zu erleben. Ich frage mich, weshalb irgendjemand die ermüdenden Schilderungen zahlreicher Wasserfälle attraktiv gefunden haben soll. Bei Muirs Erlebnissen mit Schnee in Form von Lawinen und Stürmen zum ersten Mal den Eindruck, dass er vielleicht wirklich so schreibt, dass Menschen gerne den Yosemite besuchen. Für einen besseren Eindruck schlage ich eine der Passagen im Original nach:
„Fancy yourself standing beside me on this Yosemite Ridge. There is a strange garish glitter in the air and the gale drives wildly overhead, but you feel nothing of its violence, for you are looking out through a sheltered opening in the woods, as through a window.”
Daraus wird in der deutschen Version:
„Es war die lebendig gewordene Fantasie selbst, die sich mir auf dem Gebirgskamm offenbarte. Ein eigentümliches und auffallendes Funkeln lag in der Luft und der Sturm jagte wild umher, ohne dass man seien gewaltige Kraft merklich spürte. Es war fast so, als blickte man durch die Lücke der Schutz bietenden Wälder wie durch ein Fenster.“
Ähm, nun ja, die beschriebene Situation hat eine gewisse Ähnlichkeit. Aber wo kommt die Fantasie plötzlich her? Wo ist die persönliche Ansprache des Lesers hin? Und warum klingt das alles so verstaubt? Also nein, so geht das wirklich nicht. Ich tippe die wenigen Zeilen ab und gebe sie in der Übersetzungssoftware deepl.com ein:
Stellen Sie sich vor, Sie stünden neben mir auf diesem Yosemite-Kamm. Es liegt ein seltsames, grelles Glitzern in der Luft, und der Sturm treibt wild über uns hinweg, aber Sie spüren nichts von seiner Gewalt, denn Sie schauen durch eine geschützte Öffnung im Wald wie durch ein Fenster hinaus.
Hey, es geht doch! Es ist ungefähr das, was ich selbst auch verstanden habe. Bei dem „strange garish glitter” war ich mir nicht sicher.
Sowohl meine eigene Übersetzung als auch die automatische durch deepl weichen spürbar vom Matthes&Seitz ab. Es erschreckt mich, dass eine Computersoftware, die nichts über John Muir und das Yosemite-Valley weiß, sondern nur zwei aus dem Zusammenhang gerissene Sätze bekommt, dennoch eine aussagekräftige Übersetzung liefert als der von einem Fachmann persönlich erstellte und vom Lektorat geprüfte Text.


* Sowohl John Muir als auch die deutsche Übersetzung von 2021 verwenden den Begriff Indianer.