
Ein Herbststurm im Frühling? Ich sitze im sicheren Haus und bin dennoch auf der Hut vor der wütenden Kraft des Windes. Vor dem Fenster schaukeln, schlenkern, schwingen drei ineinander verwachsene Eiben. Die Zweige wie fuchtelnde Hände dem Sturm entgegengestreckt.
Die Vögel sind seit Stunden unsichtbar. Keine Amsel, die „vom Wind umhergeschleudert wird wie ein schwarzes Taschentuch im Wäschetrockner“*. Für den Leser klingt das lyrisch und dynamisch zugleich. Die Amseln werden es weniger mögen. Sie haben sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht.
Es ist noch gar kein Frühling. Der fehlende Schnee hat mir die Illusion vom Frühling eingeredet. Ein Wintersturm – 60 Jahre nach Hamburgs Sturmflut – weht, von den Küsten 300 Kilometer weit, bis zu mir ins wellige Hügelland. Und nicht nur ein einzelner Sturm. Wie die Hexen an Fontanes Brücke reihen sich die Unwetter aneinander. Gerade fegt das dritte in einer Woche über die Hügel. Im Wald zerren die Wirbelwinde an den Stämmen der von dürren Sommern müde gewordenen Fichten. Wie vielen werden sie den festen Stand rauben?


Nachts heulen die Böen durch die Gassen. Blitze peitschen auf die Häuserdächer ein. Gewitter schütten ihre Wassermassen wie ein trampelnder Balrog über tief geduckte Siedlungen. Flieht ihr Narren, ruft Gandalf. Doch wohin soll das sein? An die geschmolzenen Pole, die überfluteten Städte oder in die abgebrannten Urwälder? Selbst auf den Flügeln der Morgenröte ist kein Entkommen mehr.
Am nächsten Morgen entschließt sich der bleigraue Himmel, ein paar Schneeflocken unter den Wind zu mischen.
* John Lewis-Stempel: „Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood“ DuMont Buchverlag Köln. Eintrag vom 15. Januar