In meinem Kopf ist Wald der Ausdruck für „Natur“, für „dem Wetter verbunden oder ausgesetzt sein“, je nach Sonne oder Regen, für „unberührt, sich selbst überlassen“. Es ist der Ort für mir unbekannte Tiere und Geräusche. Der Ort für Schutz, Geborgenheit aber auch für furchtsame Abende, wenn es dunkel wird und ich allein in der offenen Schutzhütte sitze. Jedes Knacken kann ein Wildschwein sein, das sich genauso erschreckt wie ich oder der Förster der mich verjagt, weil es eine mir unbekannte Gesetzesverordnung gibt, die den Aufenthalt in Schutzhütten nach 22 Uhr untersagt.

So ein Wald ist das hier nicht. Hier steht das Verkehrsschild „Forstbetrieb frei“. Das hier ist kein Wald. Es ist Agrarland. Statt Weizen oder Mais wachsen hier Bäume. Spaziergänger dürfen durch den Betrieb schlendern. Ein Betrieb bleibt es trotzdem. Ein Bauernhof für Bäume. Ich werde neue Wörter brauchen, um dies zu beschreiben. Das Wort Wald ist schon vergeben.
Es ist eine Baumstammaufzucht. Im Gegensatz zu mir, dem geduldeten Passanten, darf der Betriebseigentümer mit dem Auto oder seinen Erntefahrzeugen hier herumkurven. Warum auch nicht. Ist es nicht in jeder Fabrik, jedem Maisfeld ebenfalls so, dass der Eigentümer, der Fabrikant, und ein Bauer ist letztlich nichts anderes als ein Fabrikant für Weizen, dass dieser sich frei auf seinem Gelände bewegen darf und ein vorbeischlendernder Passant nicht? Ich bin geduldet auf dieser Baumstammproduktionsfläche. Ich darf herumschlendern.
Ich entdecke, dass der Hinweis „Forstbetrieb frei“ einen anderen, früheren Hinweis überdeckt: „H1 Homberger Wanderverein“ stand da mal. Es steht da immer noch, aber es ist nicht mehr zum Lesen gedacht. Lesen soll der Wanderer jetzt „Forstbetrieb frei“. Achtung, lieber Wanderer, Du bist hier auf einer Transportstraße für Baumaufzüchter.
Der Baum, an dem dies hängt, ist schlank und hoch und grün beblättert. Auch für ihn brauche ich neue Worte. Für mich neue Worte. In diesem Fall kann ich Worte nehmen, die es schon gibt. Worte wie Flatterulme oder Schwarzerle. Ich kenne nur die Wörter Buche, Eiche, Ahorn, Linde. Keines davon passt. Fichte, Kiefer, Tanne kenne ich auch noch, aber die haben keine Blätter.
Um uns, den Baum, den ich nicht benennen kann, und mich, herum stehen kniehohe Buchen und Eichen. Sind sie die Zukunft dieses Baumaufzuchtareals? Sind sie bereits im nächsten 20-Jahresabholzungsplan verzeichnet? Mit Codenummern, Abholzungsdatum und Preisprognose? Oder sind sie noch frei? Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie langsam genug wachsen. Sie warten ab. Vielleicht ist die nächste Menschengeneration schlauer, hängt den Forstbetrieb ab und lässt Wanderer wieder durch einen Wald laufen.