Eine endlose Schicht aus graubraun zerfallenem Herbstlaub liegt leblos auf dem kalten Waldboden herum.
In diese Einöde werden die Vorboten geschickt. Die Vorboten sind dem, den sie ankündigen weit voraus. Der Name sagt es eigentlich, aber jetzt vor dem Frühling wird es besonders deutlich, wie mühsam das Leben der Vorboten ist. Der Frühling, den sie ankündigen, sitzt noch am warmen Kamin und lässt die Vorboten mal voraus reisen. Die Lage checken, ein bisschen Scharbockskraut aufstöbern.
Ein erster Vogelruf! Ein Lichtstrahl der einen Hauch länger leuchtet als gestern. Hey, die ersten Frühlingsvorboten sind unterwegs. So sehr ich mich über sie freue, in ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Der Wald, den sie treffen, ist noch nicht bereit. Er soll es durch die Vorboten erst werden. Ein undankbarer Job.


Sobald die Sonne sich wieder hinter den Horizont duckt, wird es kalt zwischen den kahlen Buchenstämmen. Das was die Vorboten ankündigen sollen ist ja noch gar nicht da. Stattdessen fegt die Kälte das letzte Mal mit mürrischem Blick durchs Unterholz. Sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Aber gehen mag sie trotzdem nicht freiwillig.
Heimlich spitzt sie zu den Frühlingsboten hinüber. Sie weiß genau, wo sie sich verstecken. Es gibt ein paar Ecken in ihrem Wald, die sie nur schlecht erreicht, die sie Wohl oder Übel auslassen muss bei ihrem Rundgang. Gerade jetzt – sie merkt selbst, dass sie schwächer wird – gelingt es ihr nicht mehr den Frost noch an alle Flecken des Waldes zu bringen. Dort sitzen die Vorboten nun und wärmen sich gegenseitig, diese luftigen Gesellen in ihrem dünnen Wams. Halb neidisch, halb bösartig, zieht sie weiter.
Noch müssen sie sich zusammenrotten, sich gegenseitig wärmen so gut es geht. Mit Geschichten und Bildern vom Frühling, der ihnen bald folgt. Täglich kommen nun weitere der luftigen Gesellen an. Dort eine weitere Vogelstimme. Hier ein erstes Waldveilchen. Es wird! Haltet durch ihr tapferen Vorboten!

Täglich gibt es nun Neuankömmlinge im Camp der Frühlingsvorboten. Das Buschwindröschen ist der spektakulärste von ihnen. Ganze Flächen des Waldbodens, der eben noch trocken und staubbraun war, sind plötzlich grün und blühend.
Allerdings können gerade sie mit dem Geplapper vom baldigen Frühling wenig anfangen. Die Buschwindröschen haben ihre eigene Zeit. Seit der Frühlingstagundnachtgleiche ist es ihnen endlich hell genug. Sobald der Frühling wirklich da ist, nehmen die Buchendächer ihnen das Licht. Sie beeilen sich für sich selbst. Was das Jahr noch an Frühling und Sommer zu bieten hat, ist ihnen nicht so wichtig.
Die Alteingesessenen lassen sich mittlerweile vom allgemeinen Trubel anstecken. Bäume und Büsche zeigen die ersten neuen Blätter. Der frischgüne Austrieb leuchtet im Sonnenlicht.


Aber so leicht lässt sich die Kälte nicht die Butter vom Brot nehmen. Oder, mit ihren Worten, den Frost aus den Kleidern ziehen. Es ist ja nicht ihr erster Winter, beileibe nicht. So alt müssen diese Jüngelchen erst einmal werden. Dieses Mal ist sie vorbereitet. Sollen die luftigen Gesellen mit ihren Sonnensplittern und den wehenden Blüten doch kommen. Ich warte ab, denkt sie sich. Noch ein paar Tage. Blüten und Knospen sollen ruhig denken, dass sie den Wald übernehmen können.
Regelmäßig prüft sie ihre Vorräte. Zur Sicherheit. Nichts ist peinlicher als ein Kälteeinbruch, der bei 20 Grad startet und dann bei plus 12 Grad orientierungslos in einem lauen Frühlingsabend umherirrt. Heute überzieht ein beharrlicher Regenschauer den Himmel mit einem ausdrucklosen bleigrau. Jetzt ist ihre Chance gekommen. Ganz arglos mischt sie die ersten Schneeflocken unter den Regen. Sie fallen nicht weiter auf. Bis sie am Boden ankommen, sind sie geschmolzen. Und trotzdem sind sie kalt wie Eis. Mit jeder geschmolzenen Flocke wird es kühler. Für jede geschmolzene Flocke segeln zwei neue durch den Abend. Da, die erste schafft es bis zum Boden. Die Kuhschellen läuten Alarm. Aber es ist zu spät. Die Kälte hat sie überrumpelt. Sie hat es tatsächlich geschafft, diese hinterlistige Alte. Seit Tagen schlich sie um die größer werdenden Gruppen der Frühlingsboten herum und konnte ihnen doch nichts anhaben. So dachten sie. So wähnten sie sich in Sicherheit. Waren sie doch schon so viele geworden. Wind und Dunkelheit, die können sie ertragen. Die niedrigen Temperaturen zu Not auch. Doch dieses eiskalte flockige Nass, das ist zu viel. Einige der Vorboten werden aufgeben müssen. Der bleigraue Himmel senkt sich zu einer finsterschwarzen Nacht über den Wald hinab.


Lichte, Naturpark Knüll, März 2022