
Mir gefallen Thoreaus einleitende Worte zum Thema Schlendern (eng. to saunter) so sehr, dass ich mich darauf freue, in diesem kurzen Werk einen guten Begleiter für meine Wanderungen zu finden: Ich habe im Laufe meines Lebens nur ein oder zwei Personen getroffen, die die Kunst des Gehens, d.h. des Spazierengehens, verstanden – die sozusagen ein Genie für das Schlendern hatten, welches Wort schön abgeleitet ist „von müßigen Leuten, die im Mittelalter durch die Lande zogen und um Almosen baten, unter dem Vorwand, à la Sainte Terre, ins Heilige Land zu gehen“, bis die Kinder riefen: „Da geht ein Sainte-Terrer,“ ein Saunterer, ein Heiliger-Länder.
Immer wieder bin ich halbe oder ganze Tage im Naturpark Knüll unterwegs und erkunde die Landschaft. Ich halte oft an, um eine besondere Blume zu fotografieren, Notizen zu machen oder ganz allgemein die Aussicht zu genießen. Dadurch brauche ich oft die doppelte Zeit, die für eine Strecke angegeben ist. Mein Tempo ist damit eher ein Schlendern, auch wenn die Länge der Strecke als Wanderung gelten kann. Für die Runde rund um den Eisenberg packe ich mir „Wandern“ von Henry David Thoreau ein. Ich freue mich darauf, unterwegs eine Teepause mit Thoreau machen zu können, und bin gespannt, welche Ideen Thoreau noch zum Unterwegssein entwickelt.
Doch ich stelle schnell fest, dass es ein Fehler ist, sich auf etwas von Thoreau zu freuen. Es ist immer wieder derselbe Thoreau, der da schreibt. Nämlich der Thoreau, der ausführlich erklärt, dass alle Menschen seines Städtchens unwissend sind und unfähig ein gutes Leben zu führen, weil sie sich um materielle Dinge kümmern anstatt wie er in der Natur zu sitzen. Die Idee „Mehr Natur und weniger Konsum“ ist ja richtig. Bei Thoreau wird es jedoch zu einem sich ständig wiederholenden, vorwurfsvollen Gejammer. Wo ist die Freude darüber, dass er seine Tage in Freiheit und der Natur verbringen kann? Zumal diese Freiheit nicht selten darauf beruht, dass er mit Land, Möbeln und Lebensmitteln von genau jenen Menschen unterstützt wird, denen er vorwirft Sklaven, des Konsums zu sein. Und wer soll sich von Thoreaus Wanderungen begeistern lassen, wenn er nur beschimpft wird?
Ich jedenfalls klappe Thoreaus Wanderungen nach der ersten Tasse Tee wieder zu.
Ich genieße den Blick auf die Rhön und rätsele, welche der Gipfel im Dunstschleier der Ferne tatsächlich die Wasserkuppe ist.
Nur wenige hundert Meter weiter findet sich ein ähnlicher Panoramablick auf den Vogelsberg mit seinen unzähligen Windrädern.
Auf der Wiese vor mir tummeln sich die Schmetterlinge. Viele von ihnen sind mir noch unbekannt. Ich mache ein paar wacklige Fotos.
Hier und Jetzt, das ist wichtig beim Wandern. Thoreau und sein Gejammer sollen sich zum Donnerdrummel scheren!