Quer – Feld – Ein

Eine Schneise der Verwüstung quert den Waldweg.

Ich bin gleichermaßen entsetzt und erstaunt, mit welcher Zerstörungskraft sich hier etwas durch den Wald bewegt hat. Eine Schar mittelalterlicher Raubritter wäre eine leichtfüßige Harmlosigkeit gegen diese Macht, die alles, was an Kraut und Baum im Wege stand, unter sich zermalmte.

Und dennoch ist es auch bewundernswert, mit welchem Geschick diese Zerstörungskraft zuerst einige der Bäume umkurvte und hernach einen Steilhang hinabfloss ohne dabei selbst zu schaden zu kommen.

Was ist hier passiert? War dies etwa das Aufräumen nach dem Sturm? Da wäre der Sturm die bessere Wahl gewesen. Oder funktioniert so die Holzernte in unwegsamem Gelände? Kein Gärtner würde seinen halben Garten zerstören, nur um an die ausgewachsenen Kohlköpfe zu kommen.

Die Bruchstücke aus zerstörten Fichtenarmen liegen hier, als sei die Zerstörung gerade eben erst hindurchgerollt. Quer-Feld-Ein ist das erste, was mir zu diesem Anblick einfällt. Mit Blick auf die Landschaft vor dem Waldrand müsste es eher allerdings Quer-Wald-Aus heißen. Die Schneise endet erst am Waldrand. Was auch immer diese Verwüstung bewirkt hat, es kam aus der Mitte des Waldes und fraß sich hindurch bis zum Waldrand. Wo mag es jetzt sein? Welches Feld, welche Flur wird das nächste Opfer?

Ein Schmetterling flattert aufgeregt umher. So schnell, dass ich kein Muster auf den Flügeln erkennen kann. Er enthebt mich damit der Pflicht, ihn beim Namen nennen zu müssen und überdeckt mein Unwissen zur Namensvielfalt der Sommerfalter.

Ein paar Felder von der Schneise entfernt rauscht eine Autostraße. Ein dumpf röhrender Ton lässt mich kurz fürchten, das Waldschneisenmonster kehre noch einmal zurück. Was will es denn noch hier? Die letzten Reste bereits toter Äste zermalmen? Hinter welchem Baum kann ich Zuflucht suchen gegen solcherlei Gewalt? Der Kleinlaster, der sich langsam durch das Sichtfeld schiebt, wäre beim Schrotthändler besser aufgehoben.

Als ich still genug sitze, entdecke ich einige Baumschösslinge, die die Zerstörung überlebt haben. Flexible Resilienz. Kein Achtsamkeitsseminar könnte es besser erklären als diese Baumjünglinge. Einige haben frisches Grün und Dornen. Vielleicht junger Weißdorn. Die Winzlinge sind eindeutig holzig, also keine Brombeerranken. Allerlei Waldkräuter sprießen ungeachtet der Zerstörung um sie herum.

In der benachbarten Schneise blühen Buschwindröschen. Sie blühen nur in der kurzen Zeit, bevor sich das Blätterdach über ihnen schließt. Und doch sind sie langlebiger als alle menschgemachte Zerstörung.

In die Wärme des Frühlingstages mischt sich der Duft nach Brombeeren.

Lichte, Naturpark Knüll, März 2022


Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..