
James Crowen beschreibt in „Der gefrorene Fluss“ eine seiner Reisen in das entlegene Zanskar-Tal im Himalaya, sowie eine Karawane zu Fuß auf dem gefrorenen Fluss als einzigem im Winter möglichen Verkehrsweg aus dem Tal heraus. Das Buch ist 2020 erschienen und beschreibt die Zeit von 1976.
Ich war noch nie in Indien, dem Himalaya oder gar in den alten Königreichen Sikkim und Bhutan. Ich beginne schon zu frieren, wenn die Wettervorhersage einstellige Temperaturen auch nur ankündigt. Und doch lausche ich gebannt James Crowdens Bericht über den Winter im Zanskar-Tal.
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Die Region Zanskar und der gleichnamige Fluss liegen im Norden Indiens und sind Teil des zwischen Indien, Pakistan und China umstrittenen Kaschmir. Das etwa 200 Kilometer lange Zanskar-Tal ist von zwei Flüssen geprägt, die von Nordwesten bzw. Südosten durch das Tal fließen. Die beiden Flüsse vereinigen sich am Hauptort Padum zum Fluss Zanskar, der durch eine Felsenschlucht noch Norden fließt. Das Zanskar-Tal ist bis heute nur von Nordwesten über den 4400 Meter hohen Pass Pensi La erreichbar. Im Winter, wenn der Pass von Schnee versperrt ist, und der Zanskar-Fluss zufriert, ist die Wanderung auf dem Eis des Flusses der einzige, aber sehr gefährliche Weg aus dem Tal heraus.
Zanskar ist eine eindrücklich von der Welt abgeschnittene Region. Eine durchgehende Straße entlang des Zanskar-Flusses gibt es noch immer nicht. Etwa die Hälfte ist mit einer single-Trak Schotterpiste erreichbar. Immer wieder schlage ich bei Wikipedia oder Google Maps nach, um besser zu verstehen, wie die beschriebenen und erwähnten Regionen miteinander zusammenhängen. Ohne es zu beabsichtigen ist „Der gefrorene Fluss“ auch ein Lehrbuch über die Regionen Kaschmir, Ladakh und Zanskar.
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Oft wirkt es, als sei Crowden eine Art buddhistischer Hippie, der mit FlipFlops gerade mal eben ein paar alte Tempel und eine sagenumwobene Reiseroute entdecken will. Der Eindruck entsteht durch Crowdens freundlich-leichten Schreibstil. Er schreibt immer realistisch, aber er jammert nie über die Kälte oder andere Schwierigkeiten. Im Kopf entsteht beim Lesen das Bild eines durchgefrorenen, aber fröhlichen Wanderers.
Durch das Nachwort und eingestreute Bemerkungen wird deutlich, wie akribisch Crowden sich vorbereitet hat. Aus der eigenen Familie und über die verschiedensten Ecken ist er international vernetzt und wird mit Informationen, inoffiziellen Landkarten und Empfehlungsschreiben unterstützt.
Es gab sogar eine Vorbereitungsexpedition im Sommer 1976, bevor er den Winter 76/77 dort verbrachte. Auch die gelegentlich aufgezählten Ausrüstungsgegenstände, machen deutlich, dass dies kein spontaner Ausflug ist. Allein zwei verschiedene Paar Skier hat er dabei. Zusätzlich drei verschiedene Schnee-Schuhe, eine halbe Bibliothek und vieles andere mehr. Mit seiner Ausrüstung kann er einen kleinen LKW füllen. Die Verpflegung für sechs Monate zählt noch extra obendrauf. Auf den letzten 150 Kilometern zu seinem Winterquartier wird alles dies von 4 Pferden über 2 Pässe getragen.
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Vor der geplanten Wanderung auf dem gefrorenen Fluss Zanskar verbringt Crowden etwa drei Monate in dem Dorf Padum. Im November ist der späteste Zeitpunkt, um über die Pässe ins Tal zu gelangen. Aber erst im Februar ist das Eis verlässlich, um mit der Karawane über den Fluss zum Markt in Leh (Ladakh) aufzubrechen.
In kurzen Kapiteln stellt er einzelne Personen aus dem Dorf und deren Geschichte vor. Wie etwa den Schmied, der ihm aus alten Benzinkanistern einen Ofen baut. Stück für Stück erschließt sich auf diese Weise die Dorfgemeinschaft. Das allgemeine Leben im isolierten Zanskar-Tal im Himalaya ist ein gleichberechtigter Teil des Buches. Wie lebt es sich, wenn die nächste Stadt (Kargil) fünf Tagesreisen mit der Karawane entfernt ist und zudem nur im Sommer erreichbar ist? Der risikoreiche Winterweg zum Markt nach Leh dient hauptsächlich dem Verkauf von Butter.
Crowden hat wirklich einen freundlichen, ja schon liebevollen Blick auf die Menschen, über die er schreibt. „Die Mütze des Mönches war schon lange in Gebrauch“, schreibt er. Ich vermute sehr, dass ein neutraler oder an westliche Sauberkeit gewöhnter Blick die gleiche Mütze als dreckstarrend, mottenzerfressen oder zumindest als verschlissen beschreiben würde.
Das Reiseziel ins Zanskar-Tal ist nicht nur eine ungewöhnliche Region und eine Herausforderung aufgrund der Temperaturen, es ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Lebensweisen, die wir nur noch aus dem Geschichtsbuch kennen, sind 1976 dort noch alltäglich. Nomadische Bauern, die in Zelten aus Yak-Haaren leben, mit den Tieren von Weide zu Weide ziehen, Butter rühren und als Brennholz Yak-Dung verwenden. James Crowden erlebt es zufällig mit, als das erste Auto in Padum ankommt. Ein ganzes Tal ist bis 1976 vollständig autofrei. Selbst die wenigen autofreien Sonntage sind allen, die alt genug sind, noch deutlich im Gedächtnis. Aber gar keine Autos, an gar keinem Tag? Unvorstellbar!
Die Anmut und, ja, die Würde, mit der Crowden das Leben im Dorf beschreibt, lässt oft vergessen, wie beschwerlich der Alltag ist. Als er nur einen Tag vergisst, seinen Wasserkanister in den Stall zu stellen ist er eingefroren und es dauert mehrere Tage, bis er auftaut. Der Ofen, den der Schmied später für ihn baute, hob die Durchschnittstemperatur seiner Kammer dann über den Gefrierpunkt.

Crowden beginnt den Tag damit den Sonnenstrahl zu beobachten, wie er an der Wand entlangwandert und schließlich die Landschaft aus Eiskristallen, die sich jede Nacht auf seinem einzigen und winzigen Fenster bildet erreicht. „Eis ist einfach nur Wasser, das innehält“. Alles sehr zurückgenommen. Als Leser habe ich den Eindruck, dass die Stille, die ihn umgibt, auch in sein Schreiben eingedrungen ist. Da ist keine hektische Betriebsamkeit, um das Eis zu vertreiben und etwas Wärme in die Kammer zu bekommen.
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Ich erlebe das Leben der Dorfbewohner oder auch der Nomaden mit ihren Schafen nicht als im „Einklang mit der Natur“. In Zanskar ist es eher so, dass der Mensch ein Teil der Natur ist und dort genauso lebt wie die Yaks oder der Fluss. Es ist nicht der Mensch, der entscheidet im Einklang zu sein oder eben die Natur nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Es ist „die Natur“ an die der Mensch sich anpassen muss, um den Winter zu überleben.
Wieso verstehen die einfachen Bauernvölker abseits der Zivilisation so viel mehr von den wesentlichen Dingen als wir zivilisierten Kulturen? Jeder Zentimeter Schnee führt bei uns zu Chaos auf den Straßen und jeder Politiker, der noch etwas werden will, fordert eine sofortige Maßnahme. Je absurder, desto besser. Vielleicht sollten wir den CO2-Ausstoß ja erhöhen, um die Straßen im Winter eisfrei zu halten? Die Bauern ins Zanskar, die in ihrem Leben das Tal noch nie verlassen haben, verstehen dagegen ohne Probleme, was es heißt, wenn zu wenig Schnee fällt und die Gletscher zurückgehen.
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Erst nach fast der Hälfte des Buches beginnt die Wanderung auf dem gefrorenen Fluss. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Crowden bei der Anreise nach Padum und dem Leben dort so viel dramatisches und lebensbedrohliches erlebt, dass die Wanderung auf dem Eis sich davon kaum noch abhebt. Statt in jeder Nacht in seiner Kammer zu erfrieren, läuft er jetzt eben den Fluss entlang.
Während der Wanderung auf dem Fluss schildert Crowden viele Erlebnisse aus der Wir-Perspektive. Ich bin unsicher, ob er wirklich für das Wir der Gruppe spricht. Die für ihn außerordentliche Wanderung ist für die Bewohner des Tales ein normaler Teil des Jahreslaufs. Der Sommer besteht aus Weidewirtschaft, der Herbst aus Buttermachen und der Winter ist die Zeit die Butter auf dem Markt zu verkaufen.
Wenn ich innerlich einen Schritt zurücktrete, dann ist dieser Ablauf nicht so verschieden von Astrid Lindgrens Erzählungen, in denen die Fahrt zum Markt oder das Kirchweihfest der Jahreshöhepunkt ist. So ist es auch für die Bauern im Zanskar-Tal. Der Verkauf der Butter ist einer der Höhepunkte des Jahres und zugleich die Haupteinnahmequelle. Auch die Höhlen am Fluss die zur Übernachtung dienen, sind regelmäßig benutzt und gehören zum Alltagswissen der Talbewohner.
Einer der Gefährten Crowdens will in Leh neue Gummistiefel kaufen. Ein anderer einen besseren Ofen. Wie weit ist der Lebensrhythmus dieser Menschen doch von unserem Konsum via Online-Händler entfernt. Ein paar Gummistiefel sind der Lohn für harte Arbeit beim Herstellen der Butter und einer lebensgefährlichen Wanderung 5 Tage hin und 5 Tage zurück. Beide Strecken mit schwerem Gepäck. Auf dem Hinweg mit der wertvollen Butter. Auf dem Rückweg mit Einkäufen, die teilweise bis zum nächsten Winter ausreichen müssen.
Die zwei schwierigsten Tage beginnen als die Schlucht so eng und steil wird, dass nur noch der Fluss und sein Eis dort Platz haben. Oder sind es drei Tage? Die Erinnerungen beginnen zu verschwimmen. Zu surreal sind die Erfahrungen auf dem Weg nach Leh: Gefrorener Nebel, kaum Sonnenlicht erreicht den Grund der engen Schlucht, Stehenbleiben bedeutet Frieren bis hin zum Erfrieren. Es gibt keine Möglichkeit auszuweichen. Laufen, Rasten, Schlafen, alles findet auf dem Eis statt.
Am sechsten Tag beginnt die Schlucht sich zu öffnen. Am siebten Tag ist das erste Dorf des neuen Tales in Sichtweite. Dort treffen die Wanderer auf Menschen, LKWs und Dörfer. Eine bunte Welt öffnet sich. Die Gruppe teilt sich auf und jeder geht seinen eigenen Plänen nach. Crowden, der sowohl Teilnehmer aber auch Beobachter ist, fällt auf, wie es mit jedem weiteren Tag in Leh mehr Marktstände gibt, die Zanskar-Butter verkaufen.
Das Wetter in Leh ist anhaltend gut. Das ist ein schlechtes Zeichen für die Rückreise. Es ist inzwischen Mitte Februar. Das Eis auf dem Fluss ist in schlechterem Zustand als auf dem Hinweg. Nach dem packenden Bericht über die Hinreise ist nun ein bisschen die Luft raus. Die Rückreise, die nicht weniger dramatisch verläuft als die Hinreise, wird auf wenigen Seiten geschildert. Als Leser habe ich den Eindruck, dass alle froh wieder zu Hause im stillen und entlegenen Zanskar zu sein. Das bunte Leben in Leh ist schön anzusehen und der Markt ist wichtig für die Versorgung, doch nun freuen sich alle auf das stille Padum.

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Mit der Rückkehr nach Padum ist der Bericht „Überwintern in Zanskar“ ist eigentlich abgeschlossen. Das Kapitel „Das Kloster von Karsha“ könnte gut ein eigener schmaler Band sein. Für Crowden schließen sich diese Erlebnisse chronologisch an das Leben in Padum und die Wanderung auf dem Fluss an. Gleichzeitig ist dieser Abschnitt so eigenständig, dass er ein eigenes Buch bekommen könnte.
Das zum hinduistischen Indien gehörende Zanskar-Tal ist vom Buddhismus geprägt. Die verschiedensten buddhistischen Riten prägen den Alltag und begleiten alle größeren Entscheidungen.
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Die im letzten Abschnitt des Buches geschilderte Skitour steht in krassem Gegensatz zu der akribischen Vorbereitung der Tour als Ganzem und der Wanderung über den gefrorenen Fluss. Ich empfehle jedem, das Kapitel „Wölfe und Lawinen“ zu überspringen.
Mit Verpflegung für 5 Tage macht er sich auf eine 100 Kilometer lange Tour, obwohl er eine Woche zuvor eine nur acht Kilometer lange Tour auf Schneeschuhen nach der Hälfte abbrechen musste. Dennoch nimmt keine Reserve oder sonstige Sicherheiten mit. Es endet damit, dass er einige Tage länger braucht als geplant und die letzten beiden Tage ohne Verpflegung weit jenseits der eigenen Kräfte unterwegs ist. Er überlebt nur, weil in einem der Häuser entlang seiner Tour Licht brennt. Ohne diesen Wegweiser auf, den er die letzten Kilometer zuhalten kann, wäre er im Schnee verhungert und erfroren.