
Das Buch beschreibt Peter Matthiessens unfassbar anstrengende Wanderung durch Nepal im Jahre 1973. Matthiessens Reisebegleiter George Schaller und dessen Beobachtungen von Himalaja-Blauschafen kommen auch vor. Der titelgebende Schneeleopard wird gelegentlich erwähnt. Die beigefügten Karten sind leider sehr schlecht. Ich verbringe viel Zeit damit, bei GoogleMaps nach jeder der irgendwo genannten Wegmarken zu suchen, um eine Vorstellung der Route zu bekommen.
Wie auch schon „Der gefrorene Fluss“ von James Crowden ist der Text automatisch eine Lehrstunde in Geographie, Geschichte und Religion. Auf den ersten Tagen der Tour sind landschaftliche Beschreibungen und Gedanken zu den negativen Auswirkungen des westlichen Wirtschaftssystems ein wichtiges Thema. Mich beeindrucken die Fülle der sachlichen Informationen und die Vielzahl der Landschaftsbeschreibungen, die Matthiessen schildert. Wann hat er bei einer solch schweren Tour noch die Kraft und die Zeit, dies alles zu notieren?
Mit jedem Tag der Reise werden die Strapazen und Entbehrungen größer. Unter größten Anstrengungen und selbstgewählten Widrigkeiten laufen Peter Matthiessen und George Schaller zum Kloster Shey. Dort beobachten sie Blauschafe und hoffen auf die Begegnung mit einem Schneeleoparden. Seite um Seite füllt Matthiessen nun mit immer neuen Erläuterungen zum Buddhismus oder zu einem bestimmten Mönch oder der historischen Entwicklung Tibets. Anfangs ist das interessant, doch immer wieder steigt er neu ein in den Buddhismus oder die Berichte seines Drogenkonsums. Matthiessen unterscheidet zwischen dem Ich, das er selbst ist, dem Ich, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickt und dem Ich, das in Nepal in einen Schlafsack gewickelt ist. Außerdem macht ihm die Höhenluft zu schaffen und die Welt beginnt um ihn herum zu kreiseln. „Ich kann die Welt fest oder fließend wahrnehmen. Die Erde pulsiert, das Gebirge strahlt, als ob alle Moleküle darin frei tanzen.“ Was davon ist Höhenkrankheit, was Haschischrauch und was Meditation?
Dies ist nun mein drittes Himalaja-Buch und ich frage mich zunehmend, was der Sinn einer solchen Reise ist. Da laufen zwei Menschen aus den USA durch Nepal und brauchen vier Sherpa und 14 Träger, um das Gepäck zum eigentlichen Startpunkt der Expedition zu tragen. Die Träger für das Gepäck laufen ihnen regelmäßig davon und jedes Mal ist es teurer und schwieriger neue Träger zu finden. Lässt sich eine solche private Expedition wirklich nicht besser vorbereiten? Schließlich schaffen sie die Strecke von Pokhara nach Dolpo in 22 Tagen und haben damit erst den eigentlichen Ausgangspunkt ihrer Expedition zum Kristallberg erreicht.
Darüber hinaus verwundert mich die ständige Missgunst innerhalb der Gruppe. Ein seltsames Nebeneinander von fast liebevoller Gastfreundschaft, Naturverbundenheit und der Beschreibung der Träger als betrügerische Verhandler. Auch die einzelnen Träger schauen aufeinander herab, weil dieser oder jener aus dem falschen Dorf ist. Schaller kann wohl keinen einzigen der Träger leiden, weil sie alle zu langsam sind. Im nächsten Moment dann wieder herzliches Miteinander.
Der Klappentext meiner Taschenbuchausgabe trifft die beste bisher gelesene Beschreibung des Buches.
Peter Matthiessens Reise in das Hochland an der tibetischen Grenze geht weit über ein packendes Abenteuer hinaus. Es ist eine „Pilgerschaft des Herzens“, die ihn die Grenzen des eigenen Ichs erfahren lässt. Unter extremen äußerlichen Bedingungen erlebt er eine Welt, in der sich dramatische Naturgewalten und die Mystik der tibetischen Mönche zu einer Realität verbinden, in welcher der zurückgelassene Alltag unwirklich und das Unwirkliche vertraut wird.
Es geht in dem Buch tatsächlich weniger um den Schneeleoparden und die Expedition von George Schaller. Matthiessen beschreibt seine Sicht auf diese Expedition. Schaller und dessen Blauschafe finden regelmäßig Erwähnung, sind aber nicht das zentrale Thema.
Matthiessen selbst kann auf die Frage, weshalb er Schaller begleitet, keine Antwort geben. Das lässt verstehen, warum der Inhalt des Buches so unklar ist.