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Der Wanderweg ist nur noch eine gestrichelte Linie auf der Karte. Die überregionalen Wege sind auf den letzten Kilometern abgebogen. Von meinem lokal ausgeschilderten Weg habe ich im Dorf das Schild gesehen, das zur Zeichnung auf der Karte gehört. Hier im Wald bin ich allein mit der gestrichelten Linie und einem besonderen Baum, der mir den Weg weisen soll.

Ein einzelner besonderer Baum? In einem Wald aus Bäumen ist das gar nicht so einfach. Welcher soll das sein? Eine ganze Reihe von Bäumen lassen sich für besonders halten:
- Ein großer einzelner Baum auf einem Feld. Wie schafft der Bauer es, sein Feld bis an den Stamm des Baumes zu beackern ohne den Baum zu verletzten? Beide, Baum und Feld, sehen perfekt aus. So stelle ich mir die Agroforstkultur vor. Leider führt der Weg gar nicht an diesem Baum vorbei.
- Eine ganze Gruppe toter Fichten. Noch ragen sie aufrecht aus dem Wald hervor. Was gibt den abgestorbenen Bäumen noch so viel Halt, dass kein Sturm sie hinwegfegt? Meine Karte ist schon einige Jahre alt. Damals waren die Fichten sicher noch grün. Und im nächsten Frühjahr werden die Fichten vielleicht nicht mehr stehen. Diese Fichten sind wohl nicht als Wandererorientierungspunkt auserkoren – auch wenn sie während meiner Wanderung ein besonderer Anblick sind.
- Ein eher kleiner, aber ungewöhnlich knorriger Stamm mit Ästen, die wie Finger nach dem Himmel greifen. Ich denke sofort an die Landschaften aus Tolkiens „Hobbit“. Aber dieser Baum steht mitten im Wald und kein zusätzlicher Weg führt an ihm vorbei, so dass ich mich rechts oder links halten könnte.

Wie gehen die Bäume untereinander mit dem Begriff „besonders“ um? Gibt es so etwas für sie überhaupt? Muss auch unter Bäumen, wie bei uns Menschen, einer erst alle anderen ebenso bemerkenswerten in seinem Umkreis übertrumpfen, um als „besonders“ anerkannt zu werden?
Mitten zwischen den Bäumen und meinen Gedanken finde ich an einem weiteren einzelnen Baum mein Wanderwegzeichen. Noch bin ich also richtig. Aber das heißt auch, dass keiner der bisherigen Bäume außergewöhnlich genug für den Landkartenzeichner ist.
Lange laufe ich noch auf diesem Weg umher, der sich nur dann gabelt und kreuzt, wenn kein einzelner Baum weit und breit ist. Der erste Weg führt zu weit nach links. Der zweite Weg geht steil bergab anstatt weiter bergan. Keine der Kreuzungen passt zu meiner Karte. Weder mit noch ohne Baum.
Endlich. Durch die Wipfel sehe ich Häuser. Nun kann ich abschätzen, wie sehr ich fehl gelaufen bin. Wie weit ich zusätzlich laufen muss, um an mein Ziel zu kommen. Ich bin einen Umweg von einem Dorf gelaufen. Entlang der gut beschilderten Landstraße laufe ich die zusätzlichen Kilometer nach dort, wohin der Weg durch den Wald versprochen hatte mich zu bringen.
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Es dauert ein ganzes Jahr, bis ich erneut auf die Suche nach dem Baum auf der Wanderkarte gehe. Ich laufe nun von einer anderen Seite aus in den gleichen Wald. Ein langer und verschlungener Weg führt mich bergan. Ich bin überrascht, wie wenige Menschen ich treffe. Wegweiser gibt es auch auf dieser Seite des Waldes keine.
In solchen Momenten wird mir klar, wie sehr die Dinge miteinander verwoben sind. Die großen Themen unserer Zeit und die Alltagskleinigkeiten: Wanderer sind nur dort unterwegs, wo es verlässliche Beschilderungen gibt. Der Weg durch den Wald wäre viel kürzer als die Landstraße. Aber niemand mag durch den Wald irren und im falschen Dorf ankommen.
Wanderwege könnten ein Teil des öffentlichen Personenverkehrs sein. Gerade in der sogenannten Fläche, also dort, wo die Großstadt und deren dichtes Netz aus U- und S-Bahnen endet. Außerhalb dieser Netze wird oft der unzureichende öffentliche Personenverkehr bemängelt. Die Menschen seien quasi gezwungen, ein eigenes Auto zu nutzen. Doch wer zwingt sie? Ich erlebe gerade, wie schwer es ist, einen Weg abseits der Autostraßen zu finden. Es ist also gar nicht immer die Bequemlichkeit des Autofahrens oder die fehlende Bus-Linie, die mich zwingen das Auto zu nutzen. Schon ein verlässlicher Wegweiser durch den Wald könnte helfen, dem Personenverkehr eine neue Option zu geben.

Bei dem heutigen Versuch, diesen gar nicht so großen Wald zu durchqueren, lasse ich mich von der Landkarte und einer Wander-App unterstützen. Trotzdem irre ich genauso umher, wie vor einem Jahr. Wohl oder übel folge ich dem Weg, bis ich fast den gesamten Wald durchquert habe und den Ausgangspunkt der ersten Wanderung sehen kann. Erst jetzt gelingt es mir, einen Weg zum geplanten Ziel zu finden. Irgendwo auf diesen kreisenden Irrwegen habe ich nun auch den damals gesuchten besonderen Baum gefunden. Es ist eine eher unscheinbare Hainbuche. Sie steht weder für sich alleine, noch hat sie eine für mich erkennbare Besonderheit. Auf einer Seite trägt sie ein verwittertes Hinweisschild. Von der anderen Seite geht man achtlos daran vorbei.
Naturpark Knüll, August 2022