Eineinhalb Stunden bin ich nun unterwegs. 90 Minuten für eine Strecke von 2,5 Kilometern. Steinige Wege, einige Anstiege, ein paar Fotos, allerlei Notizen. Das, was sonst in 2 Minuten vor dem Autofenster vorbeifliegt, habe ich nun in der 50-fachen Zeit mit eigenen Schritten durchquert.
An einer Kreuzung, einer ganz normalen Landstraßenkreuzung, bleibe ich lange stehen, während Motorräder bergan heulen. Ich möchte ohne Eile diese wenigen Meter Asphalt zu überqueren. Zehn oder 15 Meter, das ist wirklich nicht viel im Vergleich zu den Kilometern die nach der Kreuzung noch vor mir liegen. Und doch stehe ich hier wie vor einem riesigen Hindernis und warte.
Weshalb haben die Blechkisten die Hoheit über den Asphalt? Selbst wenn gerade keine an mir vorbeirauscht, muss ich als Fußgänger ständig bereit sein zur Flucht vor dem rollenden Blech. So muss sich auch eine Wildkatze fühlen. Kein Wunder, dass sie Schwierigkeiten hat sich auszubreiten. Eine Autobahn ist eine größere Herausforderung als ein Fluss oder der innerdeutsche Grenzstreifen, als es noch zwei Deutschlands gab. Ja, Fahrzeuge sind in der heutigen Zeit selbstverständlich und sogar notwendig. Doch muss so viel Fläche ausschließlich für Blechboxen reserviert werden? Und jeder andere, ob Wanderer oder Igel, muss Platz machen?
Je langsamer ich unterwegs bin, desto grundlegender werden meine Gedanken. Entschleunigung nicht als Buzzword aus dem Achtsamkeitsratgeber, sondern als tatsächlich messbare Verlangsamung. Von Tempo 80 runter auf 1,7.


Biosphärenreservat Rhön, September 2021