1 Schnell, schnell
Vor zwei Wochen war ich schon einmal hier. Eine blühende Bergwiese mit Blick übers weite Land. Die Wiese voller Blüten, aber ich ohne die Muße, auf die Eindrücke zu warten. Ich hatte nicht verstanden, wie besonders dieser Ort, diese Zeit ist. Heute nun der zweite Anlauf. Schnell, schnell, damit ich Schönheit der Landschaft nicht erneut verpasse. Schnell, schnell die wenigen hundert Meter durch das Wäldchen, über die karge Wiese, bergan zur Lieblingsbank mit Aussicht.
Auf Schritt und Tritt springen mich Gedanken an. Viel mehr als in jeder Stadt. Viel mehr als ich mir merken kann. Ich versuche es trotzdem. Es muss doch möglich sein, sich die Stichworte Fichtenrodungsmonster, Lupine, Heidelstein im Kopf zu behalten. Schlangenknöterich. Schwups, und weg ist das Fichtenrodungsmonster. Mein Kopf funktioniert wie eine Rollenbahn. Jedes neu eingelegte Stichwort schiebt ein anderes ins Vergessen. Ich bleibe stehen und mache die Notizen doch an Ort und Stelle. Das Gesumm und Gewirr der Fliegen bedrängen mich. Die Sonne steht hoch am Schleierwolkenhimmel. Schnell, schnell, damit ich Zeit für die Bergwiese habe.
Verblüht. Meine Eile kommt zu spät. Die Natur hat ihre eigene Zeit. Die leuchtendbunte Blüte ist verschwunden. Weit verteilt, einzelne blaue Punkte auf der grob gemähten Wiese. Gezwitscher aus allen Richtungen. Die Vögel müssen noch da sein. Die Sonne sticht. Fliegengesumme. Ich habe den Strohhut vergessen. Naturzeit lässt sich nicht einquetschen zwischen Menschenterminen.
Nochmal von vorn.


2 Zwitschergelächter
Die Landschaft ruht. Da können die Fliegen noch so lärmen. Die Wellen der Landschaft sind still. Das Gras sacht im Wind. Wiese. Hügel. Wald. Wiese. Sendemast. Hügel. Ziegeldächer. Eine Baumreihe schwingt sich talabwärts.
Auf dem Hügel gegenüber, einsame Baumkleckse. Wahllos verteilt. Wie hingestreut. Zentimeterklein aus der Entfernung. Gleich werden sie loslaufen und sich zusammentun. Eine kleine Gruppe steht schon am Rand. Die anderen tun es dieser sicher gleich nach.
Ein unsichtbarer Vogel verlacht meine Gedanken. Er zwitschert wild und begeistert und in unglaublichem Tempo. Haha, du siehst mich nicht. Haha, du weißt nicht einmal, wo ich bin. Tschieptschieptschiep. Irgendwo im verblühten Feld sitzt er und lacht über meine Baumgedanken. Nicht verächtlich. Aber er kann sich gar nicht halten vor Lachen. Langsam mache ich mir sorgen, dass ihm die Luft ausgeht vor lauter Gezwitscher.
Die Bäume stehen noch an Ort und Stelle. Vielleicht ist ihnen die Menschenzeit einfach zu schnell. Oder sie verstehen sich auch über den Hügel verteilt.


3 Kühl ist der Abendhauch
Gemähte Wiese, kurz und grün. Ein paar gelbe Blüten. Vereinzelt auch blau. Zahlreiche Mauselöcher. Auffallend still. Kein Fliegensummen. Kein Vögelzwitschern.
Wie oft werde ich noch hier sitzen, bis ich die Landschaft kenne? Bis ich ein Teil von ihr bin und nicht mehr der Betrachter. Nicht das Gegenüber, das von außen sieht und bewertet?
Ich sitze bei meinem Tee. Schaue. Die Sonne zieht einen Bogen über den Himmel. Als ich zum Rückweg aufbreche, beginnt es abendkühl zu werden. Ich klappe den Bürgersteig hoch. Feierabend für heute. Jetzt sagen sich nur noch Fuchs und Hase gute Nacht.

Biosphärenreservat Rhön, Juni 2022