Ein breiter langer Weg durch den Wald. Schon dick mit buntem Laub bedeckt. Ich bleibe stehen und schaue dem Laub beim Fallen zu. Ich höre, wie es ganz sacht auf dem Boden ankommt.
Vorsichtig, um nicht alles gleich plattzutrampeln, gehe ich weiter und halte nach besonderen Exemplaren Ausschau. Ohne groß nachzudenken, suche ich nach den farbigen oder sonst auffallenden Blättern. Einige klemme ich zwischen die Seiten des Notizbuches. Ich will sie später als Lesezeichen verwenden. Andere photographiere ich lieber. Ich weiß, wie schnell manche Blätter ihre Farbe verlieren.
Buche bleibt lange bunt. Sie lässt sich als farbiges Blatt pressen und trocknen. Eiche behält ihre Farbe kaum einen Tag. Das bunteste Blatt am Baum. Gepflückt und nach Hause getragen ist es schon langweilig und vergilbt.
Zwischen den vielen Hunderten Herbstblättern, die braun und leblos auf dem Boden liegen, sind einige wenige, die bunt und strahlend leuchten. Noch. Ohne die vielen langweiligen Blätter wären die bunten gar nicht interessant.
Ganz wie bei den Menschen. Die bunt schillernden leben davon sich von den langweiligen Durchschnittsmenschen abzuheben. Dabei sind es die Langweiligen, die den Laden am Laufen halten. Die, die neben dem Bürojob noch Kind und Ehrenamt auf die Reihe bekommen.
Was falle ich schon wieder auf die Angeber herein! Die, die ihre ganze Kraft dafür verwenden, bunt und schillernd und besonders zu sein. Meist haben sie keine Zeit, sich auf den langweiligen Durchschnitt einzulassen. Viel zu sehr sind sie mit sich beschäftigt.
Jetzt achte ich auf das, was nicht bunt ist. Was hat die Farbe verloren? Was rollt sich ein, um weniger sichtbar zu sein, in einer Welt in der nur bunt und laut und großartig zählt? Ganz neue Welten tun sich auf.




Naturpark Knüll, Oktober 2022