Den ganzen Tag schon höre ich die Zugvögel, ohne sie auch tatsächlich zu sehen. Langsam frage ich mich, ob ich sie wirklich da sind, in der Luft über mir, oder ob nur ich sie höre.
Der Tag und der blaue Himmel passen perfekt zu einem Schwarm Kraniche. In einem weitgeschwungenen Pfeil ziehen sie ihre Bahn nach Süden. Immer wieder bricht die Formation auf und es sieht aus als hätten sie die Richtung verloren. Dann verwandelt sich die Verwirrung in eine kühne Schraube nach oben. Neue Gruppen stoßen zum Schwarm hinzu. Weiter geht es mit neuem Schwung.
Ich genieße den leuchtenden Herbst. Die Zeit fern der Alltagsaufgaben. Bisher sind es nur einzelne Tage, die ich in der Landschaft verbringe. Gut vorbereitet mit Teekanne, Rosinenschnecke und Notizbuch lasse ich den Büroschreibtisch hinter mir. Mein Ziel für heute ist eine unscheinbare Hütte auf dem Weg vom Silberberg zum Knüllköpfchen. Ich zerlege den Weg in einzelne Puzzleteile, die zu meinem Alltag und meiner Kondition passen.
Der Blick über die Hügel des Knüll. Auf so wenigen Kilometern bin ich durch drei verschiedene Landschaften gelaufen. Ein dichter Wald. Der Boden übervoll mit Farben und Blättern. Eine offene Landschaft, die mich an die Magerwiesen und Moore der Rhön erinnert. Ein klassischer Wanderweg. Gesäumt von Holzstapeln, Brombeerhecken und im späten Herbst neu blühende Frühlingsblumen. Der Herbst ist so warm, dass Pflanzen so verwirrt sind wie Menschen.
Während ich schreibe und schaue, kommen sie dann plötzlich doch. Die Luft ist erfüllt von den Rufen der Kraniche. Sie füllen nicht nur den Platz, den ihre Körper und Flügel einnehmen. Sie „sind“ weit darüber hinaus. Die ganze Luft ist ein einziger Kranich.



Naturpark Knüll / Hülsa, Oktober 2022