Olivia Laing schreibt einfach drauflos. Ich bin überrascht wie sehr sie aus einer ganz alltäglichen Ich-Perspektive schreibt. Bei meinen eigenen Texten bin ich oft unsicher, wie sehr ich das ICH benutzen kann. Muss der Text nicht einen Plot haben und muss der Erzähler nicht diese und jene Eigenschaften und Perspektiven einbeziehen? So erlebe ich es zumindest oft, wenn ich Literaturkritiken lese. Olivia Laing schreibt stattdessen als Ich. Sie schildert ihre Gedanken und das, was sie sieht.

Das Buch liest sich einfach so weg. Über den Weg, den Wald, die Natur erfahre ich so ab und an etwas. Die Nebengeschichten sind das eigentliche Thema. Es beginnt mit Virginia Woolf, die sich im gleichen Fluss ertränkt hat, an dem Laing nun entlangwandert. Das ist eine stimmige Idee, diese beiden Geschichten zu verknüpfen. Als nächstes kommt Gideon Mantell hinzu, der in dieser Region Dinosaurier ausgegraben hat. Sein ganzes Leben wird ausführlich beleuchtet, bis der Weg durch den Wald endlich weitergeht. Danach kommt Keneth Graham, der Autor von „Wind in den Weiden“. Auch von ihm wird das gesamte Leben berichtet. Inklusive des tragischen Todes seines Sohnes und der Spekulationen zu den möglichen Ursachen.
Nach gerade einmal zwei Tagen hat sie schon zwei Künstlerbiografien und die Geschichte der Dinosaurier in England auf den Wanderweg gepackt. Während sie viele Seiten über Künstler und andere Themen schreibt, erfahre ich über sie selbst sehr wenig. In der Einleitung schreibt sie freimütig, dass ihre Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist und dass dies einer der Gründe ist, weshalb sie diese Wanderung beginnt. Davon kommen nur noch verschleierte Andeutungen vor.
Mehrfach erwähnt sie, dass sie eine Stelle der Wanderung, einen Ort auf der Wanderung wiedererkennt. Jedes Mal ist sie überrascht und angetan davon. Doch nie erfahre ich, woher sie den Ort schon kennt. Außerdem, sie hat die Strecke doch selbst geplant. Sie hat alle Übernachtungen im Voraus gebucht. Ist ihr dabei nicht aufgefallen, dass sie diese Orte kennt?
Auf Seite 125 gelangt sie endlich an eine blühende Wiese. Hier schöpft sie aus dem Vollen, was anschauliche Beschreibungen und korrekte Pflanzennamen angeht. So etwas würde ich gerne mehr von ihr lesen.
Ab dem vierten Kapitel überspringe ich die Textpassagen, die nichts mit der täglichen Wanderung zu tun haben. Gefühlt zwei Drittel des Textes fallen nun weg.
Je weiter Olivia Laing wandert, desto mehr frage ich mich, um was geht es in dem Buch eigentlich?
Von der Wanderung erfahre ich immer wieder einmal Bruchstücke. Aber nichts, dass sich zu einem Weg oder einer Entwicklung zusammensetzen lässt. Ebenso ergeht es mir mit den Seitengeschichten. Viel zu viele davon verbindet nichts mit dem Flüsschen Ouse.
Selbst von der Erzählerin erfahre ich nur Bruchstücke. Dass sie schon einmal hier war (Wann, wieso, weshalb? Was bedeutet dies für ihre aktuelle Wanderung?) dass ihr Ex-Freund ihr zu Weihnachten einen Staubsauger geschenkt hat. Dass sie gerne noch länger unterwegs wäre, aber ihre Wimperntusche zu sehr vermisst. Auf den ersten Seiten schrieb sie, dass sie aus Gedankenlosigkeit den Mann, den sie liebte, verloren hat. Ist das der Staubsauger-Matthew? Oder kommt der verlorengegangene Mann gar nicht vor?
Wenn der Anstoß zur Wanderung die auf der ersten Seite geschilderte Krise war (Jobverlust, Mann verschusselt), dann sitzt nach dieser Wanderung die Krise noch immer zu Hause herum und wartet, bis Olivia Laing von der Ouse zurückkommt.
Alles in allem eine rätselhafte Wanderung mit viel Beiwerk.