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Meine Liebe zur Natur kommt aus dem Wald. Aber das Lesen über die Natur begann erst mit Büchern über den Garten. Es waren auch ein paar ToDo-Bücher dabei, aber schon immer mag ich lieber die erzählenden Gartenbücher. Eines davon ist „Bin im Garten“ von Susanne Wiborg. Im Nachhinein wird mir nun klar, dass ich das Schreiben über die Natur aus diesen erzählenden Gartenbüchern schon kannte, lange bevor ich wusste, dass es dafür die Bezeichnung Nature Writing gibt.

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„Bin im Garten“ enthält kleine Alltagsgeschichten, die ganz nebenbei mit vielerlei Pflanzenwissen und Erfahrungen gefüllt sind. Gar nicht so, wie bei manch anderen Naturbüchern, für die ich ersteinmal ein Vogelkundebuch brauche, um den Text zu verstehen. Hm, so denke ich zuerst. Bis mir die zahlreichen kursiven Textstellen auffallen, die ich ganz selbstverständlich mitlese: Cyclamen persicum, Lunaria annua, Digitalis purpurea und viele mehr. So ähnlich geht es wohl den Vogelkundlern mit allerlei Phylloscopus sibilatrix (Waldlaubsängern), den verschiedensten Rallidae (Rallen) und allem anderen Luftgeflatter.
Die Geschichten sind gerade lang genug, dass es sich lohnt, eine Tasse Tee zu kochen und sich auf die Gartenbank oder an den Kamin zu setzen. Außerdem sind sie informativ und schmunzelnd zugleich. Es ist ein Plauderbuch aus lose über das Jahr verteilten Texten, zum Lesen in Episoden. Weder ein Roman noch ein Gartenlehrbuch.
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Während ich noch überlege, ob ich begründen muss, dass Susanne Wiborg eine Nature Writerin ist und ob ich auch Vita Sackville-West in diese Gruppe zählen darf, plopp, da kommt zwischen Wiborgs Begeisterung für Alpenveilchen (nur solche, die man im Garten aussetzt!) von ihr selbst der Hinweis auf Vita Sackville-West. Überhaupt nehme ich die Definition Nature Writing wohl zu streng und wissenschaftlich. In Großbritannien sind die Zuschreibungen zum Nature Writing viel selbstverständlicher. Aus Deutschland kenne ich eher Diskussionen, was zu diesem Genre nicht dazu gehört.
Susanne Wiborg geht es gerade nicht um die Unterschiede zwischen zehn verschiedenen Tulpensorten oder welche Varietät des Storchschnabels noch fünf Tage länger blüht. Um so zu schreiben wie Wiborg, braucht es einen Bezug zur Natur um einen herum, zur Natur an sich. Dann ist es egal, ob sich diese Natur „Garten“ oder „Wald“ nennt:
– Bravo zum furiosen „Weg mit dem Kirschlorbeer!“.
– Ein bewegendes Kapitel über den Tod ihrer Hündin „Kümmel“. Garten ist mehr als Blumenpflanzen. Das ist auch Erinnerung an vom Terrier umgegrabene Gemüsebeete.
– Toll, wie befreit sie schreibt, als der Landlust- und Gardening-Trend sie plötzlich einholt und sie ohne ihr geringstes Mittun von der langweiligen Kleingärtnerin zur Trendsetterin macht.
– Anemonen als tröstliche Überraschungspflanzen, so etwas braucht das Naturherz.
– Eine tolle Quittengeschichte. Mir geht es mit dem Boskoop ganz ähnlich.
Es sei ihr verziehen, dass sie in jedem zweiten Kapitel eine weitere große Pflanze (Kletterrose, Strauch) in ihrem als klein beschriebenen Garten unterbringt. Andererseits gibt es zahlreiche Kapitel, in denen sie selbst dahergelaufenen Wildkräutern wie Wegwarten eine Chance gibt.
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Auf der Rückseite des Buches findet sich eine Rezension aus „Die Zeit“. Ich frage mich schon länger, ob es eine eigene Ausbildung zum Klappentextschreiber gibt. Denn wer so geschwungene Sätze schreiben kann, der beherrscht sein Handwerk:
„Susanne Wiborgs Garten ist ihr Salon, ein Treffpunkt der grünen Welt. Da steht sie zwischen Flieder, Waldmeister und Hornissen und erzählt von ihnen wie von wunderlichen Gästen und streut dabei – man merkt es kaum – manch kluge Einsicht, manch nützlichen Wink.“
Ich hatte beim Lesen zwar nicht den Eindruck, dass Susanne Wiborg die beschriebene Fee im Waldmeister ist, aber vielleicht ist es einfach so, dass Klappentext und Buch beides gute Texte sind, auch wenn der Klappentext sich auf ein anderes Buch bezieht. Flieder und Waldmeister kommen je nur ein einziges Mal im gesamten Buch vor und selbst dafür muss der Leser bis Seite 154 warten. Hornissen gibt es gar nicht.