
Sonntagmorgen. Ich sitze bei einer ersten Kanne Tee und lese „Ein Stück Land“ von John Lewis-Stempel. Im Buch ist gerade Sommer. Lewis-Stempel mäht seine Wiese von Hand, weil der Balkenmäher kaputt ist. Eine berührende Schilderung der Freude und zugleich der Mühe dieser Arbeit. Lewis-Stempel mag sein Land. Es gibt ihm Ruhe und Kraft. Das ist gut für das Land und den Leser.
Nach „Der gefrorene Fluss“ (packend, dramatisch, informativ) und „Ein Ring aus hellem Wasser“ (egozentrisch und ein zweifelhafter Umgang mit Tieren) ist „Ein Stück Land“ ein angenehm plauderndes Buch. Es gelingt mir nicht, diesem Buch auch nur einen der typischen Superlative des Büchermarketings zuzuordnen. Vielleicht ist es genau das, was mir an dem Buch so gut gefällt.
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Das Buch führt Monat für Monat durch das Jahr. John Lewis-Stempel berichtet, was er auf den verschiedenen Wiesen seines Bauernhofs erlebt und beobachtet. Vier Jahre später schreibt er ein weiteres Buch über die Beobachtungen in seinem Wald: „Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood“. Beide Bücher sind vom Aufbau her recht ähnlich. Sie sammeln Beobachtungen von Januar bis Dezember und werden mit historischen Fakten und Anekdoten aus dem Alltag ergänzt.
Einige seiner Beobachtungen beruhen darauf, still zu sein und am Platz zu bleiben. Ich beobachte auf den Wanderungen durch meine Region auch sehr viel. Im Vergleich zu Lewis-Stempel bewege ich mich dabei zu viel. Ich dachte bisher, ich müsse mich fortbewegen, um möglichst viele Aspekte dieser Landschaft wahrzunehmen. Lewis-Stempel sitzt an manchen Tagen den gesamten Nachmittag in seiner Hecke und beobachtet. (Ja, er sitzt wirklich in der der Hecke.) Ich werde diese Strategie auch ausprobieren: Einfach an einer Stelle bleiben und schauen, was dort passiert.
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Zusätzlich zu vielen, vielen Naturbeobachtungen streut Lewis-Stempel gelegentlich auch einige politische Gedanken mit ein. Er sieht und erlebt die sehr unterschiedliche Art des Landwirtschaftens von Bauern im Tal und „Bergbauern“ wie ihm. Die Berge, von denen er spricht, sind keine Almen, aber sie sind hoch, steil und uneben genug, dass sie sich von den schnurgeraden Wiesen im Tal unterscheiden. Während im Tal das fruchtbare Land jedes Jahr noch weiter gedüngt wird und mit den neuesten Superwachstumshybridgräsern eingesät wird, „haben Bergbauern zu wenig Kapital, um die Landschaft dauerhaft zu verändern“. Der geringe Ertrag lässt sie zögern neue Maschinen zu kaufen oder große Maßnahmen in Angriff zu nehmen. So bleibt alles beim Alten.
Für die Landschaft ist das nicht ideal. Trotzdem ist es besser, als drei Mal im Jahr Gras zu mähen und die Landschaft zu einem Industriearbeitsplatz umzubauen, wie die Bauern im Tal es tun.
Für den Bauern ist es schwierig. Er kann nie weiter als bis zur nächsten Ernte planen. Und wenn die mager ist, steht gleich die Existenz auf dem Spiel, weil es keine Rücklagen gibt.
Für den Touristen ist es das, was er für den pittoresken Anblick der ursprünglichen Landschaft hält.
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„Ein Stück Rasen ist nichts weiter als eine Wiese in Gefangenschaft“
Dies ist eines meiner Lieblingszitate aus dem Buch. An dieser Stelle treffen sich Garten und Landwirtschaft. Lewis-Stempel versteht „seine“ Wiese als gemeinsamen Lebensraum des Bauern und seinen Schafen, aber auch der Vögel der Hecke, aller Wiesentiere und selbst der Regenwürmer im Boden.
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Lewis-Stempel verweist unter anderem auf den viktorianischen Naturforscher W. H. Hudson. Hudson ist einer von zahlreichen Naturbeobachtern, die bei Lewis-Stempel und anderen englischen Autoren erwähnt werden. Mir scheint, der typische englische Landpfarrer war eigentlich ein Naturforscher, der nebenbei auch gepredigt hat.
Mittlerweile sehe ich diesen Punkt als den wesentlichen Unterschied zwischen englischen und deutschen Naturschreiben: Ein englischer Autor ist Teil eines dichten Netzes aus früheren und heutigen Autoren. Diese werden sich nicht alle kennen, aber sie schreiben in Bezug auf einander. Die deutschen Autoren schreiben jeder für sich alleine, weil es einfach zu wenige gibt, und keine Vorbilder oder eine Traditionen existieren, an die sie anknüpfen können.