
Ein ganz anderes Schreiben über Natur und ein so beeindruckendes Buch! Auf eine Einleitung mit persönlichen Erlebnissen als Museumsschreiberin in Upernarvik folgen Expeditionsberichte vom Südpol und der Nordwestpassage, aber auch ein wissenschaftliches Kapitel über Robert Boyle (1626–1692) und dessen wissenschaftlichen Forschungen zum Thema Eis.
Nancy Campbell schreibt in erster Linie über Eis – und doch sind ihre Texte immer mit der Natur verbunden. Für mich ganz klar ein Naturbuch. Eine gelungene Mischung aus persönlichen Erlebnissen und wissenschaftlichen Informationen. Schade, dass dieses Buch nicht auf Deutsch vorliegt.
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Leider ist nirgends ein Inhaltsverzeichnis oder gar eine Leseprobe zu finden. Weder beim britischen Verlag Scribner noch bei den verschiedenen Internet-Buchhändlern. Bei audible entdecke ich dann das Hörbuch mitsamt einer Hörprobe. Tania Rodrigues liest den Text von Nancy Campbell mit einer angenehmen Stimme und einem für mich gut verständlichem Englisch.
Eine Hörprobe kann natürlich nur einen ersten Eindruck bieten und so bin ich recht überrascht, dass die geschilderte Reise nach Grönland und der Aufenthalt als Stadtschreiberin in Upernarvik nicht der Auftakt zur weiteren Geschichten aus Grönland sind.
Ich verstehe längst nicht alles. Vieles ist ziemlich naturwissenschaftlich, was mir entgegenkommt. Mittlerweile habe ich auch eine Ausgabe auf Papier und lese sie parallel zum Hörbuch. Dadurch verstehe ich mehr als in einer der beiden Alternativen.
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In jedem der Kapitel gewinnt Nancy Campbell eine neue Perspektive auf das Eis / die Natur. Und keines ihrer Kapitel ist eine trockene akademische Ansammlung von Fakten. Sie schafft es, bei jeder der Perspektiven einen persönlichen Eindruck zu erhalten und diesen dem Leser zu vermitteln.
Beeindruckt hat mich die literarisch-wissenschaftliche Begegnung mit Robert Boyle und dessen Forschungen über das Eis. Mich fasziniert, seit wie kurzer Zeit Dinge, die für uns heute so selbstverständlich sind, dass wir nicht einmal darüber nachdenken, bekannt sind. Der Schmelzpunkt und Beschaffenheit von Eis waren zur Zeit von Robert Boyle (1626–1692) noch unbekannt.
Natürlich zählt Nancy Campbell auch einige der zahllosen grönländischen Worte für Schnee auf. Es wird deutlich, wie weit das Leben und die Gedankenwelt Grönlands von unseren mitteleuropäischen Vorstellungen entfernt sind. Das, was wir kennen, sind die weißen Flocken, die vom Himmel fallen. Das nennen wir Schnee. Doch die vielen Wörter der Grönländer beziehen sich viel mehr auf Eis. Ja, es sind viele Wörter, aber es gibt auch viele Sorten Eis in Grönland. Wir nehmen es als romantische Spielerei wahr, dass ein Volk angeblich so viele Wörter für ein und dasselbe hat. Doch für Grönländer ist es wichtig dünnes und gefährliches Eis von verlässlichem Eis zu unterscheiden. Es ist einfach eine Notwendigkeit des Alltags, die verschiedenen Eigenschaften von Eis in einem konkreten Wort zusammenzufassen. Dasselbe Eis kann sogar unterschiedliche Namen haben, je nachdem ob man mit dem Hundeschlitten darüber fahren will oder mit einem Schiff versucht ihm auszuweichen.
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Nancy Campbell erwähnt mehrfach, dass sie sich dieses oder jenes nicht leisten kann. Umso erstaunlicher finde ich es, dass sie kontinuierlich an ihren Texten weiterarbeitet und beharrlich nach Wegen sucht, um erneut nach Grönland zu reisen und weitere Eindrücke zu sammeln.
Ich mag ihre gelegentlichen persönlichen Kommentare. Wie zum Beispiel, dass sie gerne am Flughafen in Reykjavik einen Kaffee trinkt. Stellen an denen die Autorin als Person sichtbar wird im Gegensatz zur Journalistin, die professionell an einem Text arbeitet.
Schmunzeln muss ich, als 1978 geborene Nancy Campbell sich fragt, wie man ohne Computer bloß in der Lage sein kann, Notizen zu sortieren und überblicken. Dafür gab es zu meiner Zeit etwas total einfaches und praktisches. Es nannte sich Karteikarte.
Weitere Informationen zu Nancy Campbell und anderer ihrer Arbeiten finden sich bei der taz:
– Antrittsvorlesung als Samuel Fischer-Gastprofessorin in Berlin
– Naturautorin Nancy Campbell
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Auf der Internetseite des Verlages zu „The library of ice“ sind zahlreiche Lobreden von Autoren und Zeitungsredaktionen zu lesen. Nancy Campbell selbst wird als „award-winning writer” beschrieben.
Was nützen Nancy Campell all die Lobreden, wenn sie die offensichtlich von ihren beeindruckenden Geschichten kaum leben kann? Eine Übersetzung ins Deutsche könnte dabei helfen, nicht nur den Ruhm der Autorin zu mehren, sondern auch ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.