Nach „Der gefrorene Fluss“ (James Crowden) ist „Der Schneeleopard“ von Sylvain Tesson das zweite der insgesamt drei Schneeleoparden-Bücher in meinem Regal. Als drittes liegt noch „Auf den Spuren des Schneeleoparden“ von Peter Matthiesen auf dem Lesestapel. Mit „La panthère des neiges“ wählt Sylvain Tesson 2019 den genau gleichen Titel wie Peter Matthiesen 40 Jahre zuvor: „The snow leopard“. Noch näher am Original geht nicht: Titel, Thema und Region sind identisch.

Der Dokumentarfilmer Vincent Munier lädt Sylvain Tesson ein, an einer Expedition nach Tibet teilzunehmen. Tesson ist sehr überrascht, eingeladen zu werden. Er hat den Eindruck, wenig beitragen zu können. Wegen einer angeschlagenen Wirbelsäule kann er nicht einmal einen Teil der Ausrüstung tragen.
Der erste Satz des Buches ist ein guter Gradmesser für den Rest des Textes: „Wie bei Tiroler Skilehrern findet das Liebesleben des Schneeleoparden in weißer Landschaft statt.“ Tesson zieht jeden noch so platten Spruch einer ernsthaften Beobachtung vor. Die einzelnen Kapitel sind recht kurz und wahllos aneinandergereiht. Sie lesen sich weg wie nix – es hat halt kein Gewicht. Der Text ist so schlicht und plakativ wie die Einteilung der Bewohner in „khakifarben gewandete Chinesen und Tibeter in Blaumännern“.
Für einen direkten Vergleich der Landschaftsbeschreibungen greife ich für ein paar Seiten zu James Crowden. Was für ein Unterschied! Auch Sylvain Tesson schreibt davon, dass die Tinte einfriert. Und doch habe ich nie den Eindruck, dass er wirklich in der Landschaft ist, über die er schreibt. Er schreibt über die gefrorene Tinte, wie einer der im geheizten Reisebus sitzt und die Kälte vor dem Fenster betrachtet. Immer gut für einen schlechten Scherz oder eine Philosophie aus dem Glückskeks.
„Der Schneeleopard“ ein Film von Marie Amiguet (Biologin und Regisseurin)
Später erfahre ich, dass nicht nur Sylvain Tesson die gemeinsame Reise dokumentiert hat. Neben dem sehr oberflächlichen Buch von Tesson gibt es von derselben Reise auch einen Film von Marie Amiguet. Der Film ist wirklich gelungen. Die beeindruckenden Aufnahmen werden von Vincent Munier Stimme begleitet. Die Glückskeks-Philosophie von Sylvain Tesson fehlt zum Glück vollständig.