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Heute ist es kein gedankensammelndes Schlendern. Heute mag ich Neues entdecken. Die Wege über den gewohnten Radius hinaus erkunden. Welche Richtung, welcher Weg taugt für einige Kilometer, ohne gleich eine Tageswanderung zu sein? Ich entscheide mich für +35, den Weg zum Hohen Malstein.
„Hoher Malstein 6,8 Km“ Wie oft habe ich nun schon dieses Schild gesehen und noch immer weiß ich nicht, wo der ausgeschilderte Malstein ist. Jetzt werde ich es herausfinden!
Es erschreckt mich, wie wenig ich mich selbst im „eigenen“ Wald auskenne. Vielleicht, weil es nicht die Heimat, sondern nur der Wohnort ist? Statt die bekannte Runde zu trotten, muss ich nun an den Wegkreuzungen nach den Hinweisen schauen. Die Hinweise sind gut zu finden. Straßen für Autos sind trotzdem besser beschildert. Das macht deutlich, worauf der Fokus beim Thema Fortbewegung liegt.
Während des Gehens schleichen sich Gedanken, die ich nicht ganz im Büro zurückgelassen habe, zurück ins Bewusstsein. Bruchstücke einer noch zu schreibenden eMail formen sich unaufgefordert in meinem Kopf. Weshalb blendet plötzlich die Sonne? Unbemerkt sind die Bäume am Wegesrand zur Seite gerückt und eine Lichtung lässt die Sonnenstrahlen ungehindert auf den Weg scheinen. Selbst das einfache Gehen erfordert Aufmerksamkeit. Und doch reden wir uns im Berufsalltag ein, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können.


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„Rinnetalblick 2,7 Km“, das war die letzte Entfernungsangabe, an der ich vorbeikam. Dann wird dies das angekündigte Rinnetal sein. Auch wenn ein konkreter Hinweis auf das erreichte Ziel fehlt. Insgesamt bin ich etwa eine Stunde und geschätzte fünf Kilometer unterwegs. Ich bin froh, dass ich nun nach einem der mitgebrachten Käsebrote greifen kann. Eine Bank mit Blick über eine freundliche Landschaft.
Schäfchenwolken liegen über dem Rinnetal. Eine Baumreihe genießt die kurze Zeit des Schattens, den die Wolken ihr gönnen. Eine Kuh geht geruhsam von einem Ende der Weide zurück zum Rest der Gruppe. Zehn Tiere in der Sommersonne. Der Hochsitz auf der Nachbarweide kann niemanden besuchen. Jeden Tag steht er an seinem Fleck. Wind, Sonne, Wetter. Jeden Tag.
Der weite Blick über die Landschaft erinnert mich an den Lake District. Die streifenförmigen Strukturen, die dort aus kilometerlangen Steinmauern bestehen, werden hier von Baumreihen entlang unsichtbarer Landstraßen und Hecken an Feldrändern erzeugt.

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Ich laufe weiter und muss Holunderbeeren ausweichen, die weit in den Weg hinein hängen. Die Zweige biegen sich unter der Last der Beeren. Roh gegessen sind sie giftig. Sie taugen also nicht zum spontanen Genuss. Zusammen mit den Brennnesseln sind sie jedoch die einzigen Früchte, die ich eindeutig genug erkenne. Wenn ich auf längeren Strecken eine Wegzehrung brauche, muss ich mich, mit dem was im Wald wächst besser auskennen. Zu sehr habe ich mich daran gewöhnt, dass meine Nahrung im Supermarkt wächst. Ordentlich nach Farbe, Größe und Preis sortiert. Mit Schildern versehen, auf denen ich die Wörter aus dem Kochrezept wiederfinde.
Wie weit komme ich mit meinen eigenen Kräften? Mit den Ressourcen, über die ich wirklich selbst verfügen kann? Sowohl die Wegzehrung als auch die Ausdauer? Oft verlasse ich mich auf die Ressourcen, die andere bereitstellen. Ein PKW, der mich vor Regen und Kälte schützt. Ein Motor, der die Entfernung überwindet. Ein Imbissstand, der für mich einkauft und kocht. Ich will nicht spontan zum Aussteiger werden und im Urwald überleben. Doch schon wenige Kilometer Fußweg machen mir deutlich, wie klein mein Radius wird, wenn nicht andere für mich arbeiten, damit ich mir einbilden kann die paar hundert Kilometer nach Basel wären doch gar nicht so weit: Ohne Diesel und Blech und Elektronik um mich herum muss ich Entfernungen wieder in Käsebroten messen.
Schaffe ich noch die nächsten Kilometer? Zurück muss ich ja auch wieder. Ich zähle nach: Zwei Käsebrote sind noch da. Dazu ein Apfel. Weiter geht’s Tagesziel Hoher Malstein.


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Bis nach Schellbach laufe ich über bekannte Wege. Dann muss ich suchen. Meine Landkarte weist einen anderen Weg als die Schilder am Straßenrand. Werden auch Wanderwege verlegt oder durch Neubaustrecken ersetzt? Interessant. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Ich folge der neuen Beschilderung. Ein schnurgerader Weg über Felder.
Als ich Schellbach verlasse, zieht plötzlich eine einzige kräftig dunkle Wolke auf und droht dem sonnigtrockenen Sommer. Mir fällt das für den Nachmittag vorhergesagte Gewitter ein. Hätte ich doch die Regenjacke einpacken sollen? Ich hatte mir auch einmal vorgenommen, immer einen leichten Schal oder einen dünnen Wollpullover im Rucksack zu haben. Bei dem Vorsatz ist es wohl geblieben.
Auf einen Notfall-Schal muss ich also verzichten, aber ansonsten habe ich alles dabei, was ich auf einer drei- bis vierstündigen Wanderung so brauche: Teekanne, Wasserflasche, Butterbrote, Apfel, Schokokekse. Notizbuch sowieso. Am liebsten auch noch ein Ersatz-Notizbuch. Ich bin damit eher so der Vollausrüstungsoutdoormensch. Oft habe ich das Gefühl, nicht richtig zu sein, weil ich mich so ausführlich vorbereite und vieles dabei habe, anstatt gleich morgens mit dem ersten Sonnenstrahl aus dem Haus zu stürzen. Zumindest denke ich, dass andere das denken. Woher kommt diese Idee wohl, dass wandern oder moderner gesagt „outdooring“ spontan und minimalistisch sein muss. Olivia Laing schreibt dagegen in ihrem Buch „Zum Fluss“, dass sie gerne noch länger als eine Woche unterwegs wäre, dass sie aber ihre Wimperntusche zu sehr vermisst.
Dann bin ich mit meiner Teekanne, dem Ersatznotizbuch und einem Schal im Sommer vielleicht doch nicht so sonderbar wie befürchtet.


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Der Weg führt nun entlang sommerlicher Getreidefelder. Die Ähren sind goldgelb. Zumindest rechts des Weges. Einige wenige Wildkräuter ragen pittoresk aus dem Meer von Ähren. Auf der anderen Seite des Weges, die gleichen Ähren, aber durchsetzt von zahlreichen Disteln und Kornblumen.
Sobald sich die ersten Bäume um den Weg ausbreiten, riecht es nach Wald. Eine angenehme Feuchte liegt in der Luft. Dazu der typische Geruch nach pilzig oder modrig. Auch irgendwie dunkel, ohne begründen zu können, wie ich auf dieses Wort komme.
Direkt am Wegesrand wächst ein Dickicht aus Brennnesseln, Johanniskraut, Brombeerranken, Storchschnabel und vielerlei anderen Pflanzen. Gerade als ich denke, dass es hier keine Waldnelken gibt, sehe ich dann doch eine. Es bleibt aber die einzige für die folgenden Kilometer. Die Pflanzen am Wegesrand wachsen viel dichter und höher als fünf Meter weiter im Wald. Der schmale Saum zwischen Weg und Wald ist offensichtlich ein besonderer Platz. Ein langer schmaler Streifen, an dem es auch im Sommer heller ist als unter dem Blätterdach der Bäume. Alle Pflanzen, die mehr Licht suchen, als der Waldschatten zu bieten hat, drängen sich hier zusammen.


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Nach einer ganzen Weile führt der Weg bergab zu einer pittoresk verfallenen Bank. An den umliegenden Bäumen empfängt mich ein ganzes Wimmelbild von alten und neuen und handgeschriebenen Wegweisern. Einer fällt mir besonders auf „Wanderparkplatz Lichte 7 Km“. Dort komme ich her! Vor dort aus waren es 6,8 Km bis zum Malstein. Irgendwo in dem Wald, aus dem ich gerade komme, war also der Malstein. Unerkannt im Wald. Ein Ziel, das es nur am Start gibt, und das danach unerreichbar bleibt.
Der vollständige Text für den Wegweiser lautet also „Weg, der über Felder bergauf führt, sich dem unerkannt im Wald liegenden Malstein nähert und dann an einer verfallenen Bank endet.“ Na ja, das ist vielleicht ein bisschen lang und wenig verheißungsvoll für einen Wegweiser.
Ich gehe noch über eine weitere Anhöhe bis zur dahinterliegenden Kersting-Hütte. Eine dieser neuen, geschwungenen Bänke steht daneben. Die dunkle Wolke aus Schellbach hat sich einen anderen Ort gesucht. Ich genieße den Blick über die sommerliche Knüll-Landschaft. Keine großen, ja nicht einmal bekannte Namen. Stattdessen einfach eine schöne Landschaft. Direkt vor mir eine vielfältig besuchte Schmetterlingswiese mit zahlreichen Witwenblumen. Ich habe mein Ziel verfehlt und es doch übertroffen.


