
Lucy F. Jones zeigt auf vielfältige Weise, wie die Natur uns Menschen körperlich und geistig gesund erhält. Eigentlich sind die Zusammenhänge klar und deutlich. Dennoch zeigt sie ebenso klar auf, wie schwer wir Menschen uns damit tun, die heilende Wirkung eines Waldspaziergangs oder selbst eines Großstadtparks anzuerkennen. Ist es wirklich berechtigt, dass Ärzte für die positiven Wirkungen der Natur die gleichen wissenschaftlichen Nachweise und Doppelblind-Studien erwarten wie für die Wirkung von Anti-Depressiva und Herz-Kreis-lauf-Medikamenten? Und was muss noch passieren, dass diese Studien, von denen es mittlerweile reichlich gibt, auch umgesetzt werden? Einfach mal eine Woche wandern verschreiben, statt ein neues Anti-Depressivum auszuprobieren?
Dabei geht es in „Wurzeln des Glücks“ nicht um ein hätte, könnte, sollte. Lucy F. Jones berichtet von tatsächlich existierenden Projekten oder bereits durchgeführten Studien und deren Ergebnissen. Obwohl es ein so sachliches Buch ist, ist es sehr lebendig geschrieben und nach fast jeder neuen Studie, die Lucy F. Jones erwähnt, habe ich den Impuls sofort in den Garten zu gehen oder für eine Tageswanderung zu planen. Allein die Lektüre lässt aufatmen, weil so überdeutlich wird, wie sehr wir Menschen unser Leben verbessern können, indem wir einfach nur ins Grüne gehen. Für alle ihre Aussagen führt sie in einem ausführlichen Anhang die Nachweise an. Meist verwendet sie dafür Internet-links. Dies macht es für mich als Leser einfacher, die Quellen selbst nachzulesen. Ein Verweis auf eine renommierte Zeitschrift mit genauer Seitenzahl und Jahrgang mag wissenschaftlicher anmuten, ist aber für jeden Leser, der nicht gerade eine Universitätsbibliothek in der Nachbarschaft hat ein unüberwindliches Hindernis.
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Eine Faustregel besagt, dass man 10.000 Stunden an Übung/Erfahrung braucht, um etwas wirklich gut zu beherrschen. Lucy F. Jones verweist darauf, dass Schüler in Nordamerika bis zum 18. Lebensjahr etwa 12.000 Stunden im Klassenzimmer verbringen. In dieser Zeit sind sie Meister darin geworden fernab der Natur zu leben!
Dabei ist Lucy F. Jones keine Predigerin für ein Leben wie im Mittelalter oder fern jeglicher Zivilisation. Alle Studien, auf die sie verweist, sind tatsächlich durchgeführte Untersuchungen mit im Alltagsleben umsetzbaren Maßnahmen wie mehr Bäume auf dem Schulhof oder Unterricht im Freien.
Die vielen weiteren Überlegungen und überzeugenden Beispielen aufzulisten, hieße es, das halbe Buch abzuschreiben. So voll von einleuchtenden und durchgängig mit Verweisen belegten Argumenten ist das Buch.
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Sehr interessant finde ich auch die sprachlichen Aspekte, die Lucy F. Jones beleuchtet. Sowohl der Begriff „Natur“ als auch „Umwelt“ bekräftigen den Abstand zwischen Mensch und einem Gegenüber. Es ist vor allem in der westlichen Industriegesellschaft verloren gegangen, dass wir Menschen auch ein Teil der Natur sind. Dieser Gedanke ist für die Naturvölker selbstverständlich. Daher gehen auch viele der Naturschutzprojekte in die falsche Richtung. Es kann nicht darum gehen, dass der Mensch als Schiedsrichter, vom Spielfeldrand aus entscheidet, was gute Natur ist (Wildnis) und was schlechte Natur (Braunkohletagebau). Die Natur braucht unseren Schutz nicht. Die Natur wird auch ohne den Menschen fortbestehen. Vielleicht wird sie sogar aufatmen, dass wir endlich weg sind. Wir sind es, die die Natur brauchen.
Und wir sind ein Teil von ihr. Wir müssen wieder ein Teil von ihr werden – so wie die, lange Jahre als rückständig belächelten, Naturvölker. Nicht die Indigenen sind rückständig. Wir Industriemenschen sind es, die sich fort-entwickelt haben. Fort aus dem für uns nötigen Gleichgewicht. Mittlerweile arbeiten wir aktiv daran, unsere eigenen Lebensbedingungen abzuschaffen. Die Natur übersteht auch die nächsten Überschwemmungen des Ahrtals und zahlreiche Kyrill-Orkane. Wir empfindlichen Menschen sind es, die schon aus den Latschen kippen, wenn wir keine Bäume mehr um uns herum haben.
„Ohne die Möglichkeit, mit Pflanzen und anderen Spezies in Kontakt zu kommen, mit Bäumen, den Sternen, leben wir ärmer, kränklicher und gestresster.“
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Lucy F. Jones erhebt keine Forderungen. Sie erstellt keine Maßnahmenliste. Das Lesen des Buches bringt mich ganz ohne Call-to-Action dazu dringend nach draußen zu wollen.
Wir sind hochentwickelt, sondern fehlentwickelt. Die westliche Zivilisation muss sich weiterentwickeln, um wieder Anschluss an das Wissen der Naturvölker zu erhalten. Viele der indigenen Völker leben seit Jahrhunderten das, was wir uns nun mühsam mit wissenschaftlichen Studien und Kapitalismusprotesten erarbeiten müssen.
Es gibt unglaublich viele tatsächlich existierende Beispiele für die Umsetzung von Veränderungen. Diese macht das Buch sichtbar. Es ist kein könnte oder sollte, sondern ein IST. Wie zum Beispiel die Bürgerbewegung für eine grünere Stadt in Detroit oder ein begrüntes Krankenhaus in Singapur.
Demgegenüber steht der Vorstand von Volkswagen, der Verbrennungsmotoren weiterhin für einen wichtigen Bestandteil des Konzerns hält, weil sie in vielen Regionen der Welt beliebt sind. Also noch mehr Autos, Lärm, Abgase für noch mehr Gewinn der Autokonzerne und noch mehr Umweltzerstörung. Wie kurzsichtig muss man sein, dass man aktiv daran arbeitet die Lebensgrundlagen auch der eigenen Kinder zu zerstören, nur um als Manager des Jahres ausgerufen zu werden? Ist eine zu radikale und unrealistische Hoffnung, dass solcherlei Manager in 20 Jahren auf der Liste der größten Förderer von Klimawandel und Artenschwund gesammelt und angeklagt werden?
Die hilfreichen, möglichen und sinnvollen Ideen sind überall auf der Welt vorhanden und bereits im Einsatz. Noch sind Umweltzerstörer lauter und einflussreicher…