James Canton „Biografie einer Eiche“ (2020)

In „Biografie einer Eiche“ beschreibt James Canton über den Zeitraum von etwa zwei Jahren seine Gedanken und Erlebnisse zu verschiedenen Eichen.
Etwas weniger Absolutheitsanspruch (Weisheit der Eichen und sonst keine anderen Bäume) hätten dem Buch gutgetan. Auch werden als Quellen eher Gedichte aus dem 15 Jahrhundert verwendet und kaum Studien der aktuellen Forschung. Gibt es in griechischen Mythen und Gedichten von Shakespeares wirklich ausschließlich Eichen? Wenn ich an das noch höhere Alter von Eiben denke, wird es sicher auch dazu etwas geben. Oder die früher einmal weit verbreiteten Buchenwälder. „Was alte Bäume uns lehren“ ist ein guter Untertitel. Das wäre auch ein gutes Buch geworden. Der Absolutheitsanspruch der Eiche ist jedoch auf Dauer sehr anstrengend und arg konstruiert.

Die Honywood-Eiche
Ich erlebe den Text als zwei getrennte Bücher. Das erste Buch (Teil I und II von „Biografie einer Eiche“), handelt von der Honywood-Eiche. Sie ist berühmt genug, dass sie als Aufhänger für ein Buch und als Lockmittel für das Buchmarketing dienen kann. Wenn man alle Tage notiert, an denen er tatsächlich dort ist, alles wegstreicht, was mit der Eiche nichts zu tun hat. Der See. Die Fichten. Das Holztor. Die Gänse. Dann bleibt sehr wenig Text übrig.
„Von Baumläufern bis Hornissen beherbergen alte Eichen eine so breite Artenvielfalt wie kein anderer Baum.“
Die Hornissen erwähnt er gerne. Selbst nachdem sie sich als Bienen herausstellen. Von allen anderen der zahlreichen Tiere kommen fast keine vor. Da sitzt der Autor drei Monate neben der Eiche, lobt die silberglänzenden Hornissen, die in beständigem Strom aus der alten Spechthöhle quillen und merkt erst im November, dass es Bienen sind. Überhaupt, sind wilde Honigbienen im November noch aktiv? Von allen anderen Tieren, die in oder von der Eiche leben, wird ausschließlich der Zilpzalp auf fast jeder Seite genannt.
Irgendwann frage ich mich, warum bei der Honywood-Eiche fast nie andere Menschen erwähnt werden. Wenn sie doch so berühmt ist, dann steht sie sicher nicht unerkannt in der Landschaft herum. Ich suche im Internet und richtig, die Honywood-Eiche steht auf dem Landgut Markshall Estate in Coggeshall, Essex. Es gibt Öffnungszeiten und Eintrittspreise für Gruppen und die Bitte doch eine Dauerkarte als „Freund“ zu erwerben, um die Eiche und den Rest des Arboretums ( = Sammlung besonderer Bäume) regelmäßig zu besuchen. Ich stelle mir James Canton daraufhin inmitten zahlreicher lärmender Schulklassen vor und muss unwillkürlich Lachen. Von seiner meditativen Betrachtung der besonderen Eiche bleibt nichts übrig als ein Mann, der zusammen mit den täglichen Besucherscharen vor einem Baum steht.
Bei einem seiner Besuche beschreibt er wenigstens einige wenige Tiere, die an/in der Eiche leben, um dann mit dem Satz schließen: „Begeistert von der Freiheit, allein hier zu sein (…).“ Also, ist er da nun alleine oder umgeben von einem Ökosystem von Tieren?
Es ist schade, dass ich so wenig über Eichen erfahre. Was nutzen mir Gedichte von Shakespeares oder D.H. Lawrence. Ich weiß nicht einmal, ob diese mit ihren Zeilen wirklich eine Eiche beschreiben oder nur einen mythischen alten Baum, der auch eine Buche oder eine Eibe sein könnte. Wissenschaftliche Studien werden selten erwähnt. Die Mehrzahl der Quellen sind Gedichte oder Beschreibungen vom Hörensagen.

Die Weisheit der glorreichen Eichen
„Der Baum atmet, und mit jedem Atemzug wächst er – er arbeitet sich auf die Qualitäten zu, die ihm die Menschen so oft zuschreiben, auf Stärke und Tapferkeit und Weisheit: Die weise alte Eiche.“
Welches Interesse sollte ein Baum daran haben, Qualitäten zu entwickeln, die der Mensch sich ausdenkt? Und das bei der Schnelllebigkeit der Menschenwelt. Kaum hat der Baum die Qualitäten der Menschen im Mittelalter entwickelt, Schwups sind ein paar hundert Jahre rum und der Mensch denkt sich neue Qualitäten aus. Da fängt der Baum halt neu an mit den Qualitäten. Der Baum hat ja Zeit. Er wird ja alt. So ein anthropozentrischer Unsinn!
„In seinem brillanten Essay ‚The tree‘ schreibt John Fowles, dass wir uns dem Wesenskern eines Baumes am nächsten fühlen, wenn wir es mit einem Baum zu tun haben, der in prächtiger Einsamkeit wächst“
Was ist denn das für ein romantisches Gefasel? Da erklärt Peter Wohlleben Buch für Buch, dass Bäume soziale Wesen sind und sich austauschen und hier wird der einsame Wolf der Bäume gepriesen. Schlimmer geht es kaum. John Fowles kann das ja gerne geschrieben haben, aber muss das dann als lobendes Zitat verwendet werden?
„Die Sonne scheint und wirft zitronengelbes Licht durch das Blätterdach. In ihrem ganzen Leben war die Eiche noch nie so lebendig“.
Welch eine Anmaßung. Weil er gerade mal ein paar Tage bei „seiner“ Eiche sitzt, weiß er, was die Eiche in den letzten 800 Jahren erlebt hat und wann sie glücklich war? Mir fehlen die Worte, um auszudrücken, wie entsetzt ich über diesen Schwachsinn bin!
„Wird eine Eiche gefällt, so gibt sie eine Art Angstschrei von sich (JohnAubrey)“.
Ja schreit denn nur eine Eiche? Eine Buche fällt lautlos? Eine doppelt so alte Eibe, weiß nichts zu sagen? Die Einengung des Blickwinkels auf die Besonderheit und Genialität der Eiche nervt zusehends. Eine Seite später werden Fichten gefällt, damit die Honywood-Eiche mehr Licht bekommt. Das sind also nur blöde Fichten, die weg müssen. Die schreien nicht, oder wie jetzt?
Zwischen all diesen Lobpreisungen der Eiche und ihrer Weisheit wird mit der gleichen Ernsthaftigkeit erwähnt, dass die britischen Schiffe seit jeher aus Eiche gebaut wurden. Gerade noch waren sie heilig und anbetungswürdig, aber dann werden 6000 Stück für ein einziges Schiff gefällt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden in England so viele Schiffe gebaut, dass die Eichen dadurch fast ausgerottet wurden.

Die beiden Eichen auf dem Hügel (Teil III von „Biografie einer Eiche“)
Nach etwa einem Jahr hört James Canton recht überraschend damit auf, Honywood-Eiche zu besuchen. Zudem fällt ihm auf, dass es viel alltagstauglicher ist, eine Eiche in seiner Nähe zu besuchen, anstatt extra mit dem Auto zur Honywood-Eiche zu fahren.
Dieses zweite Buch ist das, was er wahrscheinlich eigentlich hatte sagen wollen: Er findet die Eichen auf einem Hügel bei seinem Haus tröstlich. Er kommt dort zur Ruhe. Er kann seine Gedanken ordnen und spricht mit vielen verschiedenen Menschen, die einen Bezug zu Eichen haben. Alles alltägliche Begegnungen aus dem Jetzt. Die Mythen und Gedichte aus den alten Jahrhunderten, die besondere Honywood-Eiche, das hätte es alles nicht gebraucht. Einfach Teil III schreiben und sich selbst darüber freuen neue Sichtweisen gewonnen zu haben. [Auch wenn das Buch dann kein so großes Publikum gefunden hätte]
Fast am Ende des Buches wird Dylan Pym vorgestellt. In einem Nebensatz sagt Pym, dass er schon fast sein ganzes Leben lang eine erstaunliche Eiche ganz in der Nähe besucht. Einfach Dylan und die Eiche. Keine berühmte 800 Jahre Honywood-Eiche, die James Canton so oft wie möglich, also alle 14 Tage oder 6 Wochen besuchen will, bis er nach einem Jahr das Interesse an dieser speziellen Eiche verliert. Dylan hätte das Buch schreiben sollen. Leider ist er starker Legastheniker und wird freiwillig kein Buch schreiben. Aber er ist Schreiner und macht tolle Möbel. Außerdem hat er einen Birkenhain selbst gepflanzt. An dem organisiert er jedes Jahr ein kleines Kunstfestival.

Meine eigene Eiche
Obwohl ich das Buch wirklich arg bemängele, lerne ich doch etwas für mich selbst daraus:
Nicht gleich mit der berühmtesten Eiche des Landes anfangen und dann doch fast nichts über sie schreiben. Stattdessen gehe ich in den Wald vor meiner Haustür und rede mit den Buschwindröschen und den Buchen und allem anderen, was dort grünt. Es wird gerade Frühling. Eine gute Zeit dafür.
Meine eigene Eiche ist gerade einmal 15 Zentimeter hoch und ich weiß nicht, wie sie hierher gekommen ist. Sie wächst auf der großen Wiese im Garten und muss aufpassen sie beim Rasenmähen nicht zu überfahren.



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