
„Die Wildblumensammlerin“ gehört zu einer Reihe von Sammel-Büchern des Rowohlt-Verlages. Außer Wildblumen werden da noch Bäume und Insekten (passt ja gut zu Blumen und Natur) sowie Wolken, Sterne und Strände gesammelt. Was der Verlag sich bei dieser Sammlung, oder ist es vielleicht doch eher ein Sammelsurium, gedacht hat, bleibt unklar.
Elke Loewe gelingt es von Anfang an ein gleichermaßen informatives, wie persönliches Buch zu schreiben. Trotz gelegentlicher botanischer Fachbegriffe liest es sich so leicht weg, dass ich überrascht bin, wenn schon wieder ein ganzer Abschnitt vorbei ist.
In der Einleitung verweist Elke Loewe auf zwei altbekannte Schreiber von Naturtexten: Robert Macfarlane und Roger Deakin. Von Macfarlanes „Unterland“ war ich etwas enttäuscht. Nach dem Hinweis von Elke Loewe werde ich mit „Karte der Wildnis“ einen neuen Versuch starten.
Mir gefällt, dass im Nature Writing immer wieder Querbezüge entstehen. Das heißt nicht, dass die AutorInnen unbedingt alle bekannt oder gar befreundet sind, aber durch ihre Texte stehen sie in einer Beziehung zu einander.
Dann geht es los mit den Wildblumen. Eingeteilt in Abschnitte wie „Wald“ oder „Wegesrand“. Es ist ganz bewusst Elke Loewes Sammlung. Sie gibt freimütig Auskunft darüber, wie sie zu dieser Zusammenstellung gekommen ist. Für ein „Handbuch der Wildblumen“ ließen sich viele weitere Wildblumen anfügen. Mir gefällt diese Sammlung mit ihren persönlichen Anmerkungen viel besser als ein allumfassendes Lexikon.
Sehr klar und doch unaufdringlich grenzt Elke Loewe die Wildblumen von den millionenfach plastiktopfvermehrten Jahreszeitenblüten aus einem Gewächshaus, „das nachts strahlt wie ein Raumschiff aus dem Orbit“ ab. Auch Hinweise auf den Klimawandel streut sie immer wieder ein. Ohne erhobenen Zeigefinger und Rufe nach Verboten. Aber doch mit den klaren Aussagen „Klimawandel ist eine echte Bedrohung“ und „Der Mensch hat ihn ausgelöst“. Eigentlich gehört ja auch der Mensch zu der Natur, die er gerade vernichtet, aber durch den Irrweg sich die Erde untertan zu machen hat der Mensch begonnen, die Natur als etwas Fremdes von außen zu betrachten. Eine Wildblume ist eine, die dieser Untertanmachung entkommen ist.
Das Buch besteht aber nicht nur aus dem Text von Elke Loewe, sondern auch aus den Bildern von Matthias Holz. Die Bilder sind eine sehr schöne und hilfreiche Ergänzung des Textes. Allein für die Aquarelle von Kuckuckslichtnelke und Wegwarte hat sich das Buch gelohnt. Bei den Blumen, die ich selbst kenne, sehe ich wie realistisch und trotzdem künstlerisch die Bilder sind. Einige der vorgestellten Wildblumen sind mir neu. Ich lerne hier den Siebenstern kennen. Mit den Bildern von Matthias Holz kann ich nun in meinem Wald nach dem Siebenstern Ausschau halten.
„Die Wildblumensammlerin“ bietet richtig tolle Informationen und persönliche Einsichten. Mal naturwissenschaftlich, mal geschichtlich. Immer interessant geschrieben und nie ausufernd. Gerne auch in ungewohnten Kombinationen wie Kuckuckslichtnelke und Scharfer Hahnenfuß, die für Elke Loewe auch ohne botanische Begründung zusammengehören.
Auf den Gewöhnlichen Reiherschnabel werde ich zukünftig auf jeden Fall achten. Auch war mir bisher nicht aufgefallen, dass es einunddieselbe Blüte der Kornblume ist, die an einem Tag blau und Tage später weiß ist. Bei der Wilden Malve haben Elke Loewe und ich die gleiche spontane Idee: Wir sammeln die Samen, um sie im nächsten Frühjahr in den eigenen Garten zu locken.
Es gibt die verschiedensten Erläuterungen für das Nature Writing. Für mich ist die Beziehung zwischen AutorIn und der Landschaft um sie herum das Entscheidende. Und genau das ist es, was „Die Wildblumensammlerin“ für mich zum Nature Writing macht. Da schreibt eine, die in Beziehung zu den Pflanzen steht und sich anrühren lässt von deren Besonderheit, Schönheit, und allen anderen Eigenschaften. Und auch eine, die sich ärgert, sich empört, wenn die Wilde Malven neben dem Glascontainer vertrieben werden, nur weil auf der Arbeitsliste der Stadtverwaltung wieder einmal Unkraut-Tag ist.
Vieles von dem, was wir heute als Unkraut bezeichnen, ist überhaupt erst mit dem Getreideanbau aus Süden und Osten zu uns gekommen. Sicher, Klatschmohn und Weizen mögen ungleiche Geschwister sein, aber wer mag schon auf den Weizen verzichten, nur um den Klatschmohn als dessen Kulturbegleiter los zu werden? Die Agrarindustrie behauptet zwar, gezielt die eine Pflanze vergiften zu können und die andere zu fördern. Wie das Ergebnis tatsächlich aussieht, machen Insektensterben und Artenschwund deutlich.
„Die Wildblumensammlerin“ ist ein informatives und persönliches Buch, was Geschichten und Botanik von Wildblumen angeht. Es ist zudem ein mahnendes Buch, was den negativen Einfluss des Menschen auf alles um ihn herum angeht.