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Maria Anna Leenen ist eine Kirchenfrau, die als Eremitin lebt*. In ihrer Klause kümmert sie sich um einige Tiere. In dem Buch „Fülle – Die schöpferische Kraft der Natur“ nimmt sie sich vor, die Natur, Schöpfung, Pflanzen, Tiere zu beschreiben, die vor der eigenen Haustür leben. Das ist ein angenehm entschleunigender Ansatz. Da geht mal jemand nicht auf Reise in den Himalaya oder Amazonas, sondern nutzt den Blick vor die Haustür. Das gefällt mir. Sie kommt mit dem aus, was dort zu sehen ist. Wenn es dort keine Mauersegler gibt, kommen sie im Buch nicht vor. Geht auch. Das Buch ist eine Melange aus Naturbeobachtung, lyrischen Empfinden und eingestreuten naturwissenschaftlichen Fakten. Alles an der um sie lebenden Natur abgelesen. Die Einteilung der Kapitel folgt dem Jahreslauf.
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Wann immer ich ein Buch lese, das in Jahreszeiten oder Monate unterteilt ist, beginne ich an der Stelle, die zum aktuellen Datum passt. „Fülle“ war ein Spätsommergeschenk. Ich beginne also mit den Kapiteln zu Spätsommer und Frühherbst.
Die lyrischen Passagen lese ich mit Gewinn. Die naturwissenschaftlichen Passagen hätten ein besseres Lektorat verdient. „Vergehen die Pflanzen samt und sonders“ und werden zu Humus oder „ziehen sie die letzten Nährstoffe in Wurzel und Knolle“? Beides sind gute Bilder und beides kommt in der Natur vor, aber wenn man mal das eine mal das andere Bild meint, muss man es vielleicht genauer als „die Pflanze“ beschreiben. Und wenn Maria Anna Leenen CO2 in Bäume einlagert, klingt das eher nach einem gut gefüllten Vorratsregal, als nach Photosynthese.
Bei der christlichen Perspektive lässt sich beim Lesen gedanklich „Schöpfung“ gegen „Natur“ tauschen: „Die Schöpfung [Natur] verschwendet nichts.“ Ob jetzt die Schöpfung oder die Natur nichts verschwendet ist zum Glück egal. Daher lesen sich diese wenigen religiösen Anklänge besser als die etwas knirschenden Wissenschaftsideen.
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Nach dem Herbst springe ich zum Anfang des Buches und lese die Einleitung von Frau Prof. Margit Eckholt. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Sätze wie „Ein Leben in der Abgeschiedenheit der Klause auf dem Land bedeutet auch, mit allen Unbilden von Kälte, Nässe und Regen zu kämpfen.“ lassen sich mit viel gutem Willen noch als Unkenntnis deuten. Auch wenn es mittlerweile auf dem Land fließendes Wasser und Stromversorgung gibt. Doch bei der „Erde als gemeinsamen Haus, in dem vom Grashalm bis zur Schleiereule alle Schutz finden“ ist Schluss. Das geht gar nicht.
Gerade die katholische Kirche ist wenig geeignet, vom Schutz in einem gemeinsamen Haus der Schöpfung zu sprechen. All die zu Tode erzogenen indigenen Kinder in Kanada und die Missbrauchsopfer in Deutschland. Wo haben sie Schutz gefunden in diesem gemeinsamen Haus? So lange der Schutz der Lehre höher steht als der Schutz der Menschen, kann die katholische Kirche kein Gesprächspartner beim Thema Bewahrung der Schöpfung/Natur sein.
Die katholischen Geleitworte vergisst man am besten ganz schnell wieder.
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Nach der gruseligen Einleitung wende ich mich wieder den Jahreszeiten von Maria Anna Leenen zu und beginne mit der von ihr gewählten Reihenfolge: Der Frühling.
„Springschwänze, Pilze, Amöben, Bakterien und sogar der Lehmboden drängt mit Macht zum Leben.“
Das sind die Stellen, an denen ich mir ein naturwissenschaftliches Lektorat wünsche. Ich verstehe den lyrischen Ansatz. Ich fühle wie die Autorin nach einem kalten und dunklen Winter gemeinsam mit der Natur aufatmet und den neuen Frühling begrüßt. Gleichzeitig sträube ich mich doch deutlich gegen die Aufzählung von Pilzen, Bakterien, Lehmboden als gemeinsame Gruppe derer, die mit Macht zum Leben drängen. Empfindet ein Pilz Jahreszeiten? Freut sich ein Bakterium auf den Frühling? Das Springen zwischen Naturbetrachtung und Wissenschaft ist mühsam. Zumal die wissenschaftlichen Passagen einem zweiten Blick meist nicht standhalten.
„Das Leben in und mit der Schöpfung kann für jeden Menschen persönlich und täglich eine Freude sein, selbst, wenn er im Hochhaus in der Großstadt wohnt“ und eine halbe Seite später schwärmt sie von den ersten Frühlingswanderungen, die für sie regelmäßig an einem bestimmten Felsen ihrer Ziegenweide enden. Das genau ist der Unterschied zwischen ihr und den Menschen der Großstadt. Die haben eben keine Ziegenweide in ihrem Hochhaus. Sie sind eben gerade nicht eingebunden in die Abläufe des Lebens. Lucy F Jones zeigt in ihrem Buch „Die Wurzeln des Glücks: Wie die Natur unsere Psyche schützt“ wie sehr Menschen, die nur Häuser, Beton und Großstadt erleben, von der Freude der Natur abgetrennt sind. Ich denke mir, dass die Verbindung mit der Natur einer der Gründe ist, weshalb Anna Maria Leenen in einer Klause auf dem Land und nicht im 15. Stock der Plattenbausiedlung lebt.
„Gerade im beginnenden Frühling heißt das auch: Was ist denn ein Neustart? Was bedeutet Aufbruch im persönlichen Leben?“ Es sind diese philosophisch persönlichen Gedanken, die das Buch lesenswert machen. Weniger Schöpfungsmythos. Weniger Naturwissenschaftsbrocken. Mehr Ziegenstallnebelschleier und eigenes Empfinden.
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Maria Anna Leenen verschränkt viele Themen miteinander. Mal gelingt es. Mal ist es Mischmasch. So ist die gescholtene Zeitumstellung genauso willkürlich wie das göttliche und natürliche Jahresende im Winter. Ein kleiner Blick über das christliche Gedankenkorsett hinaus zeigt, dass es Kulturen mit anderen Jahreskalendern gibt, und auf der Südhalbkugel das Jahr im Sommer endet.
* Die offizielle Bezeichnung ist Diözesaneremitin. Ich konnte keine allgemeinverständliche Erklärung/Übersetzung dieses Wortes finden, außer der Ergänzung, dass eine Diözesaneremitin dem Bischof unterstellt ist. [Aber das sind sicher viele Menschen, vom Pfarrer bis zur Sekretärin.]