Ich liebe es in den ausführlichen und schön gestalteten Werbebroschüren der großen Bücherketten zu stöbern. Doch so sehr ich auch in den aktuellen Ausgaben nach Titeln des Nature Writings suche, es gibt zu diesem Thema nur noch sehr spärliche Informationen und fast keine Neuerscheinungen mehr. Gerade bei deutschsprachigen Autoren ist es schwierig, etwas zu finden.
Ganz hinten, nach den Kinderbüchern und den psychologischen Ratgebern, finde ich dann doch einige Naturbücher.
Ein Schauspieler schreibt über sein Leben und gibt dem Buch ein Naturtitel.
Eine Romanautorin, die Biologie studiert hat, erklärt im Einleitungskapitel ihres Naturbuches als erstes, dass alle anderen Naturbücher blöd sind, weil wir die Natur nur noch von Instagram kennen. Wer ist WIR? Und was hindert die Autorin daran, in einen echten Wald zu gehen?
Mir scheint, es beginnt die Zeit derer, die heute dies und morgen das schreiben. Ganz so wie es die Marketing-Seminare empfehlen: Immer das liefern, was sich gerade am besten verkaufen lässt.
Daneben gibt es auch neue Protagonisten, die etwas zu sagen haben. Es geht weg von der Wahrnehmung und dem „In Beziehung mit der Natur Kommen“. Hin zum aktiven „Ich rette die tasmanischen Bergflöhe“ oder „So überleben die Schwarzhörnchen das Artensterben“. Auch Klima-Thriller, oder allgemeiner Climate-Fiction, sind ein weiteres Genre der Stunde. Sie haben zwar einen realistischen Bezug zur Natur, verwenden sie aber nur als Basismaterial für einen klassischen Thriller.
In Großbritannien gibt es von „Die Erkundung von Selborne“ (Gilbert White, 1789) bis zu heutigen Autoren wie Helen Macdonald und Robert Macfarlane eine durchgehende Tradition des Nature Writing. Ich kenne und mag es an englischen Naturautoren, dass sie auf viele andere Autoren und Forscher hinweisen. Auf diese Weise entsteht ein Netz aus Gedanken und Themen.
Wo ist die Naturliteratur deutschsprachiger Autorinnen und Autoren?
In Deutschland begann der aktuelle Boom des Naturschreibens 2015 mit Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“. Dieser kurze Frühling geht nun mit Büchern der Prominenten aus Kultur und Politik zu Ende.
Ist das deutschsprachige Nature Writing wirklich auserzählt*? Autorinnen wie Nancy Campbell (UK) „The library of Ice“ und Anita Sethi (UK) „I belong here“ zeigen, dass es noch immer neue und interessante Naturthemen gibt, die sich zu erzählen lohnen. Auch auf „Primerljivi hektarji“ („Verfluchte Misteln“) von Nataša Kramberger (Slowenien) bin ich gespannt. Wie wird sie ihr bäuerliches Leben schildern? Wo werden die Unterschiede zu „Mein englisches Bauernleben“ von James Rebanks (UK, „English Pastoral: An Inheritance“) sein? (Beide sind dabei einen großelterlichen Bauernhof ins Heute zu übertragen)
Aktionen zu Artenvielfalt und Klimaschutz funktionieren oft nur, wenn möglichst viele davon erfahren oder sogar mitmachen. Daher braucht es viele Bücher, die aktiv die Natur unterstützen. Trotzdem hätte ich gerne noch mehr Bücher in der Art von „Ein Jahr im Garten“ von Ilga Eger oder „Laubwerk“ von Marion Poschmann gelesen. Bücher, die sich einfach nur der Beobachtung und der Wahrnehmung der Natur um uns herum widmen. Kein wahlloses Springen zwischen Naturlyrik und Wissenschaft, kein „Ich weiß was Herr Lehrer“, kein „Höher – Schneller – Weiter“. Bei Nan Shepherd geht das doch auch. Wo sind die Autorinnen/Autoren, die heute noch so schreiben können?
* auserzählt ist mein neuestes Lieblingswort aus der Welt des Marketings. Ein bekannter Autor antwortete auf die Frage, weshalb er nun über das Klima schreibt, dass dieses Thema noch nicht auserzählt sei. Ja, so geht es auch. Finde die Themen mit einem Potential für neue Leser und vielversprechenden Umsatz und entdecke, dass dies schon immer Dein Herzensthema war. So lange bis der Hype vorbei ist ( = das Thema ist auserzählt) und Du ein neues Herzensthema entdeckst.