Es ist verrückt, dass ein einzelner Tag, den ich in der Rhön verbringe, so ein besonderes Ereignis ist. Wenn schon nicht jeder Tag besonders sein kann, so sollte das Besondere dennoch in Wirklichkeit das Normale sein – auch wenn es nicht häufig ist. Das Alltägliche und Belanglose braucht auch seinen Platz. Aber im Kopf, in der Wahrnehmung, muss doch das Besondere der Maßstab sein. Heute ist also einen Tag lang das Besondere normal und ich bin im Schwarzen Moor. Der Ausflug beginnt mit glücklichen Details. Ich bekomme einen Parkplatz und ein Rosinenbrötchen beim Lieblingsbäcker. Das vergessene Messer kann ich durch das eingepackte Multitool ersetzen.
Am Schwarzen Moor fallen mir als erstes die Wanderjacken auf. Farbkleckse in der Landschaft, die sich schützend um Menschen hüllen. Selbst im Juni ist es am Morgen noch recht kühl hier oben. Meine eigene, jahrelang abgewetzte Wetterjacke, fügt sich nahtlos in das Bild aus Wanderern und Landschaft ein.
Ich finde einen Platz bei den Picknickbänken und breite mein Frühstück aus. Frische Brötchen, eigener Marmelade und eine reichlich gefüllte Thermoskanne. Das sind meine Glücksmomente: Eine weite Landschaft, frischer Tee, Schauen.
Die große Wiese
Nach dem Frühstück beginne ich meine Moorrunde. Die große Wiese auf dem Weg zum Schwarzen Moor ist einer meiner Lieblingsplätze. Die Wiese wimmelt vor Bunt. Die Grundfarbe ist das Gelb des Scharfen Hahnenfußes. Dazu überraschend viel Braun und Rosa. Braun nicht als verdorrte Pflanzen oder kahler Boden. Es sind Gräser, deren Spitzen die braunen und rosafarbenen Farbtöne beisteuern.
Gleich auf den ersten Schritten winkt mir auch eine ganze Schar von Kuckuckslichtnelken entgegen. Mit ihren filigranen Blütenblättern sehen die Blüten immer so aus wie zerknüllte Papierstreifen. Auch Witwenblumen sind reichlich über die Wiese verteilt.
Lange dachte ich, die Wiese sei bereits ein Teil des Moores. Erst der Flyer aus dem Infohäuschen hat mir erklärt, dass es eine Magerwiese ist. Natur ist ganz einfach, denkt man oft. Gerade im Vergleich zu unserer modernen und hochtechnischen Welt erscheinen ein Wald oder eine Wiese als einfach. Sind halt ein paar Bäume. Nix Besonderes. So Blütenzeugs. Ohne Hilfe verstehe ich allerdings nicht einmal so etwas einfaches wie dieses Blütenzeugs. Sonst hätte ich nicht ein Jahr lang Witwenblume und Skabiose verwechselt. Und der Unterschied zwischen Magerwiese und Moor fällt mir auch erst beim dritten Besuch auf. Selbst eine Wiese ist vielschichtig und komplex. Ist im Gegenzug unsere moderne Welt zwar verwirrend, aber viel weniger komplex, als sie gerne erscheint?


Birken, Himmel, Stille.
Ich verlasse das wimmelnde Bunt der zahllosen Frühsommerblüten. Die Holzbohlen des Weges geben meinem Schritt Verlässlichkeit. Dicke, regelmäßige Bretter, von Wind und Wetter abgeschliffen. Rechts und links neben mir ein Wald aus Birken. Der Weg mitten hindurch. Wie viel stiller und kühler es zwischen den schlanken grauweißen Birken plötzlich ist. Haben Blüten und Gräser und Farben einen Klang? Als sei die Wiese nicht nur ein Karneval aus Farben, sondern auch aus Tönen, den ich nun hinter mir lasse.


Kieferneindringlinge
Die schlank aufragenden Birken sind nicht mehr alleine. Neue Gesellen mischen sich dazwischen. Windschiefe Gestalten, die Arme zeigen bei allen in die gleiche Richtung, als jagten sie einem unsichtbaren Schatz nach. Dabei seltsam krumm wie vom Licht überraschte Trolle. Manchmal auch wie eine bucklige Alte.
Die Kiefern sind doch Eindringlinge! Gehören denn nicht nur Birken wirklich ins Moor? Was wollen die Kiefern denn hier? Stück für Stück rücken sie vor und darben dann doch. Ist das der Fluch der Eindringlinge? Haben sie sich zu weit nach vorne gewagt? Nur um windzerzaust zu verdorren? Im Auge des Moores zu versinken?
Die Kiefern stehen in einem Meer aus Wollgras. Der Wind, der Steg und ich. Sonst ist hier niemand. Sonne und Wolken legen im Wechsel andere Stimmungen über den Blick. Sonne: Abgeschieden und ungewohnt, aber nicht feindlich. Wolken: Düster, unwirtlich und verloren.
Ein Ort an dem Wanderer lautlos verschwinden. Mit Glück findet der Suchtrupp nach Tagen die rote Wanderjacke. Das Handy funktioniert schon lange nicht mehr. Welche Nachricht hätte es auch versenden sollen? Wollgras in alle Richtungen.
Weg will ich, von den düsteren Fängen.


Hochmoor
Eine mürrisch braun vertrocknete Ebene mit weißen Wattetupfen als surreale Dekoration. Sobald die Sonne kurz hinter den Wolken verschwindet, hat die Landschaft etwas verlassen Gruseliges. Doch das Wollgras tupft Hoffnung in die düstere Landschaft. Vom immerwährenden Wind wird es hin und her gezaust, wie eine Horde Spatzen, die fröhlich umhertollen.
Ich sitze auf den Dielen des Weges mit den Füßen auf dem Moorboden. Erst jetzt wird deutlich, wie weich und federnd der Boden ist. Die Eindrücke des Auges reichen nicht aus, um das Moor zu beschreiben. Begierig knipse ich Foto auf Foto. Reicht das aus, um die Stimmung hier festzuhalten? Zu Hause werde ich sehnsüchtig zurückblicken: Wie gerne wäre noch einmal im Moor. Die graubraunen Fotos mit verwackeltem Wollgras sind kein Ersatz für den Wind, der am tatsächlichen Wollgras zerrt. Ich verzichte auf die weiteren Fotos, sitze auf dem Steg und schaue. Die Einsamkeit dieser Landschaft dringt tief in meine Gedanken.


Biosphärenreservat Rhön, Juni 2022