
1 Ein „Bothy“ ist eine Schutzhütte, die allen Wanderern kostenlos offensteht. Die Hütten sind meist sehr einfach. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, aber Schutz vor Wind und Wetter. Man kann ein Bothy nicht reservieren und weiß daher nie wie viele Menschen dort an einem bestimmten Tag ebenfalls Zuflucht suchen. Verpflegung bringt jeder selbst mit. Mit etwas Glück haben die letzten Besucher etwas Leckeres hinterlassen oder den Ofen mit Anmachholz vorbereitet. Kat Hill schreibt in jedem Kapitel über ein konkretes Bothy, das sie tatsächlich besucht hat. Dennoch ist das Buch kein Wanderführer.
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„Bothy“ gibt es aktuell nur auf Englisch (Herbst 2024). Ich höre das Hörbuch und lese parallel dazu die Papierversion. Mit beiden zusammen verstehe ich ziemlich viel des Textes. Mir gefällt die authentische Schreibweise von Kat Hill. Es gelingt ihr immer wieder, einen perfekten Bogen von ihren Erlebnissen über historische Zusammenhänge hin zu dem zu schlagen, was dies alles für sie bedeutet. Kat Hill ist in ihrem Schreiben so wohltuend anders als viele andere Autoren. Ja, sie schreibt auch von sich, aber es ist nie ein „Mein Haus, mein Boot, mein Pferd“. Es ist viel mehr ein „Was macht das mit mir?“
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Jedes Kapitel ist einer anderen Schutzhütte gewidmet und in jedem Kapitel beschäftigt Kat Hill sich mit einem neuen Thema. Oft sind es die typischen Themen, mit denen sich jeder bei einer längeren Wanderung beschäftigt: Was macht ein gutes Leben aus? Wäre ein einfacheres Leben nicht viel sinnvoller? Doch schnell zeigt sich, dass die Dinge komplizierter sind, als sie erscheinen. Das fängt mit der atemberaubenden Schönheit der schottischen Landschaft an. Diese Landschaft ist deshalb so beeindruckend und so einsam, weil die Menschen, die dort lebten, brutal vertrieben wurden: Für die Landeigentümer waren ab 1750 Schafe profitabler als Kleinbauern. Also wurden die Bauern vertrieben und Schafe angesiedelt (The Highland Clearances). Was also ist die unberührte Natur oder das ursprüngliche Schottland? Auch einige der Bothies sind verlassene Wohnhäuser von vertriebenen Einwohnern.
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Das Kapitel zu Cape Wrath ist besonders beeindruckend. Ich kenne diese Gegend bereits aus Robert Macfarlanes „Karte der Wildnis“. Es ist offensichtlich ein Hot Spot der Wildnis-Sucher. Kat Hill beschreibt diese Gegend auf völlig andere Weise als Robert Macfarlane. Dass die Region ein halbverlassenes Militärgelände ist, erfahre ich erst bei Kat Hill. Eine Wildnis, die mit Verbotsschildern abgegrenzt wird. Gleichzeitig wurde die einzige Straße für die Kleinbusse der Touristen verbreitert, damit der SightSeeing-Leuchtturm erreichbar ist. Was also ist Wildnis? Und wie kommt es, dass für uns heutige Menschen Wildnis gleichermaßen mit Verzicht und Mühsal, aber auch Sehnsucht verknüpft ist?
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Ich mag Bücher, die ein gutes Quellenverzeichnis haben. „Gut“ heißt für mich die Quellen anzugeben, aber den Text nicht mit zahllosen Informationen zu überfrachten. Kat Hill streut oft Verweise auf andere Autoren, Forscher oder Bewohner ein und ergänzt den Text um eine Fußnote, unter der ich alles weitere finden kann, wenn ich konkretere Informationen suche. Das ist gute Quellenarbeit: Das Besondere des Inhalts wiedergeben, ohne seitenlang abzuschweifen. Ich merke beim Lesen, dass Kat Hill durch ihre Ausbildung akademisches Schreiben gewohnt ist. Das ist wirklich angenehm.
Wie schafft sie es bloß, alle diese zahllosen Literaturstellen gelesen zu haben? Ich brauche Wochen für das intensive Lesen eines einzigen Buches. Aber im Anhang sind Dutzende oder gar Hunderte Literaturquellen aufgelistet. „Bothy“ enthält weit mehr als ein „paar Gedanken beim Wandern“. Kat Hill hat sich die Mühe gemacht, die angesprochenen Themen ausführlich zu recherchieren und sich eine eigene Meinung zu bilden.
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Mir ist „Bothy“ bei einem Wanderurlaub im Lake District begegnet. Die Selbstverständlichkeit und die Leichtigkeit mit der Menschen allen Alters im Lake District lange und unwegsame Strecken laufen, hat mir allerdings deutlich gemacht, wie anders deren Begriff von Outdooring ist. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, bis mir das Leben in freier Natur so selbstverständlich ist. Ich habe „Bothy“ daher zuerst nicht gekauft. Diese Art von Unterwegssein, extrem spartanisch und gleichzeitig mit zufälligen, wechselnden und vielleicht vielen Menschen, ist nicht meine Art des Reisens.
Später wurde mir dann klar, wie wenig „Bothy“ ein Reiseführer ist. Das Unterwegssein ist der Horizont, auf dem sich die Gedanken ausbreiten können. Aber man muss nicht in kargen Schutzhütten übernachten, um Kat Hills Gedanken nachvollziehen zu können.
Als ich angefangen habe zu lesen, hat „Bothy“ mich sofort begeistert. Vielleicht nicht so, wie die Autorin Cal Flynn auf dem Cover zitiert wird, dass ich mir meine Wanderstiefel schnüre und zur nächsten Schutzhütte aufbreche („Will have you reaching for your boots“), sondern eher im Sinne von Fleetwood Mac („You can go your own way“): Ich kann Teil einer gemeinsamen Ideenwelt aus Nachhaltigkeit und Umsicht sein, ohne deshalb so zu leben, wie Kat Hill.