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Noch bevor ich auch nur das Ortsschild erreiche, verschwindet der Bürgersteig und wildes Grün macht sich breit. Mir fällt dazu das Buch „Die Karte der Wildnis“ ein. Robert Macfarlane beschreibt darin seine Suche nach der letzten Wildnis Großbritanniens. Nach vielen extremen und entlegenen Wanderungen findet er die Wildnis nicht mehr nur am äußersten Meer, sondern ebenso in den Pflasterritzen der Gehwege.
Genau solch ein wildes Grün wuchert auch hier. Was wächst eigentlich in diesem wilden Grün? Alle paar Schritte kann ich eine der Pflanzen konkret benennen. Und natürlich erkenne ich die Knäuel aus Brennnessel oder Brombeeren, die sich entlang des Weges wiederholen. Dazwischen, viel unbekanntes Gewucher. Auch diese Pflanzen haben Namen. Namen, die ich einfach nicht weiß. Oder noch nicht weiß. Wird der Landstraßenrandstreifen deshalb für mich zur Wildnis, weil ich das grüne Getümmel nicht benennen kann? Wahrscheinlich spricht ein Botaniker am gleichen Ort von beeindruckender Vielfalt und listet eine lange Reihe lateinischer Namen auf, die hier ihr Zuhause haben.
Ich achte genauer darauf, welche dieser Pflanzen ich benennen kann, und welche davon sogar einen Platz in meinem Garten bekommen könnten. Pflanzen, die von ganz alleine wachsen. Ohne Gießen. Ohne Pflege. Eher trotz der Menschen um sie herum. Menschen, die sich bei wilden Pflanzen aufs Ausreißen konzentrieren. Und dennoch sind sie da. Überraschend vielen kann ich ihren Namen zuordnen: Lattich, Spitzwegerich, Pyrenäen-Storchschnabel. Wilde Malve: Heute sehe ich nur eine einzelne Blüte. Dieser Straßenrand ist für sie wohl nicht der perfekte Ort – aber ein möglicher. Beifuß, Kamille, Wilde Möhre. Auch Mädesüß gibt es gelegentlich. Ich erinnere mich an Straßenränder, nur wenige Kilometer entfernt, an denen es wuchert.


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Nach dem Ortsausgang folge ich eine ganze Weile dem Radweg, der in eines der Nachbardörfer führt. Die wilden Pflanzen drängen bis an den Rand des Asphalts heran. Aber sie bleiben vorsichtig. Sie warten auf ihre Zeit, ihre Gelegenheit.
Sobald ich den Radweg verlasse, ist die Gelegenheit da: Die Wildnis schwappt binnen weniger Meter über den asphaltlosen Weg. Brennnesseln hangeln nach meinen Füßen und Beinen, ja bis hoch zu den schützend vors Gesicht gehaltenen Armen.

Wildnis ist nichts, das ich mühsam suchen muss. Sie ist näher als ich denke. Ich bin erst seit einer Stunde unterwegs und bin schon mitten in der Wildnis angekommen. Solange ich „Wildnis“ nur in Büchern suche, erscheint sie mir fern oder verloren. Dann glaube ich, sie verstecke sich in entlegenen Winkeln der Welt und höre auf unaussprechliche Namen.
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Nun erlebe ich Wildnis als Teil meines Alltags. Gar nicht fern und unbekannt, sondern das, wo als ich Mensch nicht hingehöre. Weglose Gegend, in der ich mich nicht zurechtfinde. Dabei muss es gar keine grüne Wildnis sein. Ein nie fertiggestellter Rohbau, der achtgeschossig in den Himmel wuchert, eine Wildnis aus Beton, ist nicht weniger verwildert als dieser Brennnesselweg.
Mein Brennnesselpfad muss einmal Menschenland gewesen sein. Eine zerfallene Bank und der kesseldruckimprägnierte Holzpfahl zeigen deutlich die menschliche Hand an. Irgendjemand hat noch einen gewaltigen, aber wohlsortierten Totholzhaufen angelegt, bevor die Menschen verschwanden. Verschiedenste Erdlöcher und Höhleneingänge zeugen von den neuen Bewohnern.
Nur eine Reihe Sträucher und ein Bach trennen Verkehrslärm und Wildnis. Wenn ich ruhig stehen bleibe, huschen die Autos als verschwommene Reflexionen hinter den Sträuchern entlang. Wann ist der Weg in Vergessenheit geraten? Gab es einen bestimmten Anlass dafür?


Naturpark Knüll, August 2024