Rydal
Meine Hütte in Rydal Hall ist ein unglaubliches Idyll. Selbst Thoreau würde vor Neid erblassen – und sogleich eine weitere Schimpftirade schreiben, dass niemand versteht, so zu leben wie er.
Meinen ersten Nachmittag im Lake District nutze ich für einen Ausflug zur Rydal-Cave. Ich habe diese Höhle erst in Wainwrights „Central Fells“ entdeckt. Als ich vor Jahren schon einmal hier war, wusste ich nicht, dass es diese Höhle ganz in der Nähe des Weilers Rydal gibt. Vor der Höhle ist ein Plateau mit Aussicht auf den See. Eine bunte Mischung aus Touristen, Einheimischen und Wanderern picknicken und genießen den Ausblick auf den See. Es hat etwas von einem Volksfest.

Zurück in meiner Hütte versuche ich mein Glück mit dem Ofen. Die Hütte wird von einem Solarpanel mit Strom versorgt. Das Wasser holt man in einem Kanister. Und Wärme verbreitet ein kleiner Ofen. Es gibt spezielle Holzbriketts, die sehr warm machen und lange anhalten sollen. Ich habe mir als zusätzliche Hilfe beim Anfeuern des Ofens einen Karton und alte Zeitungen mitgebracht. Damit gelingt es, den kleinen Ofen zum Leben zu erwecken. Das hochgepriesene Spezialholz hält tatsächlich sehr lange. Es verbreitet allerdings kaum Wärme, sondern glimmt mühsam vor sich hin. Ich ergänze die Holzbriketts um ebenfalls mitgebrachtes Kaminholz. Nun ist es ein wohlig knisterndes Feuer.
Loughrigg Fell
Der nächste Tag beginnt im Regen. Gegen morgen schlief ich schlecht, weil ich irgendwelche Geräusche hörte. Erst später verstehe ich, dass es der Regen ist, der, nur durch eine dünne Holzwand von mir getrennt, vom Dach der Hütte tropft. Jetzt erstmal einen Tee kochen und den Spielzeugofen anzünden. Das Anzünden bleibt mühsam. Aber im zweiten Versuch und mit gutem Zureden klappt es. Heute will ich zum Loughrigg Fell. Es gefällt mir, dass ich dafür direkt hier loslaufen kann. Ich muss nicht erst mit dem Auto noch ein Zwischenziel erreichen.
Der Gasherd steht in einem geschützten Anbau vor der Hütte. Während ich auf das Pfeifen des Teekessels warte, blicke ich über die Landschaft. Die Regenwolken hängen tief über der Landschaft. Aus der Nachbarhütte, etwa 50 Meter entfernt, kringelt ebenfalls Rauch. Ich bedaure die Camper, die in Zelten hier übernachten. Es ist später Spätsommer. Die Nächte sind kühl und die Wiese um die Zelte herum ist feucht vom Regen. Ich bin froh, eine feste Unterkunft zu haben.
Ich merke, wie anders eine Tour ist, wenn ich auf für mich gewohnte Dinge verzichten muss. Und sei es nur, dass ich nicht aus dem eigenen warmen Bett aufstehe, sondern den Tag in einer ausgekühlten Hütte mit einem schlecht brennenden Ofen beginne. Es sind diese Kleinigkeiten, das mühsame Feuer im Ofen, die ungewohnte Umgebung, das Frühstücken mit anderen Lebensmitteln als zuhause, die gleichermaßen den Reiz und die Herausforderung für mich ausmachen. Nach dem Frühstück fülle ich noch die Thermoskanne, prüfe meine elektronischen Hilfsmittel und mache mich auf den Weg zu meinem ersten Wainwright-Gipfel.

Die Camper, die mir vor einer Stunde noch leidtaten, weil sie im Kalten sitzen und auf dem Boden schlafen, laufen nun perfekt ausgerüstet und fröhlich plaudernd vom Gelände. Ganz so, als sei es völlig alltäglich bei 12 Grad und Nieselregen zu wandern. Auch auf dem ersten Stück bis Rydal Cave, treffe ich zahlreiche unerschrockene Wanderer aus allen Altersgruppen. Jugendliche in kurzen Hosen genauso wie ältere Damen in eleganter Garderobe und wasserfesten Wanderstiefeln.
Die Wege sind unglaublich schlecht beschildert. Gleich zu Beginn meines Weges, an der Brücke über das Flüsschen Rothay steht ein Schild „public footpath“. Das ist schön zu wissen, aber das besagt ja nur, dass es zulässig dieses Gatter zu passieren. Wohin der footpath führt, bleibt sein Geheimnis.
In der Nähe der Rydal Cave soll dann der Weg zum Loughrigg Fell abzweigen. Direkt an der Höhle kann ich keinen Weg finden. Ein ganzes Stück vor der Höhle zweigte etwas ab, aber das halte ich für falsch. Die Wander-App ist mit der Situation eindeutig überfordert. Schließlich krame ich das Buch von Wainwright aus dem Rucksack. Bei ihm ist Wegbeschreibung und Skizze für die gesamte Tour auf einer einzigen Seite. In der Biografie über Wainwright habe ich gelesen, dass die Bücher auch heute noch beliebt sind, weil sie genau die Details zeigen, die notwendig sind. Und so ist es auch. Erst in diesem mittlerweile 80 Jahre alten Buch kann ich erkennen, dass ich einen Weg suchen muss, der vor der ersten Höhle und zusätzlich links von einem Bach abzweigt. Dort ist tatsächlich ein Pfad! Das sind genau die Details, die ich brauche. Während ich dem kaum sichtbaren Pfad folge, frage ich mich, wie es Wainwright ohne sein eigenes Buch geschafft hat, sich hier zurechtzufinden.

Der Pfad führt stetig bergan. Er ist eng, matschig und hüfthoch mit Farn überwuchert. Ich warte auf einen Abzweig, an dem ich die weiteren Informationen von Wainwright nutzen kann. Es soll einen heiligen Baum geben, an dem ich mich für kurze Zeit rechts halten muss. Es gibt keinen Abzweig. Ich folge dem Pfad. Es gibt keinen anderen.
Nach einer ganzen Weile kommt mir ein Wanderer entgegen. Er komme vom Loughrigg Fell, sagt er. Er kenne nur diesen Weg. In einigen hundert Metern käme ich an ein Gatter und einen quer verlaufenden Weg. Ich laufe weiter. Der Pfad wird enger und noch matschiger und erreicht schließlich seine Passhöhe, die mit einer Steinpyramide markiert ist. Weit und breit ist kein Querweg zu erkennen.
Ich bin kaum mehr als eine Stunde unterwegs und stehe verloren im Nirgendwo. Der Pfad ist kaum noch zu erkennen. In alle Richtungen Farn und, weiter oben, kahle Hügel. Ich bin sicher, dass der Weg falsch ist, und suche mit eindringlichen Blicken die Gegend ab, ob mir irgendwo ein Weg auffällt oder auch nur eine Struktur, die sich vom endlosen Farn abhebt.
Schließlich, zwar keine Struktur, aber Menschen. Zwei Wanderer kommen mir entgegen. Zusätzlich werde ich von zwei jungen Leuten eingeholt. Ganz schön viel los auf meinem Farnpfad durch die Wildnis. Im Gespräch zeigt sich, die Entgegenkommenden wissen den Weg auch nicht. Und die Nachfolgenden raten dringend vom Weg durch den Farn ab. Doch keine der Personen wirkt verunsichert. Nach einem freundlichen Gespräch laufen alle voller Zuversicht in irgendeine Richtung weiter. Wie unterschiedlich der Umgang mit verlorenen Wegen ist.
In meiner Wander-App sind diese unmarkierten Trampelpfade als Wege eingezeichnet. Ich vermute allerdings, dass dies eine Art positive Selbstverstärkung ist: Ein erster Mensch läuft querfeldein durch hüfthohen Farn und lädt seine Wanderung anschließend auf die Homepage der Wander-App hoch. Damit wird es als Route angezeigt und weitere Menschen laufen mitten durch die Wildnis, weil sie der App mehr glauben als ihren eigenen Augen. Irgendwann haben so viele Menschen die Wildnis plattgetreten, dass tatsächlich ein neuer Weg entstanden ist.

Etwas später finde ich den angekündigten Querweg und plötzlich ist richtig viel los. Wo kommen all diese Menschen her? Etwas weiter in Richtung Loughrigg Fell wird der Weg plötzlich durch einen blauen Pfeil beschildert und sportliche Menschen jeden Alters rennen an mir vorbei. Die Sportler laufen in zügigen Schritten, matschverspritzt, in kurzen Hosen und fast ohne Gepäck an mir vorbei. Ich bin froh um Jacke und Verpflegung.
Auf dem Gipfel ist ähnlich viel los, wie an der Rydal Cave. Es weht ein unglaublicher Wind. An kaum einer Stelle weht es mich nicht davon. Es ist zu voll und zu windig, um in Muße einen Tee zu trinken. Irgendeine Gruppe, die ihr fünfjähriges Bestehen feiert, bittet mich um ein Gruppenfoto. Die Läufer mit dem blauen Pfeil machen nur kurz Halt und hasten weiter.



Auch ich laufe recht bald weiter zum Loughrigg Tarn. Vom Gipfel aus sind drei nebeneinanderliegende Seen zu sehen. Loughrigg Tarn hat keine Nachbarn. Er versteckt sich vom Gipfel aus gesehen wohl hinter einem der umliegenden Hügel. Eine Beschilderung gibt es auch hier wieder nicht. Ich folge dem Weg, den ich in der App am realistischsten finde. Der Weg ist irre steil und rutschig. Es ist eher eine Geröllhalde als ein Weg. Aber der Pfad bleibt sichtbar und folgt der App haargenau.
Erst als ich schon wieder ein ganzes Stück abgestiegen bin, fällt mir ein, dass ich auf dem Gipfel ein Foto mit Wainwrights Buch machen wollte. Es ist schade, es ärgert mich, dass ich das Foto vergessen habe. Zumal es wohl mein einziger Wainwright-Gipfel bleiben wird. Dennoch, ich bin für mich selbst unterwegs, nicht für ein Fotoalbum. Ich genieße die Landschaft und mag so viele Facetten davon erleben wie möglich. Schon bald werde ich wieder zuhause sein und mich sehnsüchtig an die Zeit hier erinnern.
Loughrigg Tarn
Unten am Tarn angekommen finde ich einen Weg, der tatsächlich direkt ans Ufer führt. Puh, jetzt wird es aber auch Zeit für eine richtige Pause. Ich packe Teekanne und Butterbrot aus und genieße den Blick auf den See im Sonnenschein.
Nach einer Weile des Schauens und Picknickens überlege ich, welche Strecke ich zurück nach Rydal wähle. Auf der Karte finde ich einen schmalen Weg, der, nach einem weiten Bogen um den Loughrigg Tarn, abseits der Straße nach Ambleside führt. Von dort aus sind es dann nur noch 2 Meilen bis zur Hütte. Ich bin überrascht, wie wenige Kilometer ich erst unterwegs bin. Etwa die Hälfte der für heute geplanten Strecke liegt hinter mir. Und trotzdem kommt es mir bereits als ausführliche Wanderung vor.

Als erstes überquere ich nun eine Wiese mit Schafherde, um auf den neuen Weg zu kommen. Auch der Weg durch die Schafherde ist wieder als public footpath ausgewiesen. Ich bin überrascht, wie ängstlich die Schafe sind. Ich hatte erwartet, oder bessergesagt befürchtet, dass die Schafe so sehr an Menschen gewöhnt sind, dass ich auf dem Weg über die Wiese von ihnen umringt werde. Das Gegenteil passiert. Kaum habe ich das Gatter geöffnet, weichen sie aus und geben mir Raum.
Die neue Strecke ist zuerst ein geteerter Feldweg, der als reguläre Nebenstraße ausgeschildert ist. Der Weg ist kaum breiter als ein Auto und wie bei fast allen Straßen hier im Lake District, gibt es kaum Möglichkeiten zum Anhalten. Ich genieße deshalb umso mehr die Perspektive als Fußgänger. Ich schlendere durch den Bildband Lake District. Immer wieder wird eine neue Seite aufgeschlagen: Loughrigg Tarn, Skelwith Bridge, Skelwith Fold, Brathay Bridge.
An der Skelwith Bridge begegnen mir erneut die Läufer des blauen Pfeils. Die Strecke führt ein kurzes Stück an der vielbefahrenen A593 nach Coniston entlang, um den Brathay zu überqueren. Der Straßenrand ist dicht gefüllt mit den Unterstützern der Läufer und den Ordnern des Veranstalters, die die Autofahrer aufmerksam machen. Hier erfahre ich nun endlich, um was es bei diesem Wettbewerb geht: Der Lauf heißt „The Lap“ und führt auf 75 Kilometern rund um den Lake Windermere. Unglaublich!!! So eine lange Strecke und zusätzlich etwa 2000 Höhenmeter. Und es sind richtig viele Läufer und Läuferinnen allen Alters unterwegs. Ich dagegen laufe gerade einmal 15 Kilometer über einen einzigen Gipfel und nehme mir den ganzen Tag dafür Zeit. Es ist mir fast peinlich, den gleichen Weg wie die Athleten zu nutzen und womöglich einen von ihnen aus dem Rhythmus zu bringen.
Ambleside
In Ambleside gehe ich in die Buchhandlung, die mir die auf der Post in Windermere empfohlen wurde. Ich bin überrascht, dass es ein ganzes Regal mit Naturbüchern gibt. Alles, was ich auf meiner Leseliste habe und mir mühsam zusammensuche, steht hier auf einem Fleck. Dabei ist die Buchhandlung winzig. Die vielfach größeren Buchhandlungen bei mir zu Hause haben nicht ein Zehntel dieser Bücher vorrätig.
Von der Buchhändlerin bekomme ich den Tipp, für das letzte Stück zurück nach Rydal den Radweg zu nehmen. Er ist leichter zu laufen als der Wanderweg und trotzdem weit abseits der Straße. Auch dabei bekomme ich wieder Dinge zu sehen, die sonst nur am Autofenster vorbeihuschen oder mir gänzlich verschlossen bleiben. Die Trittsteine über den Fluss hätte ich sonst nie gesehen.


Kurz vor Rydal muss ich dann doch auf die Landstraße wechseln. Dort treffe ich auf einen alten Mann mit Zahnlücke und einem schiefen Hut. Er zieht einen Rollkoffer hinter sich her, während ihn eine noch ältere Frau begleitet. Eine Szene wie aus dem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster steigt“. Bin ich in ein britisches Remake des schwedischen Filmes hineingeraten? Nach dieser letzten Begegnung für heute, bin ich froh, wieder in meiner Hütte zu sein. Auf den gerade einmal 15 Kilometern der Wanderung habe ich völlig verschiedene Landschaften und Stimmungen erlebt:
– Touristen und Ausflügler an Rydal Cave
– Einsames Wandern durch den Farn
– Sportliche Lebendigkeit auf dem windigen Gipfel von Loughrigg Fell
– Herbstsonne am Loughrigg Tarn
– Geschäftiger Alltagstrubel in Ambleside
Als Abendessen gibt es Fish and Chips aus Ambleside, die ich mir in der Pfanne aufwärme. Ich stelle eine der LED-Lampen der Hütte auf meine Thermoskanne und sitze noch eine ganze Weile über meinen Notizen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Erlebnisse und Gedanken in einen einzigen Tag passen.
Während ich an den Weg durch den Farn und die Aussicht vom Loughrigg Fell zurückdenke, heult der kleine Ofen klagend vor sich hin. Ein Stück der Dichtung an der Ofentür fehlt. Sobald ich die Tür schließe, beginnt der Ofen zu heulen. Soll ich lieber noch etwas auflegen, damit es möglichst lange warm bleibt und die Schuhe trocknen? Oder ist es besser, ihn ausgehen zu lassen, um schlafen zu können?

Lake District, September 2024