Wordsworth und die Coffin Route
Ein trüb verregneter Sonntagvormittag. Ich verbringe viel Zeit damit, den Ofen anzufeuern, was trotzdem nicht gelingt. Ich habe keine Anzünder mehr und auch Pappe und Papier sind aufgebraucht. Mir selbst ist gar nicht so kalt, aber ich würde gerne die Schuhe trocknen. Pappe ist noch im Auto. Kleines Holz und Papier fehlen halt. Ansonsten bin ich etwas ideenlos. Der Tag gestern war unglaublich. Aber heute noch einmal in die Touristenmengen am Rydal Water? Und alles bei Nieselregen und nassen Schuhen? Hm, da bleibe ich lieber in der halbdunklen Hütte und schreibe Postkarten oder sortiere meine Notizen von der gestrigen Wanderung. Einiges hatte ich gestern unterwegs direkt in ein kleines Notizbuch gekritzelt. Ich hoffe, ich kann es noch entziffern. Und werden die Gedanken hier in der sicheren Hütte für mich die gleiche Bedeutung haben wie gestern zwischen Matsch und Farn?
Schließlich gelingt es, doch noch das Feuer anzufachen, und ich mache mir Eier mit Speck. Danach gehe ich endlich ins Rydal-Café. Ich erinnere mich vom letzten Besuch vor Jahren noch an die Freundlichkeit und die leckeren Kuchen. In den letzten Tagen kam mir jedes Mal etwas dazwischen, das wichtiger war als eine Teepause in Rydals ehemaligem Schulhaus. Heute im Regen sieht es leider nicht mehr so einladend aus. Die Picknick-Bänke mit Blick auf den Bach und die Gartenlandschaft sind nass und abweisend. Es gibt zwar Tische im Innenbereich, aber es zieht durch die halboffene Eingangstür. Das Rydal-Café ist eindeutig ein Sonnenschein-Café. Ich laufe das kleine Stück zum Garten von Wordsworth. Im Shop des Wordsworth-Museums ist auch eine Teestube.
Ja, hier ist es warm und hell und cosy! Ich nehme erst einmal einen Tee und blättere in dem Buch über das Loughrigg Fell, das ich gestern schon in Ambleside gesehen habe. Es wäre eine schöne Erinnerung. Andererseits, ich würde es wohl doch nicht wirklich lesen. Und nur um es zu haben, das muss nicht sein. Nach und nach füllen sich die wenigen Sitzplätze der Teestube. Ich nehme noch eine Suppe. Sie duftet so herrlich. Es ist genau das richtige an einem trüben Tag wie diesem.
Endlich lässt auch der Regen nach. Selbst die nassen Schuhe sind weniger schlimm als befürchtet. Sie fühlen sich von außen deutlich nasser als von innen. Wenigstens ein kurzes Stück möchte ich doch unterwegs sein. Die Landschaft ist einfach zu schön, um nur in der Teestube oder der eigenen Hütte zu sitzen. Vom Wordsworths Teestube aus laufe ich die Coffin Route in Richtung Grasmere. Es regnet wieder etwas, aber deutlich weniger als am Morgen. Ich folge einfach der Coffin Route. Vielleicht laufe ich bis in den Ort Grasmere und dann am gleichnamigen See entlang zurück nach Rydal. Ich hoffe auf eine gemütliche Teestube für einen Nachmittagsimbiss in Grasmere.
Die Coffin Route ist ein abwechslungsreicher Weg. Schöne Blicke über Rydal Water, endlose mit Moosen und kleinen Farnen bedeckte Natursteinmauern, alte Baumriesen. Alles ist hier viel ruhiger als gestern an der Rydal Cave. Ein paar Kilometer Entfernung machen viel aus. Selbst innerhalb dieser beliebten Wanderregion.
Als ich Grasmere schon fast erreicht habe, sehe ich einen Abzweig zum Alcock Tarn. Laut Wander-App ist es gerade einmal ein Umweg von 1,5 Meilen. Der Regen hat ganz aufgehört und ich meine mich zu erinnern, etwas über diesen Tarn gelesen zu haben. Ich habe keine anderen Pläne für heute und kann ebenso gut zum Alcock Tarn laufen. Leider habe ich keinen Tee und fast keine Verpflegung dabei. Aber selbst wenn es via Alcock Tarn 5 Meilen bis zur Hütte sind, wird es auch einmal ohne Vollverpflegung gehen.


Alcock Tarn
Der Weg hinauf zum Alcock Tarn ist steil und steinig, aber kein Vergleich zum matschigen Farnweg von gestern. Selbst die Beschilderung ist verlässlich. Es gibt nur diesen einen Weg und trotzdem gibt es immer wieder Wegweiser. Schritt für Schritt gewinne ich deutlich an Höhe und habe einen weiten Blick über die Landschaft. Sonnigblaue Flecken lockern den grauen Himmel auf. An einem markant hervorspringenden Felsen schaue ich das erste Mal auf die Höhenangaben der Wander-App und bin überrascht, bereits jetzt höher als Loughrigg Fell zu sein. Der Felsen, eine Art Mini-Gipfel, hebt sich klar von dem Berghang ab, während der Weg zum Alcock Tarn unbeirrt weiter bergan führt.


Weitere fünfzig Höhenmeter später erreiche ich Alcock Tarn – und bin sprachlos. Alcock Tarn liegt versteckt an der Bergflanke. Ich sehe ihn erst, als ich das Ufer erreiche. Der Teich ist halb mit Seerosen und Schilf bewachsen. Auf einer Seite ein kleiner Damm, durch den der Teich ins Tal abfließt. Rund um den Teich eine steinige und somehow abweisende Landschaft. Gleichzeitig atemberaubend schön. Wow! Von Alcock Tarn aus ein weiter Blick über die Landschaft: Lake Windermere, Loughrigg Fell, Grasmere. Das sind die Landmarken, die ich eindeutig benennen kann. Mindestens genauso beeindruckend sind die mir unbekannten Täler und Höhenzüge. Ich kann jeden verstehen, der sich von dieser Aussicht inspirieren lässt alle diese Orte zu erkunden. Das ist es, was auch Alfred Wainwright so fasziniert hat, als er das erste Mal diese Landschaft sah. Kein Wunder, dass Wainwrights Wanderführer bis heute so beliebt sind: Jeder, der diese Aussichten erblickt, sucht nach Beschreibungen dieser Landschaft und landet bei den Pictorial guides to the Lakeland Fells.
Ich sitze lange im Gras und genieße den Blick über die Landschaft. Es ist still hier oben. Oder haben meine Ohren sich noch nicht an die feinen Töne, die es hier gibt, gewöhnt? Mit dem Blick über die Landschaft und hinauf zu den umliegenden Berghängen kann ich Nan Shepherd nur zustimmen. Es sind nicht die Gipfel, die erstrebenswert sind. Es ist die Landschaft als Ganzes. Und hey, yesterday I thought, I would never make a Wainwright again. And now, by accident, I am 50 feet above Loughrigg Fell! Although neither listed nor a peak at all, Alcock Tarn is my Wainwright No. 215.

Als ich weitergehe, jetzt bergab in Richtung Grasmere, kommt gerade ein einzelner Wanderer hier oben an. Er wirkt, als kenne er sich aus und wisse schon, welcher Platz gut für eine Rast und einen Blick über die Landschaft ist. Dazu holt er eine große Thermoskanne aus dem Rucksack. Ja, genau so muss es sein!
Der Weg bergab nach Grasmere ist noch steiler als mein Anstieg. Ein spontaner Bach plätschert neben dem Weg ins Tal. Mit jedem weiteren Meter bergab macht sich das Wasser den Weg mehr zunutze. Aus dem Foot-path wird ein Water-path. „Die Wanderer haben sich solch eine Mühe gegeben, eine verlässliche Rinne in den Berg zu trampeln. Das wäre doch Verschwendung einen so schön ausgetretenen Pfad nicht zu nutzen. Sie sind zwar viele, diese Menschen, aber dann auch wieder nicht. Kaum geht die Sonne unter, sind sie verschwunden, aber ich muss zu aller Zeit ins Tal, bergab, zum See.“ Das Wasser umspielt plätschernd die Wanderschuhe. Ich bin zwar geduldet im Water-path, aber ich weiche aus so gut es geht.
Grasmere
Der Ort Grasmere ist enttäuschend. Mehr Galerien als Teashops. Selbst einen klassischen Andenkenladen, in dem ich nach weiteren Postkarten schauen könnte, suche ich vergebens. Mein Highlight ist der am Sonntag geöffnete CoOp-Laden. Auf der Fläche einer Zweizimmerwohnung sind drei Regalreihen mit einem vielfältigen Angebot zusammengequetscht. Mit einer Chipstüte und einer Packung watteweicher englischer Vollkornbrötchen durchquere ich den Rest des Ortes.
Als ich den Ort vollständig hinter mir gelassen habe, begegne ich einem der seltenen Wegweiser: Loughrigg Fell und Radweg nach Rydal. Wahrscheinlich bin ich von Rydal aus den umständlichsten und nassesten Weg zum Loughrigg Fell gelaufen. Sobald man sich etwas auskennt, ist Loughrigg Fell gut erreichbar. Nach wenigen Tagen kenn ich bereits vier Wege. Und jeden Tag entdecke ich Neues. In Gedanken beginne ich bereits jetzt eine Liste für meinen nächsten Besuch im Lake District.

Montag
Der letzte Morgen in Rydal beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Es zerreißt mir das Herz, wie schön es hier ist. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mich in zwei, drei Tagen fragen würde, was ich hier eigentlich mache. Ich habe hier keinen Platz, an den ich gehöre. Und immer nur auf dem Campingplatz mit dem Feuer kämpfen, wird schnell fade.
Ich sehe ein letztes Mal, wie wunderschön Ambleside ist. Die Gemüsehändler stellen gerade ihre Kisten, aus denen man das Obst noch einzeln kaufen kann auf die schmalen Bürgersteige. Die bunten Holzfassaden leuchten in allen Farben. Die ersten Menschen sitzen für einen Tee in der Bäckerei. Es fühlt sich an wie ein Rosamunde Pilcher Film in Echtzeit. Ich schlendere durch einen Bildband.

Lake District, September 2024