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Es ist bereits Anfang Juni, als ich das erste Mal unterwegs bin. Endlich. Das ist meine Art des Draußenlebens. Unterwegssein in meiner Region. Das ist es, wofür ich den Bürojob aufgegeben habe. Ein kleiner Rucksack mit Tagesgepäck, also Tee, Kekse, Notizbuch – hauptsächlich. Und dann raus in den Knüll.
Der Winter war auch gut. Ich habe ohne Zeitdruck die ersten längeren Texte für das neue Gartenbuch geschrieben. Der Frühling war kühl. Statt der ersehnten Zeit im Garten habe ich das Gästezimmer neu gestrichen. Aber jetzt, Tage, die mit einem Tee im Freien beginnen und danach einen weiten Blick über die Landschaft bieten. So muss das Leben sein.
Längst bin ich nicht mehr so stringent, wie in den ersten Wochen meines neuen Lebens. Nach der ersten Euphorie und zahlreichen befreienden Aufgaben, wie dem Umräumen des Arbeitszimmers, haben sich die Alltagsaufgaben eingeschlichen. Plötzlich gab es ein Zimmer, das dringend neue Farbe brauchte und vieles andere, das sich ungefragt in den Vordergrund schob. Nichts davon war wirklich plötzlich. Es hatte die ganzen Jahre über in irgendwelchen Ecken gelauert und sich hinter der Büroarbeit versteckt. Kaum war die Büroarbeit verschwunden, wurde es sichtbar.

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Aber für heute sollen sich die Alltagsdinge zum Donnerdrummel scheren. Heute ist Zeit zum Draußenleben. Eine leichte Tour für den Einstieg. Für das wieder ankommen. Von der Kankowsky-Hütte Richtung Süden. Überall blüht es nun. Am Wegesrand aber auch im Wald und auf den Wiesen. Die Bäume sind erst seit kurzem in vollem Grün. Die Waldkräuter zehren noch vom Licht, der letzten Wochen. Eine kleine Lichtung ist randvoll gefüllt mit gelben Blüten. Ein verwunschenes Plätzchen. Kaum einen halben Kilometer von der Straße entfernt und schon menschenleer. Was da so gelb blüht, ist der Scharfe Hahnenfuß. Ich kenne ihn unter dem Namen Butterblume. Das klingt viel freundlicher. Im Garten ist er meist ein Unkraut. Hier bringt er die Lichtung zum Leuchten. Die Sonne strahlt schräg in ein Meer aus Gelb.
Unkraut oder Wildpflanze? In meinem Garten denke ich oft über dieses Thema nach. Viele der sorgsam angesiedelten Pflanzen mit langen lateinischen Namen tun sich schwer mit dem Gartenleben. Oft gedeihen sie nicht dauerhaft. Zudem bieten viele nur die Schönheit für meine Augen und keine Nahrung für andere Arten als den Menschen. Also vielleicht einfach mehr Wildblumen im Hausgarten?

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Wildblumen. Das sagt sich so leicht. Was genau sind denn diese wilden Blumen? Für mich ist es alles das, was in meiner Region freiwillig wächst. Wenn ich mich mit dieser Prämisse hier umschaue, sehe ich zuerst Scharfen Hahnenfuß und Brennnesseln. Von beiden habe ich bereits reichlich. Die muss ich nicht ansiedeln. Außerdem Sternmiere, Storchschnabel, Ehrenpreis. Was ich sehe, hängt natürlich von der Jahreszeit ab. Gerade jetzt blühen die Butterblumen so schön, dass ich nicht glauben kann, welch bösartiges Unkraut sie im Garten sind. Viele der Wildpflanzen auf meinem Weg blühen eher klein oder kurz. Und selbst wenn sie lange blühen, können sie nicht mit dem Schmuckbeet aus Echinacea und Dahlien mithalten. Es fehlt nicht an lateinischen Namen, sondern an den Bildern im eigenen Kopf. Auch Wildblumen haben lateinischen Namen, doch im Gespräch werden sie meist auf „weiße Blüten“ oder „Unkraut“ verkürzt.
Plötzlich reißt mich ein ganzes Feld von Kuckuckslichtnelken aus meinen Gedanken. Lila, Gelb und Braun wiegen sich im Wind. Eine Farbkombination, die wohl niemand pflanzen würde. Auf der wilden Wiese ist es der perfekte Anblick. Mehrfach habe ich die Kuckuckslichtnelke in meinen Garten eingeladen. Spätestens nach dem zweiten Jahr war sie wieder verschwunden. Und hier, inmitten des Scharfen Hahnenfußes, der bei mir alle Zierstauden überwuchert, wächst die Kuckuckslichtnelke wie wild. Eine Wildstaude braucht wilden Boden.


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Immer wieder bleibe ich stehen, um mir etwas genauer anzusehen. Wie mag dieses eine Gras heißen, das sich auf der Wiese mit den Kuckuckslichtnelken mischt? Ich genieße auf einer der neuen, geschwungenen Bänke den Blick über die Landschaft. Die Blätter rauschen, die Gräser wiegen sich und doch empfinde ich es als still. Sonne. Menschenleere Landschaft. Weiter Blick über welliges Land. Ausatmen.
Der Wind reißt mir beim Schreiben die Seiten weg. Zeit, um weiterzugehen. Nach ein paar Weggabelungen beginnt der Wald. Der Scharfe Hahnenfuß begleitet mich. Er ist wohl ein Alleskönner. Alle anderen sind weg. Schlangen-Knöterich, Wind, Kuckuckslichtnelke. Der Bläuling sowieso. Stattdessen der warme Duft von Kiefernadeln in der Sonne. Außerdem Wilde Möhre und Storchschnabel.
Fehlt nur noch, dass es im Wald auch Giersch gibt. Wobei, ich habe bisher nur an ganz wenigen Stellen Giersch in der Natur gesehen. Braucht er den Menschen als Betreuer? Jemanden, der gut gedüngte Flächen mit wenig Konkurrenz bereitstellt und für Bewässerung sorgt? So widerspenstig Giersch im Garten auch ist, ein Leben in der Natur ist ihm wohl zu anstrengend.
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So bringe ich von jedes Mal von meinem Draußenleben etwas für das Gartenleben oder auch die Kaminabende mit. Meist sind es neue Gedanken. Heute ist es auch etwas Saatgut. Ich habe einen Strauß verblühte Kuckuckslichtnelken gepflückt und werde sie auf der Fensterbank aussäen. Letztes Jahr habe ich Wiesenstorchschnabel angesiedelt. Vielleicht gelingt es ja mit weiteren Wilden aus der Region.
