Der Hochrhön-Fernwanderweg
Der Hochrhöner ist ein Fernwanderweg, der die Rhön in Süd-Nord-Richtung von Bad Kissingen nach Bad Salzungen durchquert (176 km) Wikipedia. Alternativ kann man den Hochrhöner auch als Rundweg von der Wasserkuppe über Milseburg, Tann, Schwarzes Moor, Heidelstein, Rotes Moor zurück zur Wasserkuppe laufen (87 km). Ich werde auf dem Hochrhöner-Rundweg einmal rund um die Rhön wandern Rhön-info.de.
Allein bei der Vorbereitung entdecke ich viele neue Ecken der Rhön. Zum Beispiel den Eisgraben in der Nähe des Schwarzen Moors. Das Schwarze Moor besuche ich recht regelmäßig. Doch bisher hatte ich mir nie die Zeit genommen, dort eine ausführliche Wanderung in die Umgebung zu machen. Immer bin ich froh, die Moor-Runde in Ruhe laufen und genießen zu können. Danach ist es dann schon wieder Zeit für die Weiterfahrt. Jetzt aber werde ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als unterwegs zu sein. Ob ich dieses Mal vielleicht das Moor auslasse und stattdessen den Eisgraben besuche?
„Innere und äußere Landschaften in den Gedichten von Simon Armitage, John Burnside und Alice Oswald“. Ein Beitrag im Deutschlandfunk, den ich vor einigen Wochen entdeckt habe. Mit Gedichten tue ich mich oft schwer. Doch das, was die drei Autor*innen über ihr Schreiben berichten und wie sie Landschaften wahrnehmen, das kann ich gut nachvollziehen. Ja mehr noch, das ist es, wie es mir selbst auch geht, wenn ich in einer Landschaft unterwegs bin, in der mein Herz aufgeht. Ich nehme mir vor, diesen halbstündigen Beitrag unterwegs noch einmal zu hören. Vor Ort, mit Blick auf meine Landschaft Deutschlandfunk.
Außerdem packe ich mir „Wandern“ von Henry David Thoreau ein. Ich habe in die ersten Seiten hineingelesen und freue mich darauf, unterwegs immer mal eine Teepause mit Thoreau machen zu können.
Das sind drei von vielen Ideen und Gedanken, die in der Zeit vor meiner Rhönrunde in meinem Kopf herumwirbeln. Dazu kommen die vielen praktischen Dinge von Hotelruhetagen bis Onlinewanderkarten. Um beides, die Ideen und die praktischen Dinge soll es bei diesem Bericht gehen. Und doch ist es kein Reiseführer, der Wege, Anstiege und Ruhebänke entlang des Weges beschreibt. Vielmehr ist es der Versuch, meine Begegnung mit der Landschaft in Worte zu fassen.

Tag 1: Unterwegssein statt Schlendern und Schauen
Der erste Tag beginnt mit einem guten Frühstück. Noch bin ich zu Hause und kann noch einmal aus den gewohnten Routinen und Vorräten schöpfen, bevor es losgeht. Der Rucksack ist vorbereitet und muss nur noch eingeräumt werden. Mir ist es wichtig, zwar zielstrebig aber doch gelassen in die Tour zu starten. Wenn ich zur Mittagszeit in der Rhön loslaufe, reicht das aus für die erste Etappe.
Nach dem Packen ist der Rucksack überraschend leicht. Ich weiß allerdings, dass ich mich gerade selbst beschummele, weil ich den Proviant und vor allem Tee und Wasser noch nicht eingepackt habe. Danach wird sich das Gewicht noch deutlich ändern. Auf dem Weg in die Rhön halte ich noch an der Bäckerei, um das bestellte Brot abzuholen.
In der Rhön angekommen, laufe ich erstmal los. Die Milseburg ist nicht einmal 5 Kilometer entfernt. Das ist ein guter Einstieg in meine lange Runde um die Rhön.
Die Milseburg ist ein steiler und störrischer Basaltfelsen. Doch auch der Weg dorthin ist nicht wesentlich einfacher. Es geht viel bergauf. Ich halte mehrfach an, um die Gurte am Rucksack zu verändern. Zumindest das hätte ich im eigenen Wald schon machen können. Aber wer packt sich schon 10 Kilo als Testgewicht in den Rucksack und läuft eine Proberunde? Na ja, ich jedenfalls nicht. Auch wenn ich viel nachjustieren muss, gefällt mir der Rucksack richtig gut. Es lassen sich alle Träger und Gurte in mehrfacher Weise verstellen. Das ist wirklich durchdacht.
Oben auf der Milseburg das erste Wow! Der Tour. Die Aussicht ist umwerfend. Ich sitze eine ganze Weile und schaue. Das Wetter ist perfekt. Angenehm warm zum draußen sein, aber nicht mehr die Hitze der letzten Woche. Ich schaue weit nach Norden. Zwischen Wiesen und Waldkuppen verteilte Dörfer. In der Ferne wird die Landschaft flach und verliert sich in dunstigem Blau. Ein typischer Rhönblick und doch neu für mich. Von der Wasserkuppe aus steht die Milseburg dem Blick nach Norden im Weg. Hier sehe ich den für mich weniger bekannten Teil der Rhön. Einen Teil davon werde ich heute und morgen durchqueren.
Gerne würde ich noch etwas sitzen, lesen, nachdenken, teetrinken. Aber mir fehlt noch das Gefühl für die Strecke. Heute am ersten Tag will ich ersteinmal hineinfinden ins unterwegs sein.
Bei meinen Tagesausflügen kann ich spontan entscheiden wie lange und wohin genau ich unterwegs sein will. Auf dem Weg rund um die Rhön ist das anders. Die Strecke ist schon jetzt für die nächsten Tage geplant. Es ist ein überraschend anderes Laufen. Die Entfernung an sich steht plötzlich im Mittelpunkt. Nicht mehr das schlendernde Schauen. Ich kann nicht jeder Inspiration einfach nachgehen. Ich muss meine Zeit und vor allem Kraft zuerst auf die Strecke an sich verteilen. Erst danach bleibt hoffentlich noch viel Raum für andere Ideen.
Nach der Milseburg folgt gleich der nächste Anstieg zur Oberbernhardser Höhe. Puh, das geht ganz schön auf und ab. Auf den Wegweisern des sind jetzt durchgehend Tann als Ziel und Milseburg als Rückblick ausgeschildert. Ich weiß nicht genau, wie weit es noch bis zur ersten Unterkunft ist, aber es ist aufmunternd zu sehen, dass ich mich von Wegweiser zu Wegweiser weiter von der Milseburg entferne.
Einige Kilometer nach der Oberbernhardser Höhe ist ein Wanderparkplatz ausgeschildert. Seit der Milseburg gab es keine Bank, die sich für eine längere Rast angeboten hätte. Nach insgesamt drei Anstiegen für heute brauche echt eine Pause. Ich hoffe am Wanderparkplatz auf eine Bank und gehe sogar einen kleinen Umweg, um den Parkplatz zu erreichen. Tatsächlich, es gibt eine Bank mit Tisch. Alles eher praktisch, als pittoresk und Aussicht gibt’s auch keine, aber besser als nichts.
Ich bin recht erschöpft von den vergangenen Kilometern, obwohl es nur wenige mehr als zehn sind. Der Tee tut gut. Für diesen Moment musste ich den Tee den ganzen Tag tragen. Wäre ich mit leichterem Gepäck weniger erschöpft und der Tee würde mir gar nicht fehlen? Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder stellen werde.
Ich nutze die Pause, um mit meiner Wanderlektüre zu beginnen. „Mit Thoreau durch die Rhön“. Das war der Gedanke als ich das Büchlein „Vom Wandern“ einsteckte. Ich kenne die ersten zwei, drei Seiten und freue mich auf den Rest. Doch ich stelle schnell fest, dass es ein Fehler ist sich auf etwas von Thoreau zu freuen. Es ist immer wieder derselbe Thoreau, der da schreibt. Und kaum bin ich auf Seite fünf angekommen, beginnt er sein unaufhörliches Gejammer darüber, dass die Einwohner seines Städtchens zu unverständig sind, um so zu leben wie er.
Die Pause ist eine Erholung für den Körper, aber die Lektüre ist keine Stärkung des Geistes und so packe ich den Thoreau bald wieder ein und beginne mit den letzten Kilometern für heute. Der Weg ist jetzt recht einfach: Kaum noch Steigungen und immer geradeaus. Schließlich verlasse ich den beschilderten Weg und hangele mich mit Google-Maps durch den kleinen Ort, in dem ich ein Quartier für heute Nacht gefunden habe.
Meine Unterkunft finde ich nur, weil Google Maps behauptet, ich hätte das Ziel erreicht. An einem großen Bauernhof hängt das Schild einer Bierreklame. Ohne Reservierung wäre ich hier nicht eingetreten. Doch ich werde freundlich erwartet und finde im mehrfach verschachtelten Haus ein Zimmer.
Zum Abendessen gehe ich in die Gaststube. Dort sitzen etwa zehn Personen im Halbdunkel. Alle sind im Gespräch vertieft. Fernsehen und Radio laufen gleichzeitig und schirmen die Gruppe von der Außenwelt ab. Einer der Männer steht auf, macht das Licht an und fragt, was ich trinken möchte. Ist es wirklich eine Gaststube? Oder hat sich jemand den Scherz erlaubt, 50 Jahre altes Wirtshausmobiliar in ein übergroßes und ansonsten kahles Wohnzimmer zu stellen? Es ist eine merkwürdige Stimmung, so als Fremder zwischen den ImmerDa-Gästen zu sitzen. Das Fernsehen plappert von Weinbauern, die vom Klimawandel profitieren, weil der Riesling dann nicht mehr so sauer ist. Dazwischen alte Hits von Abba und irgendein Schlager von Gitte aus dem Radio. Ich habe den Eindruck, die Gaststube befindet sich noch im vergangenen Jahrhundert. Was reden die da von Internet und fremden Städten wie Frankfurt? Selbst Fulda klingt plötzlich unerreichbar fern.
Als Abendessen gibt’s Schnitzel mit Pils und Pommes. Die Speisekarte hat zwar auch Alternativen, aber ich glaube, dass ich mit dem Basisprodukt am besten fahre. Ich esse in Ruhe und sitze dann noch eine Weile bei einem zweiten Pils, um die Gedanken des Tages zu notieren.
Die anderen Gäste lassen mich in Frieden. Ich werde nicht beäugt oder bewertet. Es ist eher ein vollständiges Übersehen. So ganz anders als es die buntbebilderten Landleben-Magazine oder WirLiebenDasDorfleben-Reportagen berichten. Dort werden die Neuankömmlinge herzlich aufgenommen und sind schon Tage später Teil einer innigen Gemeinschaft. Hier eher nicht so.



Text zur gesamten fünftägigen Wanderung als pdf: Auf dem Hochrhöner rund um die Rhön