Ich habe fürchterlich geschlafen. Eigentlich habe ich sogar den Eindruck, ich hätte gar nicht geschlafen. Aber das Teekochen mit dem Tauchsieder klappt. Das nimmt mir einen Stein von der Seele. Eine Teepause ist für mich so tröstlich und kraftspendend, dass ich sehr bedrückt losgelaufen wäre, wenn ich ohne gutgefüllte Teekanne laufen müsste.
Das Frühstück ist mittelfürchterlich. Es gibt abgezählte Brötchen und eine einzige Marmelade. Das ist dann zum Glück ausgerechnet Schwarze Johannisbeere. Der Rest ist zuerst arg übersichtlich, wird aber dann noch mit Käse und Wurst und sogar einem Ei aufgefüllt. Also dann doch OK. Ich zögere, nach einem zweiten Kännchen Tee zu fragen, aber es kommt problemlos.
Ich hatte überlegt, in jeder Herberge nach Tee und Wegzehrung für den Tag zu fragen. Doch wie soll das hier aussehen? Noch ein latschiges Brötchen und gnädig ein drittes Kännchen Tee, das die Thermoskanne zu einem kargen Drittel füllt. Da graust mich allein schon der Gedanke. Mehr als es das Gewicht meines mit eigenem Proviant gefüllten Rucksacks je tun könnte.
Ich bin froh weiterzuziehen. Das erste Stück gehe ich an der Straße entlang. Ein ganz anderes Gehen als durch den Wald. Vor vielen Jahren war ich oft per Anhalter unterwegs. Das Laufen an der Straße entlang erinnert mich daran. Die ersten drei Kilometer sind in wenig mehr als einer halben Stunde geschafft. Es läuft sich zügig, aber auch ereignisloser wenn der Blick auf den Autoverkehr achtet und die Füße auf Teerboden laufen. Es ist die längste Etappe meiner Tour und ich bin froh, um den leichten Anfang. Ich folge der Landstraße bis in den nächsten Ort. Dort treffe ich problemlos wieder auf die „Hochrhöner“-Beschilderung. Hier beginnt die eigentliche Strecke der heutigen Etappe.
Direkt am Ortsausgang geht es zum ersten Mal für heute den Berg hinauf. Ich werde belohnt mit neuen Aussichten auf Wasserkuppe und Milseburg. Die Gegend um Nüsttal ist neu für mich. Ich kenne zwar die Straßen, nicht aber die Wanderwege und Aussichten. Bisher habe die Milseburg immer nur von der Wasserkuppe aus gesehen. Nun sehe ich die Landschaft von der anderen Seite aus.
Heute läuft es deutlich besser als gestern. Um 10 Uhr habe ich trotz Anstieg und Schauen schon die ersten 5 Kilometer hinter mir. Nach Tann sind es zwar immer noch 12 Kilometer, aber ich bin drei Stunden früher als gestern. An einer Wanderhütte an der Grenze zu Thüringen mache ich eine ausführliche Rast mit Tee und zweitem Frühstück.
Die Wegführung nervt mich allerdings zusehends. Immer öfter habe ich den Eindruck, dass ein Berg, ein Anstieg nur eingebaut ist, damit die Tour mehr Höhenmeter aufweist. Oder aber der Tourismus-Planer hat alle Orte und Sehenswürdigkeiten, von denen er ein Marketingbudget bekommt, auf einer Karte markiert und miteinander verbunden.
Natürlich muss man bei solch einer Tour auf der Milseburg gewesen sein, aber muss man danach über die Oberbernhardser Höhe, nur um auf der anderen Seite wieder herunter zu laufen? So geht es mir heute mit mehreren starken Anstiegen nach Gotthards. Dazwischen allerdings auch immer wieder wirklich schöne Aussichten.
Der Hessenweg X2, auf dem ich mittlerweile viele Kilometer unterwegs war, verläuft viel geradliniger. Ich kenne mich in diesem Teil der Rhön jedoch nicht gut genug aus, um einen eigenen Weg zu finden. Außerdem ist es ja die Idee dieser Tour, genau diesen bestimmten Rundweg zu laufen. Noch ist es ein Laufen nach Schildern. Ein Genuss wird es wohl erst bei der nächsten und übernächsten Umrundung der Rhön, wenn ich ein Gespür für die Landschaft habe und den Weg selbst gestalte.
Um nicht erneut in ein Tal laufen zu müssen, steige ich auf die WanderApp des Smartphones um. Die App führt mich einen alten Militärweg entlang. Die Betonplatten des Grenzweges sind an einigen Stellen so stark überwuchert, dass sie im Untergrund verschwinden. Aber verwittert sind sie auch nach 30 Jahren noch nicht. Der Kolonnenweg wird durch eine Kuhweide unterbrochen. Ich weiß nicht, ob die Kühe noch da sind, und bin froh, als ich das zweite Gatter erreiche und wieder über Betonplatten laufe.
Vor mir liegt nun der Weiler Habel. Dort werde ich wieder auf die Beschilderung des Hochrhöners treffen. Auch der Wanderer, den ich kurz hinter Gotthards gesehen hatte, ist wieder da. Der wesentliche Eindruck von Habel ist Lärm. Ich hatte bei der Planung überlegt, ob es in Habel vielleicht eine Einkehr oder einen Bäcker geben könnte. Nun sehe ich eine Kirche, ein paar Häuser und der Rest ist Bauernhof. Dazu der Lärm. Ich will hier gar keine Pause machen.
Ich überlege wie ich diese Kombination aus Lärm, Bauernhof und Tal beschreiben kann. Mir fällt eine spielerische Technik des Creative Writing ein. Sammle 10 Verben. Sammle 20 Substantive. Kombiniere je drei davon zu ungewöhnlichen Sätzen wie „Das Haus saugte die Kuhherde auf“. Das ist ein lustiges Spiel für einen Schreibkurs, aber nichts davon taugt für eine echte Landschaft. Alle anderen Worte, die mir sonst noch einfallen, sind entweder zu realistisch oder zu wenig lautmalerisch für diese eher surreale Situation einer brüllend lauten Idylle.
Nachdem ich einen Halbkreis um Habel gelaufen bin, steige ich wieder in den Hochrhöner ein. Mit dem Weiler im Rücken fällt mir eine passende Beschreibung ein: Der Lärm bedeckt das Tal. Der Lärm füllt das Tal nicht nur aus, er lähmt jedes Denken und Handeln. Der Lärm liegt wie ein Deckel auf dem Tal und schirmt es von aller anderen Welt ab. Erst als ich am Ortsrand von Habel den Weg nach Tann beginne, kann ich mich davon lösen.
Ich kann mich nun entscheiden, ob ich direkt nach Tann laufe oder noch einen Umweg über den Habelberg mache. Ich fühle mich noch frisch und es sind doch nur eineinhalb Kilometer extra. Habel-Berg statt Habel-Dorf, das klingt gut.
Eine Stunde später denke ich „Ach, wäre ich doch nur direkt nach Tann gelaufen“. Der Weg war lang und steil und das langweiligste Stück, das ich heute gelaufen bin. Von meiner Frische am Ortsausgang von Habel ist nichts mehr übrig. Zum Glück geht es bis Tann nur noch bergab. Am Ortseingang bin ich aber trotzdem so erschöpft, dass ich mich nach einer Pause in einer Eisdiele oder wenigstens nach einem großen Krug Apfelschorle sehne. Gleich am Stadtrand finde ich die Tourist-Info. Ich frage nach Eisdiele und Supermarkt. Ja, es gibt beides, aber die Eisdiele hat wohl zu oder vielleicht doch nicht, aber ich könnte ja mal da und dort fragen. Ermutigend klingt das nicht, was der freundliche Mitarbeiter der Tourist-Office erzählt. Der Supermarkt ist hinter dem Stadttor links in der Straße. Ich nehme ihn beim Wort und glaube wirklich, dass der Edeka gleich hinter dem Stadttor ist. Mit dem Auto mag das zutreffend sein. Für einen, der müde und erschöpft von einem zu schweren Rucksack ist, ist es ganz schön weit bis zum Edeka. Hinter dem Stadttor ist nicht falsch, aber es ist halt noch ein dreiviertel Kilometer bis zum Edeka, der doch eher am Ortseingang als am Stadttor ist. Bei 25 Kilometern Tagesetappe fallen eineinhalb überflüssig in Tann herumgeirrte Zusatzkilometer ernsthaft ins Gewicht. Bei der nächsten Tour werde ich nicht nur die Übernachtungen, sondern auch die Einkaufsmöglichkeiten genau planen.
Tann ist für mich viel verlorene Zeit und kaum neu gewonnener Kraft. Am Ortsrand geht es zum gefühlten zig-sten Mal bösartig den Berg hinauf. Korrekt gezählt sind es immerhin noch fünf Anstiege für heute. In Dietgeshof angekommen, bleiben weitere fünf Kilometer bis zum Tagesziel in Andenhausen. Ich wusste, dass ich noch über Tann hinaus laufen muss, aber ich habe dieses letzte Stück unterschätzt. Drei Kilometer vor Andenhausen finde ich dann doch noch eine schöne Bank zum Teetrinken. Auch heute merke ich dabei wieder, wie erschöpft ich bin. Die Rhön ist die Landschaft, in der mir das Herz aufgeht. Aber die Wege werde ich zukünftig besser planen: Wie viele Höhenmeter Anstieg? In welchen Dörfern gibt es einen Laden? Kurze Zeit später überquere ich erneut die Grenze zu Thüringen. Jetzt ist Andenhausen schon in Sichtweite.
An meiner heutigen Unterkunft angekommen, macht niemand die Tür auf. Ich laufe erneut das Haus entlang und entdecke eine weitere Tür. Der Schlüssel steckt von außen und mein Name steht auf einem Notizzettel. Im Zimmer finde ich dann eine Erklärung für die Abwesenheit der Vermieter und ein vorbereitetes Abendessen. Beim Abendessen der gleiche kleine Schreck, wie bei der verschlossenen Haustür. Erst sehe ich nur eine Tupperdose mit zwei Wiener Würstchen und in Scheiben geschnittenes Graubrot. Na ja, macht satt, ist aber etwas karg, denke ich dabei. Aber dann finde ich noch eine zweite Dose mit Kartoffelsalat. Und Senf und Bier gibt es auch. Also doch ein leckeres Abendessen. Das Zimmer hat eine eigene Küchenzeile und die Ausstattung ist durchdacht. Sogar die Heizung funktioniert. Das Wetter ist angenehm sonnig, aber ich bin vor Erschöpfung durchgefroren und freue mich über die Wärme. Das ist wirklich eine gute Unterkunft!
Wenn ich an jedem Abend verlässlich solch ein Abendessen hätte, dann könnte ich den Proviant reduzieren. Meine Luxus-Artikel Thermoskanne und Tauchsieder sind dann immer noch schwer, aber ich bräuchte nicht eineinhalb Pfund Brot und allerlei anderes als Reserve bevorraten. Die Planung für die nächste Tour muss nicht nur den Schlafplatz, sondern auch die Verpflegung beinhalten.



Text zur gesamten fünftägigen Wanderung als pdf: Auf dem Hochrhöner rund um die Rhön