Am nächsten Morgen bringt die Vermieterin mir einen Korb mit vielseitigem und sehr reichhaltigem Frühstück. Es ist wirklich alles dabei, was man sich wünschen kann. Damit bin ich den ganzen Tag versorgt!
Nach den 25 Kilometern gestern, habe ich heute nur ein kurzes Teilstück von nur 15 Kilometern bis zur nächsten Unterkunft. In der Region ist es schwierig, eine Unterkunft zu finden, und diese Herberge machte im Netz einen so netten Eindruck, dass ich die Tour darum herum aufgebaut habe.
Von der Unterkunft aus geht es steil bergan zum Horbel. Auf halber Strecke ein schöner Blick über die Landschaft und ein alter Grenzturm. Ja, das ist wirklich ein guter Standort für solch einen Wachturm. Der Turm selbst ist zwischen Bäumen etwas getarnt und hat trotzdem Andenhausen und die Straße zur Grenze erschreckend gut im Blick. Zu DDR-Zeiten war die ganze Region Sperrgebiet. Die wenigen Landstraßen waren unbeschildert, um Fremden die Orientierung möglichst schwer zu machen. Jeder, der es doch wagte, sich zur Grenze durchzuschlagen, stand unter unbarmherziger Beobachtung aus solchen Hinterhalten.
Gestern lief ich hauptsächlich durch Hessen. Der Unterschied zu Thüringen ist selbst so viele Jahre nach Grenzöffnung noch deutlich. Viele der Wanderwege sind alte Militärstraßen und immer wieder stehen die alten Beobachtungstürme in der Landschaft. In meiner Jugend gab es noch zwei Deutschlands. Es gerät schnell in Vergessenheit, wie kompliziert Reisen damals war.
Für den weiteren Weg muss ich mich nun entscheiden, ob ich auf dem Hochrhöner bleibe oder zur Hexenlinde laufe. Die Hexenlinde habe ich gestern Abend auf der klassischen Wanderkarte entdeckt und muss schmunzeln, als ich nun die Wegweiser sehe: Sie sind nicht ganz so alt wie die Hexenlinde, aber wohl aus einer Zeit vor dem Nationalpark. Ganz klassische alte Holzschilder. Das gefällt mir. Es geht auch ohne Hochglanz oder Zusatzinfo per QR-Code. Nach der Hexenlinde kann ich dann wieder auf den Hochrhöner einbiegen. Für mich ist es damit sogar eine Art Abkürzung.
Zwei andere Wanderer kommen fast gleichzeitig mit mir aus der Gegenrichtung an. Sie laufen auch den Hochrhöner, aber nur die halbe Runde und in entgegengesetzter Richtung. Sie wollen noch bis Tann. Dort ist Schluss für sie und sie fahren sie mit dem Bus zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Sie laufen mit leichtem Gepäck, obwohl auch sie übernachtet haben. Für mich stand von Anfang an fest, die ganze Runde zu laufen. Aber es ist wirklich eine Idee, sich die Strecke aufzuteilen. Ich frage mich nun, was für mich die Runde um die Rhön ausmacht. Muss es die ganze Runde auf einmal sein? Wie lange dauert es für mich, bis ich mich als Wanderer fühle und nicht als Tagesausflügler? Dieses Gefühl „in der Landschaft zu sein“ stellt sich für mich erst nach und nach ein. Daher bin ich froh, mehrere Tage unterwegs zu sein. Aber die Aufteilung der Wege kann bei der nächsten Wanderung vielleicht eine andere sein.
Die Hexenlinde ist ein besonderer Ort. Weit entfernt von jeder Siedlung steht eine alte und zerfurchte Linde. Es gibt eine Sage über einen Spielmann dazu. Der Spielmann hatte sich auf seinem Weg verirrt und gerät an eine Gesellschaft, die ihn bittet, zum Tanz aufzuspielen. Er glaubt, mit Silber entlohnt zu werden, aber am nächsten Morgen hat er nur wertlose Scherben in der Hand und erkennt, dass er mit den Hexen getanzt hat.
Einige Arbeiter der Stadtverwaltung sind gerade dabei, einen schönen, neuen Sitzplatz mit zu bauen. Heute Nachmittag soll er schon fertig sein. Schade, wir sind einen Tag zu früh hier. Ich setze mich mit den beiden anderen Wanderern auf eine Bank, die etwas von Linde entfernt ist, aber einen schönen Blick ins Tal bietet. Wir Plaudern eine Weile, während jeder sich mit den mitgebrachten Vorräten stärkt, und dann laufen wir weiter. Eine schöne Begegnung.
Der Hochrhöner führt nun ins Tal bis nach Kaltennordheim und dann zurück nach Mittelsdorf und von dort auf den Weidberg. Ich lasse einen Teil der Schleife aus und laufe zwar ins Tal, biege aber früher ab, um wieder bergan zum Weidberg zu kommen. Auch dies ist ein Unterschied zwischen Hessen und Thüringen. Es gibt auf dieser Seite der ehemaligen Grenze selbst heute noch weniger Wanderwege. Rund um Wasserkuppe und Milseburg kann man aus einer Vielfalt von Wegen wählen. Hier gibt es nur diese beiden Möglichkeiten. Ganz ins Tal oder nur halb ins Tal. Erst dann gibt es wieder einen Weg zum Weidberg hinauf.
Es geht also ersteinmal viel bergab. Die Strecke ist trotzdem sehr mühsam. Häufig sind es Wege aus grobem Schotter, die das Gehen anstrengend machen. Zudem sind die Wege so breit, dass sie durchgehend in der vollen Sonne liegen. In Kaltenwestheim bin ich recht erschöpft. Ich durchquere den Ort nur am Rand. Hier ließe es sich schön wohnen, denke ich beim ersten Anblick. Aber für jedes Brötchen muss man fahren. Ob es wenigstens im benachbarten Katennordheim einen Laden gibt? Ich mache an einer schattigen Bank am Ortsausgang eine lange Pause. An einer langen Reihe Apfelbäume sammele ich mir einige Äpfel als Wegzehrung auf. Am Ortsausgang empfängt mich erneut ein breiter, sonniger Weg mit grobem Schotter. Es geht lange den Berg hinauf.
Der lange Weg von gestern steckt mir noch in den Knochen. Ich bin heute auf dem kürzeren Weg mehr erschöpft als gestern auf der langen Etappe. Ich kann die Rhön nicht so sehr genießen, wie ich es erhofft hatte. Zu schwer trage ich an meinem Rucksack. Zudem schmerzt der linke Fuß. Ich habe mir auf dem Weg nach Tann eine Blase gelaufen. Gestern habe ich mir Wege gewünscht, die nicht so steil sind. Wege, die kein hohes Gras haben, das mittags noch nass ist. Heute nun habe ich diese Wege: Breite sonnenerhitzte Schotterwege. Grober Schotter, der die Schritte mühsam macht. Die Anstrengung zermalmt die Muße. Das ist für mich die Beschreibung dieser Wege.
Ich bin froh, dass ich am Ende dieses Anstieges eine überdachte Bank mit Tisch finde, an der ich eine Pause machen kann. Wieder freue ich mich über meine Teekanne. Alle Tipps und Ratschläge, die sich bei der Vorbereitung einer längeren Wanderung finden, sind nur für denjenigen richtig, der sie aufgeschrieben hat. Natürlich gibt es universelle Randbedingungen, wie genug Wasser oder einen leichten Rucksack. Doch danach wird es individuell. Ich werde bei der nächsten Tour auf möglichst viel Elektronik verzichten.
Recht bald setzten sich ungefragt zwei Wanderer dazu und packten ihre ausführliche Brotzeit aus. Sie laufen bis Bad Salzungen. Ihrer Meinung nach geht der Hochrhöner deshalb bis dort, weil nur dort ein Bahnhof ist. Sonst gäbe es ja keine Möglichkeit zurückzufahren, ergänzen sie etwas maulig. Natürlich haben sie diese schicken Brotdosen, die ich in Göttingen im Outdoorladen gesehen habe. Sie waren mir zu schwer und zu teuer. Und natürlich sind sie perfekt und minimalistisch ausgerüstet. Sowas von Schlaumeier. Aber eine Thermoskanne haben sie trotzdem nicht. Ätsch. Nach der Brotzeit lassen sie sich zum Mittagsschlaf auf die Bank und ins Gras fallen. Dass ich noch hier sitze, stört sie offensichtlich nicht. Ich ziehe weiter. Für eine wirkliche Teepause werde ich eine andere Gelegenheit finden.
Die Wanderer von der Hexenlinde zeigen, dass es auch anders geht. Weniger prahlen, weniger maulen, weniger aufdringlich den Platz belegen. Einfach unterwegs sein und eine gute Zeit mit anderen Wanderern haben.
Von der Hütte aus ist es nicht mehr weit zur heutigen Unterkunft. Ich komme meinem Ziel näher. Gut, dass ich heute eine kürzere Strecke laufe. Der Weg führt auch endlich wieder ein Stück über einen richtigen Waldweg. Ich sehe sogar eine kleine Kröte. Am Ende des Waldweges biege ich dann schon auf die Zufahrtsstraße zur Unterkunft ein. Die Herberge besteht aus einer Ansammlung dunkel gestrichener Holzhäuser samt Kinderpark aus Mini-Häusern. Ich werde von zahlreichen „Privat“-Schildern und dem Hinweis empfangen, dass die Küche um 17 Uhr schließt. Ich fühle mich als Gast hier eher vertrieben. Auf der knappen Speisekarte kann ich von regional und supertollbesonders, wie es auf der Internetseite beschrieben wird, nichts finden. Ich setze mich nach draußen in den fast leeren Biergarten und entscheide mich für eine Bratwurst mit Sauerkraut. Es ist zwar eher Teezeit als Abendessen, aber ich habe richtig Hunger. Als Mittagspause gab es den Kirschstreusel von gestern. Mittagessen und Teepause sind heute wohl vertauscht.
Mittlerweile hat sich meine Tour schon zum zweiten Mal verwandelt. Es ist kein Schlendern mit Teepausen und Thoreaulesen. Dafür sind die Tagesetappen viel zu lang und Thoreau zu nervig. Es ist auch kein stures Folgen der ausgeschilderten Route. Am ersten Tag hatte ich nur den halben Tag Zeit. Am zweiten Tag waren es zu viele Anstiege. Jetzt habe ich den ollen Thoreau an die Wand geworfen und von den zahllosen Anstiegen des Hochrhöners überspringe die Hälfte. Dafür habe ich auf der klassischen Wanderkarte die Hexenlinde entdeckt.
Etwas abgetrennt vom Biergarten stehen weitere Bänke. Ich vermute, sie sind für die Übernachtungsgäste gedacht und nach dem Essen ziehe ich nach dort um. Ich beginne damit die Erlebnisse des Tages aufzuschreiben. Unterwegs nutze oft die Handycamera für Notizen und hoffe, dass ich später mit dem Bild etwas anfangen kann. Besser wäre es, ein kleines Notizbuch in der Hosentasche zu haben. Das ist dann halt kritzelig, aber wahrscheinlich trotzdem eindeutiger als ein Foto. Heute habe ich Zeit genug, um die Eindrücke des Tages gleich zu notieren. Noch erinnere ich mich, was ich mit den Fotos sagen wollte.
Einen Teil meiner Vorräte hatte ich bereits zuhause gezielt für diesen Abend eingepackt. Ich befürchtete, nicht rechtzeitig vor Küchenschluss hier zu sein. Es ist eine typische Eigenschaft von mir, in Fällen, die ich als Unsicherheit empfinde, einen doppelten Boden zu haben. Aber es hätte ausgereicht, den Vorrat in Tann anzulegen. Nach der Bratwurst am Nachmittag bekomme während des Schreibens tatsächlich erneut Hunger und freue mich über meine Reserven. Auch viele leckere Sachen vom Frühstück sind noch da.
Jeder der Abende ist so unterschiedlich, dass ich mich immer wieder erst neu einfinden muss. Einfach irgendwo ankommen, Tablet rausholen und den Tag notieren, funktioniert nicht. Oder zumindest für mich funktioniert es nicht. Alleine in der Natur unterwegs zu sein, ist ein guter Weg, Dinge über sich selbst herauszufinden. Das haben bestimmt schon zahlreiche andere Wanderer notiert und doch ist es ein Unterschied, dies zu lesen oder diese Erfahrung tatsächlich zu machen. Meine Vorstellungen von dieser Tour und die Erwartungen daran, waren ganz andere, als die nun gemachten Erfahrungen. Zum Teil erinnert mich das an den Satz: „Das Glück ist immer der Moment davor.“ Wobei, es geht mir gut hier und jeder Tag ist wirklich ein besonderes Erlebnis. Auch wenn die Tage anders sind, als erwartet. Ich vermute, das Zitat ist von Judith Hermann. Das würde passen. Und, es würde mir gefallen, dass es aus ihrem neuen Buch ist, dessen Tonfall mich sehr an „Sommerhaus, später“ erinnert.



Text zur gesamten fünftägigen Wanderung als pdf: Auf dem Hochrhöner rund um die Rhön