Es ist das erste Mal, dass ich vom Frühstück überhauptgarnichts mitnehmen kann. Ob die Familie selbst auch latschige Aufbackbrötchen vom Discounter isst? Die Oma des Hauses ist als Bewacherin für mich abgestellt. Aber vielleicht ist auch der Rest der Familie froh, dass sie sie Mal eine halbe Stunde los sind und sie ihre alten Geschichten jemand anderem erzählt. Das ist nun also die Situation, bei der ich als Wanderer in das lokale Leben mit aufgenommen werde. Auch nicht besser als am ersten Abend. Ich trinke wenigstens noch einen zweiten Tee, dann mache ich mich auf den Weg nach Frankenheim. Da ich auf den ersten Kilometern bis Frankenheim kaum Höhenunterschied überwinden muss, ist es ein leichter Einstieg in den vierten Tag meiner Rhönrunde.
Beim Wandern falle ich aus der Zeit. Ich laufe durch Frankenheim und bin überrascht den Transporter eines Möbelhauses aus dem hundert Kilometer entfernten Würzburg zu sehen. Würzburg? Von so weit kommen die hier her gefahren? Ich muss mich daran erinnern, dass nur ich selbst als gemächlicher Wanderer unterwegs bin. Ich habe keine Termine, die ich erreichen muss. Keine eMails treiben mich durch den Tag. Um mich herum pulsiert dagegen das „normale“ Leben.
Frankenheim liegt auf einer kahlen und kalten Hochebene. Innerhalb des Ortes führt der Weg mich trotzdem in eine Senke, aus der ich am Ortsende erst wieder emporwandern muss. Ich verlasse Frankenheim auf einem der hier zahlreichen alten Militärwege.
Erneut auf der Hochebene angekommen, stehen immer wieder kleine Baumgruppen am Weg. Knorrige Stämme mit Flechten überwuchert. Teilweise in Kombination mit niedrigen Steinwällen. Meist nur an einer Seite des Weges. Diese Bäume stehen hier sicherlich nicht zufällig. Aber mich verstehe nicht, welchen Grund es für diese Bäume gibt. Eine dieser Baumgruppen ist ausnahmsweise auf beiden Seiten des Weges. Der Weg ist für wenige Meter vom Blätterdach überwölbt. Sofort wird es angenehm kühler. Ich muss an Peter Wohlleben denken, der Studien zu Temperaturunterschieden zwischen Wald und Stadt zitiert. Unglaublich, dass es dazu wissenschaftliche Studien braucht und noch unglaublicher, dass die Ergebnisse immer noch angezweifelt werden. Das eigene Erleben mit diesen wenigen Bäumen ist so eindrücklich, dass ich keinerlei Studie brauche.
Schon um 11 Uhr bin ich am Schwarzen Moor. Ich mag den kleinen Info-Shop, auch wenn ich dort immer nur die gleichen zwei Postkarten und einen Flyer über die Lange Rhön kaufe. Ich schaue gezielt in die Imbissbude, aber weder Bratwurst noch Kuchen können mich am späten Vormittag locken. Bei der Planung war ich mir sicher, heute den Abstecher zum Eisgraben zu schaffen. An Ort und Stelle angekommen, scheue ich dann doch die zusätzlichen Kilometer. Der Eisgraben muss warten. Es ist sicher nicht meine letzte Runde um die Rhön. Ich trinke einen Tee und laufe weiter in Richtung Stirnberg. Dieses Teilstück des Hochrhöner hatte ich ebenfalls schon lange laufen wollen. Für Hin-und-Zurück war es mir immer zu weit. Nun ist es automatisch Teil meiner Strecke und ich bin gespannt, wie es sich läuft.
Für etwa eineinhalb Kilometer führt der Weg neben der Straße entlang. Das ist nicht sonderlich pittoresk, aber es gibt hier im Naturschutzgebiet einfach keine Alternative. Außerdem muss der Weg in einem Bogen um den Bereich des Schwarzen Moores herum führen. Kurz vor dem Stirnberg mache ich eine kurze Rast mit Apfel und Schokolade. Links ist es noch sonnig. Rechts pirscht sich eine Regenfront an. Der ausgeschilderte Weg macht nun einen weiteren, umständlichen Bogen um einen streng geschützten Teil des Naturschutzgebietes. Auf meiner alten Wanderkarte ist noch ein direkter Weg eingezeichnet, doch die Beschilderung zeigt sehr eindeutig auf den Umweg. Durch die neue Wegführung laufe ich um den Stirnberg herum. Bergab, geradeaus, bergauf.
Auf der anderen Seite des Stirnbergs angekommen gibt es in kurzem Abstand gleich zwei Bänke, die zur Teepause einladen. Die Sonne hat ihre gleißende Sommerhärte abgelegt. In der milden Herbstsonne nehme ich mir die Zeit, eine Reportage aus dem Deutschlandfunk noch einmal zu hören. Drei mir bisher unbekannte Autoren berichten von ihrem Schreiben. Simon Armitage, John Burnside und Alice Oswald geben Einblicke in ihre Gedanken über das Schreiben und ihre Texte.
Simon Armitage
Ich blicke über die weite Landschaft und höre wie Simon Armitage über den Ausblick aus dem Fenster im Haus seiner Jugend berichtet.
And I have wondered as well sometimes whether the wooden frame of that window is actually the template for my writing…
Ich habe mich manchmal gefragt, ob dieses Fenster nicht so etwas wie den Rahmen für mein ganzes Schreiben darstellt. Noch bevor ich zu schreiben begann, etwa mit 12 oder 13 schaute ich sehr oft aus diesem Fenster und betrachtete das Dorf wie eine Art Spielzeug oder ein Modell. Ich träumte vor mich hin und stellte mir Lebensläufe, Situationen und Geschichten vor. Und am Horizont immer die Moore, leer und unbeschrieben, voll von Möglichkeiten.
Solch ein prägender Blick fehlt mir zwar, aber die Inspiration, die eine bestimmte Aussicht bietet, kann ich gut nachvollziehen. Überhaupt, Inspiration ist für mich sehr häufig an das Sehen gebunden. Manchmal sitze ich am Schreibtisch und lese alte Geschichten von mir. Einige gefallen mir richtig gut, aber es ist mir schleierhaft, wie ich das schreiben konnte. Doch sobald ich nach draußen gehe, begegnen mir die Worte aus meinen Texten. Als hätten sie in den Baumwipfeln und selbst zwischen den Brennnesselbüschen gesessen und darauf gewartet, dass sie mich umschleichen können.
Alice Oswald
Alice Oswald beschreibt ihren Text „Dart“: The poem is – I hope – as much a river as the river. Rivers tend to alternate between deep pools and shallow rapids, so they move fast and then they slow down and they will eddy around a pool and the poem does that, I think. I really wanted to recreate the river in imaginative terms, above all not to describe the river but simply to present it as language, to remake it as language.
Das Gedicht ist hoffentlich genauso ein Fluss wie der Fluss selbst. Flüsse alternieren oft zwischen tiefen Bereichen und flachen Stromschnellen, sie bewegen sich schnell und dann werden sie langsamer. Bei meinem Gedicht ist das ebenso. Ich wollte den Fluss in imaginärer Form wieder erschaffen, ihn vor allem nicht beschreiben, sondern in Form von Sprache noch einmal erstehen lassen.
Ja, genau so muss es sein. Solange ich nur hier sitze und schaue, werde ich nur über das schreiben, was ich mit meinen Sinnen wahrnehme: Die weiten welligen Hügel und das schalkhafte Gezwitscher der Vögel, die unsichtbar auf der Wiese sitzen. Es ist ein Anfang so zu schreiben. Es ist sogar der Anfang des Naturschreibens überhaupt. Aber wie kann es weitergehen? Noch bin ich ein Anfänger, wenn es um das Wesen der Dinge geht. Um das, was nicht direkt mit den eigenen Sinnen erfasst werden kann. Ich bin auf dem Weg. Mit jeder Runde um die Rhön werde ich Neues in der gleichen Landschaft entdecken.
Zwitschergelächter
Die Landschaft ruht. Die Wellen der Landschaft sind still. Das Gras sacht im Wind. Wiese. Hügel. Wald. Wiese. Sendemast. Hügel. Ziegeldächer. Eine Baumreihe schwingt sich talabwärts.
Auf einer der Wiesen gegenüber, einige einsame Baumkleckse. Wahllos verteilt. Wie hingestreut. Aus der Entfernung zentimeterklein. Gleich werden sie loslaufen und sich zusammentun. Eine kleine Gruppe steht schon am Rand. Die anderen tun es dieser sicher gleich nach.
Ein unsichtbarer Vogel verlacht meine Gedanken. Er zwitschert wild und sich überschlagend in unglaublichem Tempo. Haha, du siehst mich nicht. Haha, du weißt nicht einmal, wo ich bin. Tschieptschieptschiep. Irgendwo im verblühten Feld sitzt er und lacht über meine Baumgedanken. Nicht verächtlich. Aber er kann sich gar nicht halten vor Lachen. Langsam mache ich mir sorgen, dass ihm die Luft ausgeht vor lauter Gezwitscher.
Die Bäume stehen weiter an Ort und Stelle. Vielleicht kann ich in meiner schnellen Menschenzeit ihre Bewegung nicht sehen. Oder sie haben sich bewusst entschieden, dort zu bleiben wo sie sind, und wollen gar nicht so eng und zahlreich zusammenstehen wie Menschen in der U-Bahn.
John Burnside
I think inside your head you have a map, not an actual map of a place but a kind of abstract, platonic map if you like and the texture and colour and gradients in that map come from where you have spent your childhood. So for me the landscape in my head is the grey streets of a coal town and its gravel roads and its paths out through the woods, little lochs, with reeds and birds and stuff, hills and the coast, the shoreline. After many, many years of writing poems I often end up in the same landscape even when I am somewhere else. You sometimes think: “Oh, let’s do something different!” and yet you can’t quite go away from there.
In deinem Kopf existiert eine Landkarte, keine reale Karte eines bestimmten Ortes, sondern eine abstrakte Karte, deren Texturen und Farben von den Orten deiner Kindheit herrühren. Die Landschaft in meinem Kopf besteht aus den grauen Straßen einer Bergarbeiterstadt und den Pfaden hinaus in die Wälder, kleinen Seen, mit Schilf und Vögeln sowie den Bergen und der Meeresküste. Nach vielen Jahren des Gedichteschreibens ende ich immer wieder in der gleichen Landschaft, selbst wenn ich an einem anderen Ort bin. Manchmal denkst du: „Versuch doch einmal etwas Anderes“, aber du kommst nicht davon los.
Meine Gedanken springen zwischen sofortiger Zustimmung „Ja, so ist es!“ und einem zögernden „Nein, das reicht nicht aus…“ hin und her. Ich bin in einer welligen Hügellandschaft aufgewachsen. Einer anderen, als die in der ich jetzt unterwegs bin. Zu meiner Zeit war es das Normale, dass Kinder nach der Schule draußen unterwegs waren. Egal, ob zum Fußballspielen oder um geheime Wege im Wald zu erkunden. Dieses Draußensein verbindet mit der Landschaft. Ganz von alleine. Als Kind und Jugendlicher hat niemand von uns darüber nachgedacht, was die Landschaft für uns bedeutet. Erst viel später konnte ich ausdrücken, dass es diese Art Landschaft ist, die mir fehlt, sobald ich von Stein und Teer und Geräuschen umgeben bin. Doch es reicht nicht aus, dass eine Landschaft vor Augen die gleichen Attribute hat wie in der Kindheit: Felder, Bäume, Hügel. Es muss etwas geben, dass die Rhön und auch den Dörnberg im Habichtswald für mich so besonders macht, dass ich immer wieder genau hierher zurückkehren möchte. Zurück zu etwas, von dem ich nicht herkomme. Es gibt für mich kein besseres Wort als zurück. Wieder ankommen an einem Ort, von dem ich nicht stamme.
Kühl ist der Abendhauch
Gemähte Wiese, kurz und grün. Ein paar gelbe Blüten. Vereinzelt auch blau. Zahlreiche Mauselöcher. Auffallend still. Kein Fliegensummen. Kein Vögelzwitschern.
Wie oft werde ich noch hier sitzen, bis ich die Landschaft kenne? Bis ich ein Teil von ihr bin und nicht mehr der Betrachter. Nicht das Gegenüber, das von außen sieht und bewertet?
Ich sitze bei meinem Tee. Schaue. Die Sonne zieht einen Bogen über den Himmel. Als ich weitergehe, beginnt es abendkühl zu werden. Ich klappe den Bürgersteig hoch. Feierabend für heute. Jetzt sagen sich hier nur noch Fuchs und Hase gute Nacht.

Der Weg führt nun weiter zum Parkplatz Schornhecke und dann steil bergan zum Heidelstein. Vom Heidelstein aus öffnet sich ein ganz anderer Blick. Plötzlich schaut man weit nach Bayern und sieht ganz andere Hügel und Ortschaften als beim gewohnten Blick von Wasserkuppe aus in Richtung Vogelsberg oder Milseburg. Ähnlich ging es mir vorgestern, als ich die Rhön von Nüsttal aus sah. Die Landschaft hat noch viele neue Perspektiven für mich zu bieten.
Vom Heidelstein aus geht es bis zur heutigen Unterkunft nur noch bergab. Der Beschilderung nach muss ich bis zur Bundesstraße von Bischofsheim nach Hilders. Der Hochrhöner überquert die Straße und führt weiter zur Wasserkuppe. Ich laufe an dieser Stelle ein Stück an der Bundesstraße in Richtung Bischofsheim entlang.
Kurz vor der Bundesstraße mache ich eine letzte Teepause. Während ich dort sitze, rollen verschiedenste Radfahrer bergab und bergan. Der Wanderweg ist zugleich auch als Radweg ausgeschildert, wie mir erst jetzt auffällt. Auf der gesamten Wanderung sind mir nicht so viele Radfahrer begegnet, wie in der Viertelstunde, die ich hier sitze. Das nächstgelegene Dorf ist recht klein. Alle anderen Orte sind weit entfernt. Ich bin überrascht, so viele Radtouristen hier zu sehen.
Erst freut es mich, dass so viele Menschen in der Natur unterwegs sind. Ein älteres Ehepaar macht mich dann aber nachdenklich. Beide wirken eher unsportlich und gut genährt. Es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit sie in Birkenstock-Sandalen auf ihren eBikes den Berg hochfegen. Ob sie mit einem klassischen Fahrrad jemals auch nur halbsoschnell unterwegs waren? Heute schiebt sie die Lithiumbatterie aus China den Berg hinauf. Muss das wirklich sein? Ist das nicht auch ein Beitrag zu einer enkeltauglichen Welt: Ein Fahrrad, das man selbst antreibt? Oder ein Tagesziel, das der eigenen Leistungsfähigkeit entspricht? Technischer Fortschritt ist nicht automatisch umweltfeindlich, aber hier habe ich den Eindruck, dass jemand die Technik Ziele erreichen lässt, die er selbst in seinen besten Jahren nicht erreicht hätte. Das wetteifernde Höher-Schneller-Weiter gibt’s auch im Wald.


Text zur gesamten fünftägigen Wanderung als pdf: Auf dem Hochrhöner rund um die Rhön