Der letzte Morgen serviert mir das allergruseligste Frühstück auf meiner Wanderung. Da hilft auch viel Orangensaft nichts mehr. Selbst die Abreise ist mühsam. Die Wirtin erklärt völlig selbstverständlich, dass der Rechner etwa 10 Minuten braucht, bis er startklar ist und sie die Rechnung ausdrucken kann. Nur weg von hier!
Das Ziel meiner Rhönrunde rückt in greifbare Nähe. Ich habe nur noch eine kurze Etappe vor mir und nehme mir die Zeit für das Rote Moor. Auch hier gibt es wie im Schwarzen Moor eine ganze Reihe von Informationstafeln. Im Schwarzen Moor stehen die Tiere und Pflanzen sowie die Entwicklung des Moores im Vordergrund. Im Roten Moor geht es eher um die Technik des Torfabbaus. Nach ersten Ideen zur Nutzung des Torfs als Brennmaterial um 1800 passierte lange Zeit recht wenig. Erst ab 1880 legten Arbeiter aus Norddeutschland Entwässerungsgräben an und brachten das erforderliche Wissen zum Torfstechen in die Rhön. Ab 1930 wurde dann Gleise durch das Moor gelegt, um den von Hand gestochenen Torf abzutransportieren. 1960 begann der Torfabbau in industriellem Maßstab: Bagger, Dieselloks und LKWs übernahmen die Arbeit.
Ich muss an das Miteinander von Natur und Mensch denken, das Robin Wall Kimmerer in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras“ beschreibt. Oder auch an eine Reportage im Fernsehen über einen Fluss als juristische Person. Der Fluss könnte vor Gericht gegen Personen und Firmen, die ihn verschmutzen oder anderweitig schädigen, klagen. Was, wenn die Menschen von 1880 das Moor um Erlaubnis gebeten hätten? Vielleicht hätte das Moor sogar anfangs eingewilligt. Aber sicher hätte es die späteren Bagger und Dieselloks für die Loren abgelehnt.
Nach der Runde durch das Rote Moor folge ich wieder dem Hochrhöner und sehe das Rote Moor nun von Außen. Hier auf dem Weg außerhalb des Moores wird besonders deutlich, wie der Mensch die Landschaft verändert hat. Rechts die Birken des beginnenden Moores. Verschlungen, schillernd, miteinanderverschwimmend. Links dagegen eine mit dem Lineal gezogene Fichtenschonung. Fichtenschonung, was ist das überhaupt für ein Wort? Muss man Fichten so sehr schonen, damit sie überhaupt gedeihen? Abgestorben sind sie trotzdem. Tot und kahl stehen sie in Reih und Glied, während auf der anderen Seite des Weges ein lebendiger Geisterwald steht. Wieder ein Anblick, der jede Studie überflüssig macht. So viel des Fortschrittes der letzten hundertvierzig Jahre ging in die falsche Richtung. Ich weiß nicht, ob das Moor das alles um 1880 schon wusste. Dennoch, Menschen, die das Moor um Erlaubnis bitten, und maßvoll damit umgehen, richten keine solche Zerstörung an, wie ich sie hier sehe.
Ja wir sind weit fort-geschritten. Wir haben viele Schritten fort von dem gemacht, was wir hätten tun sollen. Ein kurzer Wirtschaftswunder-Reichtum und das einfache Plastikleben haben uns geblendet. Wir sind vom Weg abgekommen und jetzt stehen wir mitten in toten Fichtenwäldern, denen alles Schonen nicht mehr hilft. In der aktuellen Politik (2023) wird viel über Technologieoffenheit und allerlei andere Buzzwords fabuliert. Die AufDenAntwortknopfHauen-Worte müssen Englisch sein, natürlich, und sollen möglichst modern klingen, damit die Zuhörer nicht merken, wie hohl und leer sie sind. Falsch sind sie außerdem. Es geht nicht darum neue Technologien zu finden, die Pflanzen, Tieren und Menschen eine gemeinsame Zukunft ermöglichen. Es geht darum das „Weiter so!“ noch ein paar Jahrzehnte hinter schickem Phrasengerümpel zu verstecken, damit die aktuelle Generation sich weder Verantwortung noch Veränderung stellen muss. Die Folgegenerationen werden dann schon irgendwie mit Hochwasser, Dürre und Klimaflüchtlingen zurechtkommen. Nie war der Spruch „Nach mir die Sintflut!“ treffender.
Wie es den Birken wohl damit geht, jeden Tag auf tote Fichten zu schauen? Außerdem laufen auf dem Weg zwischen Fichten und Birkenwald, zwischen Tod und Moor beständig Menschen durchs Bild. Was empfinden Birken zu Menschen im Allgemeinen? Macht es für die Birken einen Unterschied, ob ich mitfühlend die Informationstafeln studiere oder ein Jogger den Weg entlangrauscht? Bei mir hinterlässt das Rote Moor einen völlig anderen Eindruck als das Schwarze Moor. Das Schwarze Moor ist für mich Natur, Blütenwiese und Einsamkeit. Alle drei in einem sehr positiven Sinne. Das Rote Moor verlasse ich mit dem Gefühl, als Mensch den Lebewesen um mich herum zu schaden.
Der Weg geht jetzt leicht bergan und führt mich in eine offene Landschaft. Kaum sind Moor und Fichten verschwunden, kann ich in der Ferne schon die Wasserkuppe sehen. So nah ist die Wasserkuppe am Roten Moor? Das war mir nicht klar. Ich blicke auf die klassische Landkarte, um die Gegend besser zu verstehen. Ja, es stimmt. Ich erreiche die Wasserkuppe von einer ungewohnten Seite und mir war nicht klar, wie kurz diese Strecke ist. Die Autostraße macht hier einige Kurven, die die tatsächliche Entfernung verschleiern. Hey, toll, dass ich so bald schon an der Fuldaquelle und der Wasserkuppe bin.
Nachdem ich die Straße zwischen Gersfeld und Wasserkuppe überquere, führt der Weg noch an den Fuchssteinen vorbei. Die Fuchssteine sind ein ungewöhnliches Wäldchen mit Basaltfeld. Der Weg ist teilweise unklar, aber solange ich immer bergauf gehe, kann ich die Fuldaquelle unterhalb der Wasserkuppe nicht verfehlen. Jede Art des Reisens, des Unterwegsseins hat seine eigenen Perspektiven. Bisher bin ich entweder mit dem Fahrrad oder dem Auto auf die Wasserkuppe gefahren. So unterschiedlich Fahrrad und Auto gerade auf einer Strecke mit 500 Höhenmetern auch sind, an den Fuchssteinen kommt man nur zu Fuß vorbei.
Auch mit zahlreichen Touristen und der Baustelle zur Geländerenaturierung ist die Fuldaquelle einer meiner liebsten Plätze in der Rhön. Die Touristen kommen meist schubweise. Genauso plötzlich, wie sie erscheinen ist dann auch wieder Ruhe. Ich habe mir die sonnigste Bank ausgesucht und trotzdem bin ich froh um Jacke und Schal. Ich probiere es noch einmal mit Thoreau, aber er nervt und jammert Seite um Seite. Mir wird kühl vom Sitzen. Trotz des lausigen Frühstücks habe ich noch keine Lust auf einen wärmenden Tee. Ich wage mich stattdessen in den Trubel der Wasserkuppe.
Heute ist sowohl auf dem Flugplatz als auch am Hang der Paraglider reger Betrieb. Zwischen beiden Hotspots ist dagegen überraschende Ruhe. Ich blicke weit über Land. Am Horizont suche ich den Heidelstein. Gestern war ich noch dort. Es sieht so fern aus von hier. Wie weit ich doch auch zu Fuß in der Landschaft vorankomme. Auch den Kreuzberg und andere Gipfel in Bayern sieht man von dieser Seite der Wasserkuppe aus. Ich genieße den Blick, auch wenn ich die einzelnen Gipfel nicht eindeutig benennen kann. Weite. Kraftvolle Ruhe.
Ich finde noch ein freies Plätzchen auf einer der Bänke am Radon. Ich schaue den Gleitschirmen zu und packe meine Brotzeit aus. Mir scheint es eine Art Wettbewerb zu sein. Ich verstehe nicht, worum es geht, aber es wird mit großem Ernst das Material vorbereitet, ein Probestart nach dem andern durchgeführt und schließlich an der Steilkante des Hangs über den Abgrund geschwebt.
Für mich beginnt hier die letzte Etappe auf meiner Runde um die Rhön. Noch etwa fünf Kilometer, dann bin ich wieder am Grabenhöfchen. Von der Wasserkuppe aus führt ein steiler Pfad bergab nach Abstsroda. Ich achte jetzt nicht mehr auf die Beschilderung des Hochrhöners. Für die restlichen Kilometer kenne ich den Weg. Oder zumindest weiß ich, ob ich nach rechts oder links laufen muss. Von der Idee, wirklich zu einer Landschaft zu gehören, bin ich auch auf diesem Stück noch weit entfernt. Im Gegenteil, ich bemerke, dass ich weniger aufmerksam bin. Es ist nicht mehr jede Blüte, eine Besondere und nicht mehr jede Aussicht einen kurzen Blick wert.
Auf halbem Weg nach Abstroda komme ich an einem besonderen Rastplatz vorbei. Ein rechteckiger Brunnentrog, gefüllt mit Wasser- und Limonadenkästen und einer Preisliste für die Selbstbedienung. Erst heute entdecke ich, dass zu diesem Ensemble auch eine Wiese mit Liegestühlen gehört. Von dort hat man einen herrlichen Blick zur Milseburg. Der Kreis beginnt sich zu schließen. Auch die Gleitschirmflieger sehe ich erneut. Von hier aus habe ich den Eindruck, sie versuchen auf einer bestimmten Wiese zu landen. Von der Wasserkuppe aus war das nicht zu sehen und die Flieger verschwanden einfach nur einer nach dem anderen im Abgrund.
Von Abstroda aus geht es ein letztes Mal steil bergan auf die Weiherkuppe. Muss das denn jetzt sein? Ich weiß, das ist unfair den letzten Kilometern gegenüber. Die Strecke ist nicht weniger schön und auch nicht steiler als die anderen Abschnitte. Es ist der Nachmittag des fünften Wandertages und nach vielen Erlebnissen auf über 80 Kilometern, freue ich mich, heute Abend wieder zuhause zu sein. Vielleicht starte ich bei der nächsten Runde oben auf der Wasserkuppe oder an irgendeiner anderen gut erreichbaren Stelle der Strecke, um ein frischeres Auge für dieses Stück zu haben.
Am Grabenhöfchen angekommen, erschlägt mich die schiere Menge an Autos, LKWs und Lärm. Auch wenn mir die Wege ab und an zu steil waren, so hat der Hochrhöner es doch geschafft mich fernab von Autoschlangen durch die Rhön zu führen. Selbst größere Menschenmengen habe ich nicht getroffen. Die Rhön ist längst kein Geheimtipp mehr, aber abseits der Hauptattraktionen Wasserkuppe und Kreuzberg gibt es weite Landschaften zu entdecken.



Nachtrag
Erst ein ganzes Jahr später, als ich die Notizen bearbeite, frage ich mich, weshalb ich nicht von Anfang an Nan Shepherds „The living Mountain“ als Wanderlektüre mitgenommen habe. Ich höre den Text gerade Stück für Stück im englischen Original. Tilda Swinton liest den Text mit dem gleichen Herzblut, mit dem Nan Shepherd ihn schrieb und bringt die Worte zum Leuchten.
An vielen Stellen berichtet Nan Shepherd über völlig alltägliche Dinge. Bis dahin, dass sie einzelne Personen, die für sie das Besondere der Region deutlich machen, namentlich erwähnt. Und dann wieder, beiläufig als seien es die selbstverständlichen Gedanken eines jeden, berichtet sie über ihr Verständnis vom Wesen der Natur. Es ist sicher auch dies, was den Text so besonders macht: Die Nahbarkeit der Erzählerin, die gleichermaßen von ihren Alltagswanderungen und der Füllung der Teekanne berichtet, als auch von dem besonderen Gefühl über Heide zu laufen und den vielfältigen Blau- und Grün-Tönen des gefrorenen Wassers. Wer eine Landschaft so erleben und beschreiben kann, der ist wirklich zu einem Teil dieser Landschaft geworden.
Ich werde sicher weitere Runden um die Rhön laufen. Das nächste Mal mit mehr Erfahrung bei der Streckenplanung und mit Nan Shepherd als Lehrmeisterin für das Wesen der Landschaft.

Text zur gesamten fünftägigen Wanderung als pdf: Auf dem Hochrhöner rund um die Rhön