Ach, was ein angenehm unaufgeregtes Buch! Das Buch besteht aus einer Sammlung von Briefen. Mir ist nicht klar, weshalb Gilbert White seinen Text nicht einfach als Buch verfasst. Ich vermute, es ist die damalige Art des Schreibens. Die Briefe beginnen in einer sachlichen und ruhigen Art mit der Beschreibung des Ortes Selborn sowie der Landschaft der näheren Umgebung.

Gilbert White kennt und beschreibt die Tiere und Pflanzen in seiner Umgebung sehr genau. White muss schon bevor er begann, diese Briefe zu schreiben eine sehr detaillierte Kenntnis der Natur um ihn herum gehabt haben. Woher weiß er zum Beispiel die Unterschiede bei der Aufzucht von Schleiereule und Waldkauz? Es ist ein völlig anderes Erkunden, als ich es von heutigen Autoren kenne. Da wird schon einmal ein Vogel, der bei einem Bauern an die Scheune genagelt war, per Post an einen Experten verschickt, um herauszufinden, ob das ein normaler Falke oder eine bisher unbekannte Art ist.
Gilbert White beschränkt sich auf Beobachtung und Beschreibung. Immer wieder wird deutlich, was alles zu Whites Zeiten noch unbekannt war. Die Systematik für Tier- und Pflanzennamen nach Carl von Linné war noch völlig neu und nur eine von mehreren. Gilbert White ist offensichtlich auf der Höhe des naturwissenschaftlichen Wissens seiner Zeit. Er war 30 Jahre jünger als Goethe und 50 Jahre jünger als Alexander von Humboldt. Vieles, das uns heute selbstverständlich ist, ist zu jener Zeit noch unbekannt.
Eine immer wieder neu diskutierte Frage ist die der Zugvögel. Viele Fragen sind offen und es wird überlegt, ob die Schwalben sich im Winter einfach nur so geschickt verstecken, dass sie unsichtbar sind. Eine Art Winterschlaf wird für wahrscheinlicher gehalten als die Bewältigung einer Fernreise nach Afrika. Auch werden die Mauersegler noch in eine gemeinsame Familie mit den Schwalben eingeordnet: Hirundines apodes anstatt des für uns gewohnten Apus apus.
Das Buch öffnet ein Fenster in die Zeit zahlreicher naturwissenschaftlicher Entdeckungen:
1752 erkannte Benjamin Franklin, dass Blitze eine Form der Elektrizität sind.
1774 wurde das chemische Element Sauerstoff entdeckt. Erst damit konnte das Rosten von Eisen erklärt werden.
1781 entdeckte William Herschel den Planeten Uranus.
1799 startete Alexander von Humboldt zu seiner Forschungsreise in den Amazonas.
1810 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seine Farbenlehre.
Dem Buch ist eine lesenswerte und informative Einleitung von June E. Chatfield vorangestellt. Außerdem ist ein Essay von Virginia Woolf mit beigefügt. Auch dies macht die Besonderheit dieses Autors für mich deutlich. Ich kenne einige Bücher und manches aus dem Leben von Virginia Woolf. Aber immer ist es so, dass andere Schriftsteller oder Literaturmenschen das Werk von Virginia Woolf kommentieren oder mit ihren Erläuterungen für mich zugänglich machen. Hier ist es so, dass die berühmte Virginia Woolf selbst die Kommentatorin eines aus ihrer Sicht alten und bewundernswerten Autors ist. Als Virginia Woolf ihr Essay schrieb, waren die Briefe von Gilbert White bereits 200 Jahre alt.