Ich bin dann mal im Wald
In Windeseile hat sich das karge Braun des Waldbodens in einen grünen Teppich verwandelt. In „Windeseile“, wirklich? In der menschlichen Sprache klingt es so lautmalerisch. Aber wer weiß das schon so genau, ob der Wind tatsächlich etwas mit dem Grün des Waldbodens zu tun hat. Genauso das „sich verwandelt“. Das klingt nach einem offiziellen Beschluss des Großen Rates des Waldes: „Leute, ab dem 7. Mai verwandeln wir uns. Wir nehmen dann die Farbe Grün an. Bis zum 10. Mai 12 Uhr sind alle graubraunen Blätter in den Winterschrank zu räumen und frische grüne Blätter anzulegen.“
Ich nutze den Sonnenschein zu einem Waldspaziergang. Nach einer Stunde bin ich gerade einmal 500 Meter weit gekommen. So viel gibt es überall zu sehen und entdecken. Die verschiedensten Waldrandsträucher blühen gerade. Der Schwarzdorn ist sogar schon verblüht. Der Weißdorn beginnt gerade erst. Vieles andere, das ich (noch) nicht benennen kann versorgt die Wildbienen mit Nektar und eilige Autofahrer mit einem Lächeln. Bitte verzeiht, namenlose Blütengehölze, dass ich euch nicht besser ansprechen kann.
Was mich aber am meisten beeindruckt ist der blühende Waldboden. Es ist nur wenige Wochen her, als der Boden staubbraun und trocken war. Nun ist er leuchtend grün und blühend. Waldmeister, Scharbockskraut, Sternmiere, Buschwindröschen, Waldveilchen. Sie alle blühen um die Wette. Eigentlich blühen sie nicht gleichzeitig, aber sie haben sich den Wald aufgeteilt. Eine kaum sichtbare Senke, in der sich der feuchte kühle Schatten ein paar Tage länger hält, füllt sich erst jetzt mit Buschwindröschen und Scharbockskraut. Auf einer sonnigen Fläche haben Sturm und Trockenheit die Fichten vertrieben und stattdessen einen dichten Flor von Sternmieren entstehen lassen.
Am Wegesrand liegt ein verlassener Baumrumpf. Gefällt und liegengelassen. Ein vertrocknender Rest, den die Holzfäller, die heute wahrscheinlich eher Forstfachangestellte heißen, zurückgelassen haben. Vielleicht war der LKW schon zu schwer, um noch mehr aufzuladen? Vielleicht sind die Kosten für Transport und Verarbeitung höher als der betriebswirtschaftliche Erlös aus dem Verkauf? Wie kann Holz wenig wert sein? Alles Gedanken, die in meinem Kopf herumstöbern während ich auf den toten Holzkoloss zulaufe.
Schritt für Schritt komme ich näher und bin vorbei an dem traurigen Anblick. Dann drehe ich mich um und sehe, wie der Baumrumpf zu einer Quelle neuen Lebens geworden ist. Ruprechtskraut fällt mir als erstes auf. Weil ich es benennen kann und es bei mir im Garten wuchert. Hier hat es den gefallenen Baum erklommen. Oder es wuchs lange zu seinen Füßen und kippte mit dem fallenden Baum plötzlich in ungewohnte Höhe. Wie auch immer. Es ist Teil einer Gemeinschaft aus neuen Siedlern. Ein Löwenzahn ist dabei. Blätter, die mich an Duftveilchen erinnern. Ein Wald-Veilchen? Auch ein Gras ist mit dabei. Sicher genauso mit einem lateinischen Namen wie Viola reichenbachiana und nicht einfach nur ein grünes Büschel. Sie haben sich zusammengetan und siedeln in der Borke des Baumriesenrestes. Ich durchstöbere meine Taschen. Vielleicht ein staubkorngroßes Saatkorn Rudbeckia? Ein Farbtupfer im Wald. Leider nur ein paar alte Kastanien, aber kein einziger Krümel Saatgut.
So viele Eindrücke auf so kurzer Strecke. Und alles ohne Elektronik, Akku und Bildschirm. Dafür ganz viel Riechen, Sehen, Tasten, Spüren. Hier will ich jetzt öfter sein.



