Rachel Carson ist dem deutschsprachigen Leser durch das Buch „Stummer Frühling“ bekannt. Stummer Frühling beschreibt detailliert und mit naturwissenschaftlichen Fakten die Folgen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Diese Mittel zum Schutz der Nutzpflanzen sind in der Regel tödlich für viele andere Pflanzen und für Insekten. Der Titel „Stummer Frühling“ bezieht sich auf den schon 1960 feststellbaren Rückgang der Singvögel in den USA. Die Singvögel starben, weil sie mit Pflanzenschutzmittel vergiftete Insekten fraßen. So wird das, was als Unterstützung für die Landwirtschaft gedacht ist, zum Fluch für alle anderen Tiere und Pflanzen.

Außer „Stummer Frühling“, ein Sachbuch mit einer Vielzahl chemischer Informationen, hat Rachel Carson auch drei allgemein verständliche Bücher über das Meer geschrieben. „Am Saum der Gezeiten“ ist eines der Bücher dieser Meerestrilogie. Es erschien 1957 erstmalig in einer deutschen Übersetzung. Der Czernin-Verlag macht diese Übersetzung nun wieder zugänglich.
Die Meerestrilogie war in den USA ein großer Erfolg. Eines der Bücher erhielt sogar den National Book Award. Nach dem wissenschaftlichen „Stummer Frühling“ freue ich mich darauf, Rachel Carson als Prosa-Schriftstellerin zu erleben. Doch ich finde keinen Zugang zu diesem Buch. Elend lange Sätze, die sich mühsam an dem was Carson sagen will entlangstelzen. Was mache ich mit Sätzen wie „Der Ablauf der Zeit drückte sich unaufdringlich, aber anschaulich in der Anwesenheit Hunderter kleiner Schnecken aus (…).“? Ich muss dabei sofort Annie Dillard und ihren allmächtigen Gott denken, der selbst die kleinste Amöbe an den ihr zugewiesenen Platz rückt.
Liegt es am Text selbst oder vielleicht an der Übersetzung? Ist es die Original-Übersetzung von 1960 und das ganze Buch nur ein Nachdruck? Andererseits, Rachel Carson hat ja wirklich zu dieser Zeit geschrieben und die Texte von Nan Shepherd, die 1945 schrieb, wurden ja auch nicht modernisiert, sondern sind so, wie sie damals waren heute immer noch gut. Ich muss diese mühsame, ja quälende Sprache unbedingt mit dem Original vergleichen. John Muirs „Yosemite“ war ebenfalls im Original ein Erfolg und die deutsche Übersetzung verliert so viel von Muirs Stimme, dass nur die technischen Berichte eines Buchhalters bleiben: Große Wasserfälle, kleine Wasserfälle, Bäume, Blumen, …
Schließlich halte ich die Leseprobe des amerikanischen Originals gegen den deutschen Text. Ja, es ist die Übersetzung. Sie ist nicht direkt falsch, aber ihr fehlt die Leichtigkeit des Originals.
The edge of the sea is a strange and beautiful place.
Der Küstensaum der See ist von besonderer Eigenart und Schönheit.
Der erste Satz des Originals ist ein freundlicher Auftakt. Als Leser bin ich gespannt, wie es weitergeht. Der erste Satz der Übersetzung ist dagegen so sachlich, dass ich den Staubwedel hole. Er raubt mir jede Energie.
Mit der Übersetzungs-Software deepL klingt der Satz schon viel einladender:
Der Meeresstrand ist ein seltsamer und wunderschöner Ort.
Ich erwarte nicht, dass dem ersten Satz ein besonderer Zauber innewohnt. Viele andere Sätze von „Am Saum der Gezeiten“ sind ebenso mühsam. Da kann ich für die Prüfung der Übersetzung auch gleich den ersten Satz verwenden. Ich habe „Am Saum der Gezeiten“ nicht zu Ende gelesen. Vielleicht versuche ich es mit einem Hörbuch des Originals. Oder ich muss auf eine Neuübersetzung warten.
Editorische Notiz:
Die hier vorgestellte Ausgabe erschien am 25. März 2025. Ich habe das Buch nach diesem Termin gekauft und gelesen. Die Datierung dieser Rezension auf den 25. Juni 2022 bedeutet nicht, dass ich das Buch vor dem Erscheinungstermin gelesen hätte. Das willkürlich gewählte Datum der Rezension dient ausschließlich dazu, alle Rezensionen anhand des erstmaligen Erscheinens der Originalausgabe chronologisch anzuordnen.