
Schon als 16-jähriger hat Malachy Tallack den Traum, dem 60. Breitengrad, der die Shetland-Inseln durchquert, so lange um die Welt zu folgen, bis er wieder auf den Shetlands ankommt. In seinem Buch „60° Nord“ beschreibt er die Reise, die er schließlich entlang dieses Breitengrades unternommen hat.
Es bleibt unklar, wie viele Jahre zwischen dem Traum und der Umsetzung vergingen. Auch erfährt der Leser nicht, ob es eine einzige zusammenhängende Reise war oder ob Tallack immer wieder einzelne Orte entlang des 60. Breitengrades besuchte. Anfangs wollte ich gerade diese beiden Dinge wissen, doch je länger ich mit Tallack unterwegs war, desto unwichtiger wurden diese Informationen. Die Reise entlang des Breitengrades hat so viele beeindruckende Facetten, dass die genaue Reiseroute egal ist.
Tallack beginnt seinen Reisebericht auf den Shetlands und ich erinnere mich dabei an meinen eigenen Aufenthalt dort. Ich kann auf meiner alten Landkarte sogar jeden Weiler, jeden Hügel, den er erwähnt, wiederfinden. Erst jetzt wird mir klar, dass ich auf einem Campingplatz nur 1 Meile vom 60. Breitengrad übernachtete. Obwohl, Campingplatz mag etwas übertrieben klingen. Es war eine Zeltwiese, mit Waschgelegenheit und einem Clerk, der zwei Mal täglich vorbeischaute. Ich war damals mit einem Fahrrad auf dem Weg von der Hauptstadt Lerwick zum Flughafen Sumburgh. Eine Landebahn am Südende der Hauptinsel, auf der Flüge nach Edinburgh und anderen schottischen Orten starten.
Eine der Lieblingsbeschäftigungen der Shetlander sei es, so Tallack, von den letzten Stürmen zu erzählen. Dies kann ich gut nachempfinden. Überhaupt schreibt Tallack so plastisch von den Shetlands, dass ich den Eindruck habe, wieder dort zu sein. Karge, windige Inseln am Horizont der Welt. Obwohl man nirgends weiter als 6 Kilometer vom Meer entfernt ist, gilt das „Innere“ als eigene Landschaft. Die ersten Siedler waren Bauern, denen die erstaunliche Leistung gelang nicht nur selbst die Shetlands zu erreichen, sondern auch noch genug Vieh zu transportieren, um dort Landwirtschaft zu betreiben.
Grönland
Tallacks erstes Reiseziel von Shetland aus ist Grönland. Ich bin überrascht, dass es tatsächlich „nur“ eine Reise nach Westen ist. Muss man nicht wenigstens bis zu den Färöer in Richtung Norden weiterreisen, um auf dem gleichen Breitengrad zu sein wie Grönland? Nein, auch von den Shetlands erreicht man nach Westen bereits den südlichsten Zipfel Grönlands.
Die Shetlands sind schon ungewöhnlich, aber Grönland toppt selbst die Andersartigkeit der Shetlands. Eine dieser Besonderheiten ist die wechselvolle Geschichte der Besiedlung. Wahrscheinlich waren die Wikinger die ersten Menschen, die Grönland erreichten. Wenn man also Dänemark als rechtlichen Nachfolger der Wikinger betrachtet, waren die Eroberer vor den Ureinwohnern auf der Insel. Allerdings haben die Wikinger nicht durchgehend dort gesiedelt und auch die Gruppe der Ureinwohner sind verschiedene Inuitvölker, die zu unterschiedlichen Zeiten in Grönland lebten.

Ich lerne viel über Grönland. Zum Beispiel die unterschiedliche Perspektive die Jäger und Bauern auf eine Landschaft haben. Für Bauern und die europäischen Siedler ist der Besitz an Grund und Boden wichtig, um die Landschaft an die Bedürfnisse von Aussaat und Ernte anpassen zu können. Für den Jäger die Landschaft etwas, das einfach da ist. Er selbst muss sich möglichst gut anpassen, um Erfolg bei der Jagd zu haben.
Malachy ist nicht nur ein Tourist, der auf dem 60. Breitengrad um die Welt reist und überall ein paar Fotos bei Instagram einstellt. Er nimmt sich wirklich Zeit für die einzelnen Regionen. In Grönland ist auch der Walfang ein Thema. Natürlich. Ich frage mich schon lange, was genau der Unterschied ist, ob Wale und Robben gejagt werden oder Hirsche und Wildschweine sterben, um Fichtenplantagen zu schützen. Oder aber auch riesige Herden von Rindern und Schweinen nur deshalb in viel zu engen Ställen eingepfercht werden, um sie möglichst schnell zu mästen und umzubringen. Ähnliche Fragen stellen sich wohl auch die Grönländer.
Kanada
Ich finde es sehr erstaunlich, dass gerade die Völker des Nordens, in Grönland gleichermaßen wie in Kana und Sibirien, die Landschaft nicht als Ressource sehen, sondern als Gegenüber. Das Wort „Gegenüber“ ist vielleicht nicht zu 100% stimmig, aber es beschreibt es für mich am besten. Gerade diejenigen, die in kurzen Sommern und langen und dunklen Wintern viel stärker kämpfen müssen, um genug Nahrung und Schutz vor der Natur zu finden achten die Umwelt anstatt sie als Vorrat für ihr eigenes Wohlergehen zu verstehen.
Vielleicht ist dies allerdings auch etwas, das allen Naturvölkern gleich ist, ich es aber nur an Beispielen aus dem Norden wahrnehme. Durch Bücher wie das von Malachy Tallack weiß ich zumindest ein klein wenig über diese Region.
Sibirien
Sibirien ist ein für mich neues Beispiel dafür, dass Kultur und Zivilisation, wie wir sie im Westen kennen, ganz egal ob Kapitalismus oder Kommunismus, das Miteinander von Landschaft, Tieren und Menschen zerstört. Ähnlich wie im Westen der U.S.A. ist der Osten Russlands bereits bewohnt, als die Europäer dort ankommen. Nur kennen und brauchen diese Menschen weder Grenzen noch Hauptstädte. Sie leben in der Landschaft.
Malachy Tallack berichtet vom Volk der Ewenken. Für sie ist es normal und wichtig eine Landschaft nicht nur geografisch zu kennen, sondern auch ihre Stimmung lesen zu können. Dinge, für die wir in unserem Alltagsleben einerseits schräg angeschaut werden und die wir andererseits mühsam in Wildnis- und Selbstfindungskursen wieder lernen.
Zur Zeit der Sowjetunion wurden Ewenken und andere Nomadenvölker zur Sesshaftigkeit gezwungen. Die Rentierhaltung wurde zu einer Landwirtschaft, wie jede andere auch. Nur die Weidefläche war größer.
St. Petersburg
Während in Kanada, einem der nordischen Länder schlechthin, gerade einmal 100.000 Menschen nördlich des 60. Breitengrades leben, liegt in Russland mit St. Petersburg dort gleich mal eine 5 Millionen-Stadt. In Norwegen und Schweden liegen sogar die Hauptstädte nördlich Tallacks gedachter Grenze zum Norden.
St. Petersburg ist das erste Kapitel, das mich nur wenig anspricht. Selbst beim Lesen finde ich Häuser und Städte zu einengend, wenn ich die Wahl habe auch offene Landschaft zu erleben. Im weiteren Verlauf wird das Kapitel zu einer allgemeinen Abhandlung über Russland und St. Petersburg das ist dann wieder richtig gut. Ich frage mich, wie Tallack das als Reisender alles herausgefunden hat. Er hat sich wirklich sehr intensiv mit allen seinen Reisezielen auseinandergesetzt. Obwohl ich zwei Mal in Tallacks Heimat war, kann ich über Lerwick nicht halb so viel schreiben wie er über jedes seiner Ziele.
Finnland
Finnland war für mich bisher das Land, in dem ich nichts verstehe. Ob die Ansammlung von Buchstaben auf dem Verkehrsschild auf das nächste Krankenhaus oder doch auf das gesuchte Strandbad hinweist, bleibt rätselhaft. Das wäre in arabischen Ländern sicher ähnlich. Aber so nah vor meiner Haustür und mit den gleichen Buchstaben, die ich auch verwende, hat es immer wieder etwas Spukhaftes.
In „60 Grad Nord“ lerne ich nun, wie schwedisch und finnisch als zwei Sprachen in einem Land funktionieren. Finnland ist eine sehr junge Nation. Bis 1917 gehörte das heutige Finnland entweder zu Schweden oder zu Russland. In der Zeit seit der Unabhängigkeit hat sich überraschenderweise das Finnisch der Landbevölkerung gegen das Schwedisch der Stadtbevölkerung durchgesetzt und damit das Ländliche zum Wesenskern der Nation Finnland gemacht.
(Diese Schlussfolgerung ist stark verkürzt und ich hoffe echte Finnlandkenner können mir verzeihen. Tallack fasst eine hundertjährige Entwicklung auf wenigen Seiten zusammen. Ich gebe das so gut wieder, wie ich glaube, es verstanden zu haben.)
Schweden und Norwegen
Mit der Ankunft in Schweden ist Tallack ganz eindeutig auf dem Weg zurück nach Hause. Auch wenn weiterhin unklar ist, wo genau und was dieses Zuhause ist. Finnland war noch ein Reiseziel. Und auch das schon eine Art Übergang. Es ist zwar im europäischen Norden, zählt aber noch nicht zu Skandinavien.
Schweden und Norwegen fasst Tallack von Anfang an zu einem Kapitel zusammen. Auch ich als Leser habe den Eindruck, jetzt wird es Zeit nach Hause zu kommen. Gleichzeitig stellt sich die Frage – wie wird es da sein?
Doch erst noch ein Tag in der schwedischen Universitätsstadt Uppsala. Es ist eine Lehrstunde über das Christentum innerhalb der schwedischen Geschichte. Ich bin davon beeindruckt, dass Tallack an jedem seiner Reiseziele gelingt, eine wirklich interessante Geschichte zu entdecken und für den Leser aufzubereiten. Die Hauptstadt Oslo streift er dann nur noch, um sich die Zeit zu nehmen, mit der Bahn nach Bergen weiterzufahren und das Küstenstädtchen Stolmen zu besuchen.
An dieser Stelle trennt ihn nur noch das Wasser von den Shetlands. Ich hatte erwartet, dass er von Norwegen aus das Linienschiff* nach Island nimmt, um nach Lerwick zu kommen. Aber er nimmt doch den klassischen Weg über Aberdeen.
* [Bergen (Norwegen) – Lerwick (Shetland) – Tórshavn (Färör) – Seyðisfjørður (Island).]
Zurück in Lerwick / Shetland
Als er – nach einer durchgeschüttelten Nacht auf einem Frachtschiff –in Lerwick ankommt, hat er viele Erlebnisse zum Thema Heimat im Gepäck. Sowohl mit Menschen, die immer an einem Ort geblieben sind als auch mit solchen, die mutwillig an einen neuen Ort gezogen und schließlich solche, für die das Umherziehen an sich die Heimat ist. Auch für ihn selbst hat sich der Begriff Heimat verändert. Es ist spannend und eindrücklich und lehrreich ihn bei dieser Entwicklung zu begleiten.

