Der Wald erwacht

Leuchtend grüne Blätter an den gerade noch lichten Bäumen. Überall ist es nun MaiBuchenGrün.

Aber hat der Wald wirklich geschlafen? Oder ist das nur das, was ich als Mensch wahrnehme? Seit Monaten kenne ich den Wald nur von kurzen Begegnungen. Meist nur einzelne Bäume und die auch nur vom Blick durch Fenster neben dem warmen Kamin. Erst jetzt bin ich wieder hier und sehe wie das frische Grün aus den Zweigen drängt.

Sobald ich stehenbleibe, um etwas genauer anzusehen, höre ich Bienengesumm. Oft recht scheue Tiere, die das Weite suchen, kaum, dass ich sie nicht nur höre sondern auch sehe. Gibt es spezielle Waldbienen und -Hummeln? Eine Schnecke ändert sofort ihre Richtung als ich einen Meter vor ihr stehenbleibe, um sie anzuschauen. Die Blindscheiche entdecke ich erst als ich direkt neben ihr stehe.

In meinem Kopf ist Wald der Ausdruck für Natur, für dem Wetter verbunden oder ausgesetzt sein, je nach Sonne oder Regen. Für unberührt. Sich selbst überlassen. Der Ort für mir unbekannte Tiere und Geräusche. Der Ort für Schutz, Geborgenheit aber auch für furchtsame Abende, wenn es dunkel wird und ich allein in der offenen Schutzhütte sitze. Jedes Knacken kann ein Wildschwein sein, das sich genauso erschreckt wie ich oder der Förster der mich verjagt, weil er eine WaldGesetzVerordnung kennt, die den Aufenthalt in Schutzhütten nach 22 Uhr untersagt.

Plötzlich neben mir ein ganzer Wald an jungen Bäumen. Je näher ich heranschleiche, desto mehr Details entdecke ich. Bäumchen halb so groß, wie der Farn um sie herum. Bäumchen, die gerade doppelt so hoch sind, wie das Moos aus dem sie hervorwachsen. Aber trotzdem sind sie schon ganz klar als Bäume erkennbar.

Wie viele Stunden, Tage würde ich brauchen, um nur die wenigen Quadratmeter auf denen ich gerade stehe zu beschreiben? Ganz abgesehen von den 500 Metern, die ich in der letzten Stunde schon zurückgelegt habe. Wald ist so viel mehr als Grün.

Neben diesen Winzlingen erscheine ich als trampelnder Riese, der selbst bei achtsamen Schritten, mit jedem Fuß 5 Baumkinder zu Boden drückt. Doch kaum 100 Jahre später, ist von mir nichts mehr zu sehen, während aus den Baumkindern haushohe Jugendliche geworden sind. Vorsichtig, um möglichst wenige Bäume, Tiere, Pflanzen zu stören, schleiche ich zurück zum Weg.

Immer wieder entdecke ich kleine Holzhütten. Ein Unterschlupf aus gesammelten Ästen. Wer baut sie? Ganz nah am Wegesrand und doch eine eigene Welt. Ein frischer Farn wächst geschützt im Inneren. Als ich lange und still genug sitze sehe ich einen Baumsämling. Drei weitere. Vier.

Klappernde Wanderstöcken und gakelnde Stimmen voll Alltagsgeplapper tönen vom Waldweg hinüber. Kurz reißen sie meine Gedanken fort aus ihrer Kindheitserinnerungs-Zuflucht. Oder ist es ein nur Wunschtraum, wie Kindheit hätte gewesen sein sollen?

Fünf.


Lichte, Naturpark Knüll, Mai 2022


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