Bei einer Wanderung auf dem Eisenberg wird mir schlagartig klar, welch Unsinn es ist über die Weisheit der Natur zu schreiben.
Vieles, was ich aus der Rhön kenne, finde ich auf dem Eisenberg wieder. Ganz besonders meine Lieblings-Witwenblumen. Auch hier sind sie umschwärmt von zahlreichen mir unbekannten Schmetterlingen. Doch während ich in der Rhön stundenlang durch die „Lange Rhön“ wandern kann, verändert sich die Landschaft beim Eisenberg-Rundweg mit jedem Kilometer. Auf Bergwiesen mit weitem Blick über den Knüll folgt ein Abstecher über eine Streuobstwiese und schließlich führt der Weg durch einen schattenfeuchten Wald. Entsprechend häufig wechseln auch die Pflanzen und Tiere am Wegesrand.
Kaum verlasse ich die Bergwiesen und vermisse die Witwenblumen, beeindrucken mich unbekannte Pflanzen mit pfannengroßen Blättern und hüfthohe Büsche aus Waldfarn. Diese Pflanzen brauchen den Schatten und die Feuchtigkeit des Waldes. Das zeigt, wie Natur funktioniert. Die Wiesenwitwenblume sagt nicht „Ich erobere neue Welten“ und verlässt die sonnigen Wiesen, um im Wald zu wachsen. So etwas denken nur wir Menschen – und halten uns dabei noch für besonders schlau.
Pflanzen machen einfach das, was sie gut können. Ganz ohne Selbstoptimierungsworkshop.
Natürlich verändern sich auch Pflanzen. Sie passen sich an, sie wandern. Doch ihnen fehlt sowohl das wettkämpfende „Ich bin besser als Du, weil…“ als auch das nachdenkende „Was macht die Pflanze aus?“ oder gar „Haben außer uns Pflanzen auch Tiere und Menschen Empfindungen?“ Die Natur liest keinen Platon und philosophiert über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Die Gräser überlegen auch nicht „Ach ich könnte ja mal dieses oder jenes Molekül in den Stängel einbauen, um ihm mehr Stabilität zu geben“. Die Natur macht einfach.
Wir Menschen brauchen für alles ersteinmal ein Coaching. Schlimmstenfalls wird uns dort dann eingeredet, wir müssten unsere Grenzen sprengen. Oder könnten nur durch Herausforderungen wachsen. Pflanzen wachsen an ihrem Lieblingsstandort am besten. Auch wir Menschen brauchen für ein gutes Leben unseren Lieblingsstandort. Alles andere ist Phrasengerümpel und Beratergeschwätz.


Außer der Wanderung auf dem Eisenberg haben mir auch zwei Bücher zu diesen Gedanken verholfen:
Lucy F Jones „Die Wurzeln des Glücks: Wie die Natur unsere Psyche schützt“
Robin Wall Kimmerer „Geflochtenes Süßgras: Die Weisheit der Pflanzen“ (Im Original „Teachings/Lehren“ statt Weisheit*)
Beide Bücher sind sehr dicht und es fällt mir schwer, die zahlreichen wichtigen Aspekte herauszufiltern. Mit dicht meine ich vollgefüllt mit sachlichen Informationen und bewegenden Geschichten. So voll, dass ich fast jede Seite als wichtig markiere und meine Zusammenfassung ähnlich umfassend wie das Buch wäre. Dies fällt mir besonders bei „Geflochtenes Süßgras“ auf, das mir als Hörbuch von Eva Mattes vorgelesen wird. Nach nur wenigen Minuten haben sich jedes Mal so viele Gedanken angesammelt, dass ich erst einmal eine Pause brauche, um darüber nachzudenken. Oft brauche ich die Pause leider auch, um zu verkraften, wie sehr die westliche Lebensweise, mit der ich aufgewachsen bin alles um den Menschen herum missachtet und schädigt. Während Robin Wall Kimmerer über die praktischen Dinge des Alltags berichtet, beschäftigt sich Lucy F. Jones in „Die Wurzeln des Glücks“ mit den psychischen Zusammenhängen. Sie zeigt auf vielfältige Weise, wie die Natur uns Menschen körperlich und geistig gesund erhält. Eigentlich sind die Zusammenhänge klar und deutlich. Dennoch zeigt sie ebenso klar auf, wie schwer wir Menschen uns damit tun, die heilende Wirkung eines Waldspaziergangs anzuerkennen.
Beide Bücher ergänzen sich daher gut. Beide Bücher zeigen, wie absichtslos „die Natur“ handelt. Wir Menschen halten uns für überlegen, weil wir alles um uns herum für unsere Zwecke gebrauchen, ohne Zögern weit über unseren Bedarf ausbeuten und jedem Wesen einen Wert zumessen. So ehrfurchtsvoll das Gerede von der Weisheit der Natur auch klingt, es ist nur eine weitere Bewertung durch den Menschen. Die Eiche ist weise, der Adler majestätisch und die Zecke hinterhältig. Alle diese Zuschreibungen basieren auf einer Trennung in „Wir“ und „Die anderen“. Diese Auftrennung in „Kultivierter Mensch“ einerseits, und „Tiere, Pflanzen und wilde Naturvölker“ andererseits, hat uns in eine Sackgasse geführt. Dort hocken wir nun mit dem Smartphone und lernen mühsam mit einer Phyto-App Dinge, die bei den Naturvölkern seit Jahrhunderten Alltagswissen sind.


Nature Writing heißt von der Natur zu lernen
Ich habe lange an einer deutschsprachigen Definition des Nature Writings gearbeitet. Ich dachte, das sei nötig, um das Thema fassen zu können. Bei dieser Arbeit stoße ich auf viele Beschreibungen, die so theoretisch und akademisch sind, dass eine ganze Kanne Tee trinken muss, um wieder in Kontakt zur Natur und mir selbst zu kommen. Die Arbeit an der Definition lege ich zur Seite. Ich halte mich jetzt an das Vorbild der Natur: „Einfach mal machen“.
Meine Art des Nature Writings ist es, in der Natur unterwegs zu sein und Eindrücke zu sammeln. So oft es geht, schreibe ich gleich vor Ort. Wieder zu Hause versinke ich in meinen Notizen und Stapeln an Natur-Büchern. Immer wieder entdecke ich Schätze wie „Geflochtenes Süßgras“ oder „Die Wurzeln des Glücks“ und kann lernen, wie ein Leben mit der Natur aussehen kann.
Das Lernen von und in der Natur ist für mich mittlerweile ein zentrales Element des Nature Writing.

* Im Original lautet der Titel „Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants“. Darin steckt genau dieser Unterschied zwischen Lernen und Weisheit. Die Autorin berichtet, von dem, was sie von Pflanzen gelernt hat und nicht davon, welche Weisheit die Pflanzen ausstrahlen.