
Der Ausgangspunkt des Buches ist der Blick über eine Landschaft, die immer mehr von Industriegebieten, Neubausiedlungen und Umgehungsstraßen geprägt wird. Grünflächen jedweder Art sind auf dem Rückzug. Sie verschwinden aus den verschiedensten Gründen. Wobei es in diesem Buch nicht um die „gute Natur“ und das „böse Industriegebiet“ geht. Es ist eine neutrale Feststellung: Natur wird weniger. Wilde Natur ist schon fast ausgestorben. Oder doch nicht? Robert Macfarlane möchte eine Sammlung der letzten wilden Orte Großbritanniens erstellen. Eine Karte, die nicht die gängigen Autobahnen und Städte enthält, sondern die wilden Elemente der Landschaft abbildet.
Macfarlane sitzt in der Krone einer Buche, schaut über das Land und schwankt zwischen dem spitzbübischen Genuss, unerkannt in der Krone zu sitzen, und der Sorge gegen bürgerliche Konventionen zu verstoßen. Von dieser Perspektive aus formuliert er seine Gedanken zum Thema Wildnis. In den weiteren Kapiteln widmet er sich jeweils einzelnen Regionen oder Themen und sucht dort nach der noch anzutreffenden Wildnis.
In seinem Text verweist Macfarlane auch vielfach auf andere Natur-Autoren. Ich sehe dies mittlerweile als einen der wesentlichen Unterschiede zwischen englischsprachigen und deutschsprachigen Natur-Autoren an: Die Verweise auf andere Autoren, die Vernetzung des eigenen Textes mit den Ideen anderer Autoren und die Wertschätzung deren Beiträge. Zudem sehen die Autoren sich selbst als Teil einer langjährigen und lebendigen Historie von Natur-Autoren. Ich habe den Eindruck, das deutschsprachige Nature Writing konzentriert sich zu sehr auf die Regeln, die echtes Nature Writing erfüllen muss und wiederholt mantra-artig den Mangel eines deutschen Wortes für Nature Writing. Ich wünsche mir mehr Mut zum Drauflosschreiben und ein Miteinander, wie es die englischsprachigen Autoren und Autorinnen vormachen.
Orte – Landschaften – Wildnis
Robert Macfarlane reist durch sehr verschiedene Landschaften. Immer mit der Idee, die letzte und wahre Wildnis zu entdecken. So beschäftigt er sich in Ynys Enlli mit den erimitisch lebenden Mönche, die es dort gab. Die beschwerliche Anreise macht die Abgeschiedenheit der Insel deutlich.
Das Kapitel über das Moor enthält eher allgemeinen Gedanken über die Weite der Landschaft, sowie Zahlen, zum Verlust der Moore.
In Wald lese ich eine gelungene Landschaftsbeschreibung, die Bäume, Wälder und der Schnee vor meinem inneren Auge entstehen lässt. Wenn es nicht so eiskalt auf seinem Berg wäre, würde ich gerne dort mit ihm stehen und den Blick über die weite Landschaft genießen. Weiter geht es mit einem Blick weit zurück in die Vergangenheit der Wälder.
Cape Wrath und Ben Hope sind wirklich beeindruckende Kapitel. Da zeigt sich das Wesen der wilden Landschaft. Genauso wie das Wesen des Abenteurers und Schreibers Macfarlane. Beides passt hier zusammen und bringt den Text zum Leuchten. Ich schaue auf der Landkarte nach den Orten, die Macfarlane in diesen Kapiteln beschreibt. Mir war nicht klar, dass es in den schottischen Highlands noch immer dermaßen abgelegene Orte gibt.
Die Wanderungen und Outdoor-Erlebnisse sind wirklich beeindruckend. Macfarlane ist ein Abenteurer, dem es selbst in einer kargen Hütte noch zu gemütlich ist. In einigen Kapiteln geht mir seine Abenteuerlust jedoch zu weit. Macht es eine Landschaft wildnishafter und erlebenswerter, wenn man sich besonders quälen muss? Ist das eigene Abenteuer erzählenswerter, wenn man fast erfroren ist? Man könnte die gleiche Wanderung auch ohne Sturm und Nacht und Eis machen. Dann läge der Fokus mehr auf der Landschaft und der Wildnis. Die Schutzhütte am Fluss ist extra dafür gedacht, dass man dort übernachtet, aber Macfarlane muss unbedingt noch ein paar Meilen laufen, um ungeschützt am Meeresstrand zu schlafen.
Buchenhain
Am Ende seiner Reise und seines Buches angekommen, sitzt Macfarlane erneut in der Krone „seiner“ Buche und fasst die für ihn wesentlichen Gedanken seiner Reisen zusammen. Die Wanderungen haben ihm eine neue Perspektive geöffnet. Anfangs hielt er die Wildnis für fast ausgestorben und gab ihr nur noch an den entlegensten Orten eine Chance. Doch vielleicht muss Wildnis nicht so menschenfeindlich sein wie Ben Hope. Mal abgesehen davon, dass niemand ihn gezwungen hat, Ben Hope im Winter und bei Nacht zu erklimmen. Dass Macfarlane nun gänzlich ins Gegenteil umschlägt und jedes Gänseblümchen für Wildnis hält, überrascht mich sehr. Das passt für mich nicht zu seiner radikalen These am Anfang des Buches. Aber vielleicht muss man das Buch leichter überfliegen und nicht wie ich jede Zeile ernsthaft betrachten. Und auch dann und wann ein Kapitel ganz überspringen, wenn man keinen Widerhall findet.
Die Wildnis vor der Haustür
Auch wenn ich die Passagen kritisiere, die sich mehr mit Macfarlanes Abenteuer und weniger mit der Wildnis beschäftigen, so inspiriert mich das Buch dennoch dazu, die Wildnis in meiner eigenen Umgebung gezielter wahrzunehmen. Gerne wäre ich wieder einmal auf den Orkneys oder den Lofoten. Das sind für mich die fernen und wilden Landschaften, nach denen ich mich sehne. Doch ich vergeude meine Zeit nicht mehr damit, auf die eine besondere Reise zu warten. Ich gebe der Landschaft meiner Heimat die Chance genauso besonders zu sein, wie die entlegene Ferne.