1
Seit ich gezielt NaturTexte schreibe und nicht mehr „nur“ über den Fortschritt des aktuellen Gemüseanbaus im Garten berichte, frage ich mich, wie viele Tiere und Pflanzen ich mindestens kennen muss, um ein NaturAutor zu sein.
Wie ich darauf komme? Nun ja, es sind die NaturBücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, die mich zu dieser Annahme führen. Bei Henry Beston* sind es die Ammern: Fuchsammern, Grasammern, Weißkehlenammern. Bei Dara McAnulty* sind es die Wiesenrallen. Ganz egal, was ich lese, sobald ich den Buchdeckel öffne, wimmelt es Tier- und Pflanzennamen, von denen mir die Hälfte so unbekannt ist, dass ich ein Lexikon neben das Buch lege. Offensichtlich ist es das, was ein NaturAutor tut: Berglaubsänger, Grasammern, Wacholderdrosseln und andere fantastische Tierwesen über den Text verteilen, wie andere Autoren Adjektive.
Und sogar Schreibcoaches wie Natalie Goldberg* und Tina Welling* bestärken mich in der Annahme, dass zu einem gelungenen Schreiben – ganz egal, ob NaturBuch oder Roman – eine detailgenaue Beobachtung gehört: „Schreibe nicht »Blume«, sondern »Geranie« und der Leser hat ein vielschichtiges Bild vor Augen.“
Mithilfe von Goldberg und Welling lerne ich also etwas über das Schreibhandwerk, während ich in Feld, Wald und Garten versuche möglichst viel über das herauszufinden, was mich umgibt. Beides in der Hoffnung, selbst auch ein NaturAutor zu werden.
2
Auf mich als Leser wirkt die Vielzahl an Naturdetails eher einschüchternd. Auch wenn das (hoffentlich!) nicht die Absicht des Autors war. Während des Lesens komme ich mir tumb und unwissend vor, weil ich für jeden zweiten Absatz in Wikipedia nachschlagen muss, was dies denn schon wieder für ein Tier ist und ob diese Pflanze hoch und stachelig oder klein und bunt ist.
Mir ist schon klar, dass jeder NaturAutor andere Tiere & Pflanzen kennt. Er hat sich auf das spezialisiert, was ihn besonders interessiert und will dieses Interesse mit dem Leser teilen. Oft ist es die gesammelte Kenntnis vieler Jahre, die in einem Text steckt. Aber bedeutet dies auch automatisch, dass sich die zahlreichen Details für den Leser zu einem kaum lösbaren Knäuel verheddern?
Sind Worte wie Frühlingsgezwitscher überhaupt noch zulässig? Es vergeht kein Wald- oder Naturbuch, in dem nicht ausführlich über den Gesang des Zaunkönigs oder des Zilpzalps berichtet wird. Und ich komme mit einem Wort wie Frühlingsgezwitscher daher, weil ich keinen einzigen der Waldvögel am Gesang erkenne?
3
Schon lange beschäftige ich mich daher mit der Frage, ob es neben einem Mindestmaß an Naturbeschreibungen auch ein zu viel davon gibt. Das ist es, was ich „Die ornithologische Übermacht der Naturautoren“ nenne. Wenn ich so sehr mit Namen und Details überhäuft werde, dass die Bilder verloren gehen. Zumal meist erwartet wird, dass der Leser sämtliche der feinen Unterschiede der einzelnen nie gesehenen Sumpfschnabelreiherarten auf Anhieb erkennt.
In „Fuchs & Ich“* habe ich nun einen ähnlichen Gedanken gelesen: Mark Twain nennt Menschen, die mehr über ein Tier wissen als das Tier selbst, Natur-Fakire. (Leider gibt es keine Quellenangabe, mit der ich das genaue Zitat nachlesen kann.)
Ein Autor, der sich mit Vögeln auskennt und zum Teil genau deshalb ein Buch darüber schreibt, kann (und soll!) nicht einfach von kleinen braunen Vögeln sprechen. Aber es muss doch irgendeine Art von Mittelweg geben, das eigene Wissen weiterzugeben und trotzdem den Leser nicht erst einmal durch Wikipedia irren zu lassen, bevor er das Buch versteht.
4
Das Gegenstück zur ornithologischen Übermacht der Naturautoren ist für mich der Große Wollschweber: Ein unauffälliges Flügeltier, das sich unter die Gartenhummeln mischt und sich ohne die geringste Vorbildung im Alltagsgarten bewundern lässt.
Trotz des großen Namens ist er nicht größer als vielleicht 2 Zentimeter. Ein kleines schwebendes Wollknäuel mit einem Rüssel, der fast die Hälfte der Körperlänge ausmacht. Dazu Flügel, die rechts und links neben ebendiesem Wollknäuel rotieren. Kein hektisches Wirbeln. Ein präzises Quirlen mit hoher Frequenz. Wie das Rotieren eines Propellerfliegers. Auf diese Weise schwebt das Wollknäuel in der Luft und prüft jede Blüte. Bei erfolgreicher Prüfung rückt es ein Stück näher und saugt den Nektar. Es, das Wollknäuel oder doch Er, der Wollschweber?
Ich wünsche mir NaturBücher, bei denen ich mir als Leser nicht als Dummkopf vorkomme, nur weil ich nicht weiß, was Grasammern von Weißkehlenammern unterscheidet. Oder noch nie zuvor von Wiesenrallen gehört habe, geschweige denn dass sie zu den Kranichen gehören.
„Für eine innige Beziehung zur Erde muss man die natürliche Umgebung nicht wie ein Biologe oder Geologe kennen. Sie müssen sie nur auf ihre eigene Weise kennen.“ (Tina Welling)


[1] Henry Beston: Das Haus am Rand der Welt: Ein Jahr am großen Strand von Cape Cod, mareverlag.
[2] Dara McAnulty: Tagebuch eines jungen Naturforschers, Malik.
[3] Natalie Goldberg: Writing down the bones, Shambhala Publication. Deutsch: „Der Weg des Schreibens“, Knaur [Auch als „Schreiben in Cafés“ veröffentlicht]
[4] Tina Welling: Writing Wild, New World Library [Bisher nur auf englisch veröffentlicht]
[5] Fuchs & Ich, Catherine Raven, S.Fischer.