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Es ist ein schöner Tag geworden. Frisch und sonnig. Von Anfang an habe ich das Ziel vor Augen: Den Fernmeldeturm auf dem Eisenberg. Ich bin heute auf einem für mich ganz neuen Weg unterwegs, dem X16 vom Edersee zur Hohen Sonne auf dem Rennsteig. Meine Wanderung vom Knüllköpfchen zum Eisenberg ist Teil dieser Strecke. Die Landschaft hier oben am Knüllköpfchen ist längst nicht so verdorrt wie zwischen Homberg und Gudensberg. Die Höhe hilft offensichtlich sehr. Ich genieße ein weiteres Mal den schönen Ausblick über grüne Landschaften und dann geht es bergab.


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Schwarzenborn ist ein Name, den ich schon lange kenne, weil dort ein großer Standort der Bundeswehr ist. Aber sonst weiß ich nichts von diesem Ort. Vor ein paar Wochen bin ich auf dem Rückweg vom Knüllköpfchen mit dem Bus durch Schwarzenborn gefahren. Das war das erste Mal, dass ich dort war. Heute nun eine weitere und intensivere Begegnung, wenn ich den Ort zu Fuß durchquere.
Der Ortsrand von Schwarzenborn bietet die übliche Mischung aus Häusern im Stil der 60er-Jahre, einigen gelungenen Renovierungen und anderem, um das sich schon länger niemand kümmert. Ich überquere die Hauptstraße und bin überrascht, wie schnell der Wanderweg wieder aus dem Ort herausführt. Nach dem steilen Abstieg vom Knüllköpfchen bin ich nun froh über den ebenen Teerweg, der von Schwarzenborn in Richtung Grebenhagen führt. Am Ortsrand von Schwarzenborn sehe ich in kurzer Entfernung vom Wanderweg den Supermarkt. Das ist gut, zu wissen, dann kann ich auf dem Rückweg dort Station machen, falls mir überraschenderweise doch der Proviant ausgeht. Erst einmal gehe ich weiter. Am Wegesrand tauchen nun die ersten Schilder auf, die vor dem Betreten des militärischen Übungsgeländes warnen.
Grebenhagen wird dominiert von metallisch-kreischendem Lärm. Am Dorfrand steht ein Bagger, der diesen Lärm verursacht. Es scheint eine Art Schrotthändler zu sein, der seine Metallberge auf brachiale Weise zerkleinert oder auch nur umsortiert. Da wohnt man auf einem Dorf, halb am Ende der Welt und hat den ganzen Tag einen Lärm, wie in Frankfurt an der Startbahn des Flughafens. Ich wünsche den Einwohnern, dass dieser Schrotthändler nicht jeden Tag arbeitet.


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Nach Grebenhagen umfängt mich ein grüner und feuchter Wald. Immer noch höre ich die quietschend-metallische Zerstörung aus Grebenhagen. Als sie nachlässt, bleibt das Geräusch der unsichtbaren Straße. Aber der Wald gibt sich alle Mühe, mich in seinen Bann zu ziehen. Die kühle und feuchte Luft ist eine Wohltat nach den Wochen der Sommerhitze. Der feuchte Waldboden und das geschlossene Blätterdach der Buchen bilden eine Oase aus Grün. Am Wegesrand blüht Heide umgeben von mannshohem Farn. Für einen Moment wähne ich mich in Schottland.
Ein weiteres Mal begegnet mir der Truppenübungsplatz. Der Wanderweg wird mühsam um diese Fläche herumgeführt. Der Wanderweg gehört zu einer ganzen Gruppe von Wegen, die um 1930 in Nordhessen entstanden. Die Geschichte des Truppenübungsplatzes geht jedoch noch weiter zurück. Bereits vor 1900 gab es hier Schießübungen. Der Weg führt wahrscheinlich schon immer etwas umständlich um diesen Bereich herum. Umständlich, weil ich mehrfach die Landstraße überqueren oder an ihr entlanglaufen muss.
Kurz vor Salzberg führt der Weg dann auf Feldwegen und Wiesen mit mehreren schlecht markierten Abzweigen, erst steil bergab und dann ebenso steil Richtung Eisenberg. Ich ärgere mich, so kurz vor dem langen Anstieg zum Eisenberg noch einmal deutlich an Höhe zu verlieren. Da wäre es angenehmer gewesen, das letzte Stück bis Salzberg auch noch an der Straße entlang zu laufen, um dann einen normalen Feldweg bergan zu gehen. Für den Rückweg werde ich auf jeden Fall versuchen, über Salzberg zu gehen und von dort aus vielleicht sogar eine andere Route bis Grebenhagen zu finden.
Das letzte Stück zum Eisenberg ist wirklich zäh. Eigentlich bin ich schon oben – aber dann auch wieder nicht und immer ist es noch ein weiterer Kilometer zu laufen. Mit leichtem Anstieg geht der Weg weiter und weiter, während rechter Hand der Fernmeldeturm schon greifbar nah ist. Ich werde von einem Mann auf einem Elektro-Roller überholt. Ist das eine neue Disziplin: Elektro-Wandern? Auf dem Waldweg hinter Grebenhagen und auch auf den Wiesen am Fuße des Eisenberges hätte er sicher so seine Schwierigkeiten. Andererseits, ein paar Kilometer Umweg sind kein Problem, wenn der Elektromotor sie bewältigt.
Abgesehen von diesem einen Elektro-Wanderer sind heute nur sehr wenige Menschen unterwegs. Während sich in den Alpen die Wanderer stapeln, ist hier eher zu viel Ruhe. Weder auf dem Eisenberg noch dem Knüllköpfchen gibt es eine dauerhafte Einkehrmöglichkeit. So etwas fehlt natürlich, wenn mehr Wanderer die Wege durch den Knüll nutzen sollen. Ganz ungewohnt, bin ich schon zur Mittagszeit am Ziel. Ich laufe heute Hin-und-Zurück, im Gegensatz zu den anderen Strecken. Für den Nachmittag habe ich dann den Rückweg zum Ausgangspunkt vor mir.


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Heute Morgen hatte ich noch schnell ein paar Notizen zu Tina Welling gemacht und wollte die Gelegenheit in der besonderen Umgebung für eine Schreibübung nutzen. Aber jetzt sitze ich lieber in der Sonne und schaue übers Land:
Vom „Alheimerblick“ aus ein weiter Blick übers Land. Hier vor allem nach Norden und Osten. Ich weiß nicht, welcher der Hügel der Alheimer ist. Bei dem etwas höheren in der Bildmitte tippe ich eher auf den Hohen Meißner, der in der gleichen Richtung liegen müsste. Oder ist der Gipfel dafür zu nah? Der Eisenberg ist gerade einmal 635 Meter hoch, aber die Fernsicht ist beeindruckend. Wieso sieht man hier so viel besser, anders als auf dem fast gleich hohen Knüllköpfchen?
Außerdem denke ich: (Også tenker jeg på)
― Vor dem Satz über die Aussicht am Alheimerblick zögere ich lange, weil ich nach einem anderen Wort für „Blick“ suchte, um nicht die schon im Namen des Wegpunktes vorkommende Silbe doppelt zu verwenden. Selbst beim Notieren in kritzeligen Notizbüchern, bin ich mittlerweile von Regeln des Lektorats so sehr geprägt, dass ich Wortwiederholungen vermeide.
― Die Benennung der Hügel ist wie die Benennung sämtlicher Tiere & Pflanzen: Es ist einerseits hilfreich, zu wissen, welcher Hügel, denn nun welcher ist, aber die Landschaft wird nicht weniger beeindruckend, wenn ich die Namen nicht weiß. Ich empfinde es eher als Furcht einflößend, wenn jemand alle noch so unbekannten Tiere, Pflanzen und Hügel mit Namen nennen kann. Darf ich mich trauen, ebenfalls meine Eindrücke zu schildern, auch wenn ich nur von der „schemenhaften Hügelkette ganz hinten“ sprechen kann. Haben meine Eindrücke trotzdem eine Bedeutung?
― Das &-Zeichen, wie ich es gerade bei „Tiere & Pflanzen“ verwendet habe, hat eine sehr enge und genau definierte Bedeutung. Gleichzeitig gibt es im Tagebuch von Virginia Woolf keinen einzigen Absatz, in dem dieses Zeichen nicht vorkommt. Wer gibt ihr das Recht, dieses Zeichen so zu verwenden, wie sie es versteht und praktisch findet – und ich als Leser es auch verstehe? Sie selbst gibt sich das Recht. Es gibt auch für mich viele Situationen, in denen ich selbst entscheiden kann, wie ich etwas mache. Also fasse ich in einem Text, den ich selbst schreibe ohne Erlaubnis der Duden-Redaktion „Tiere und Pflanzen“ mit & zu einer Gruppe zusammen.
Nach Osten ist weit hinten in der Landschaft die Kaliabraumhalde bei Heringen zu sehen. Noch dahinter läuft ein dunkelblaues Hügelband entlang. Man kann von hier bis in den Thüringer Wald sehen. Ein grenzenlos-weiter Blick.
― Grenzenloser Blick über die Landschaft. Es ist am ehesten die Autobahn, die eine Schneise durch die Landschaft zieht. Andere Grenzen bleiben unsichtbar. Die Landkreisgrenze, die ich kurz vor Salzberg überquert habe. Die alte Grenze zwischen West und Ost, die irgendwo zwischen den Gipfeln verschwimmt.
― Assoziationsketten: Ist es das, was Natalie Goldberg meint, wenn sie davon spricht, sich nicht in Details zu verlieren? Ja, vielleicht meint sie genau dies. Andererseits, dies ist es das, was ich „sehe“, wenn ich auf dem Eisenberg in die Ferne blicke. Wie lassen sich diese Gedanken wiedergeben, ohne den chronologischen Verlauf des Textes völlig zu schreddern?
Wie finde ich wieder zurück zur eigentlichen Wanderung? (Ganz einfach: Ich freue mich über den besonderen Schmetterling auf der Wiese)
Und wie führe ich den Leser zurück zur Geschichte? Ich versuche, so gut ich es kann aus den Assoziationen und dem Weg zum Eisenberg einen gemeinsamen Text zu gestalten. Auch wenn ich nicht die Erfahrung einer Virginia Woolf habe, die sphärische Texte wie „The waves“ und „To the Lighthouse“ schrieb.

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Wie also jetzt zurück zum Knüllköpfchen? Ich suche auf der Wanderkarte nach einer anderen Strecke und entdecke einen Weg, der ohne Landstraße auskommt und trotzdem nach Grebenhagen führt. Von dort aus gibt es zudem auch eine andere Route zum Knüllköpfchen. Das sieht gut aus. Der einzige Nachteil ist, dass ich nicht mehr am Supermarkt in Schwarzenborn vorbeikomme. Aber noch habe ich reichlich Proviant. Und wenn ich es bis Schwarzenborn geschafft habe, ist auch das Knüllköpfchen nicht mehr weit. Überhaupt, ich bin hier nicht aus der Welt und mit meinen Vorräten würde manch anderer Wanderer wahrscheinlich einen Marathon laufen.
Meine neue Route führt mich bergab ins Gaistal. Das erste Stück gehe ich wieder den Lulluspfad X16, aber auf halber Höhe bleibe ich auf dem geteerten Feldweg, der mich nach Salzberg führt. Ich kreuze den Ort und laufe auf der anderen Seite wieder bergan. Dieses mal zum Zahnsberg. In freundlichem Sonnenschein laufe ich aus Salzberg kommend auf einem kräftig rotbraunen Feldweg schnurgerade bergan. Der Boden ist hier deutlich roter, als ich ihn aus Homberg kenne. Die rote Farbe weist auf einen höheren Eisengehalt der Erde hin. Ich bin überrascht, dass innerhalb einer Landschaft, die ich bisher für gleichförmig hielt, die Erde eine deutlich sichtbar andere Zusammensetzung hat. Ich mache mir eine Notiz in mein Wanderheft, damit ich dies einmal mit einem Bauern oder zur Not auch nur mit Google versuche zu klären.


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Den ganzen Tag über habe ich den Fernmeldeturm auf dem Eisenberg im Blick. Auf dem Hinweg war es ein ständiges Näherkommen. Nun liegt der Eisenberg im Rücken und ich muss mich umdrehen, um zu sehen, wie er wieder in die Ferne rückt.
Die englische Malerin Sam Boughton beschreibt, was sie zu ihren Landschaftsbildern inspiriert:
1 Die Landschaft bewegt sich.
2 Sie ist nicht starr, sie ist lebendig.
3 Sie ist nicht flach.
4 Sie ist ganz um Dich herum. Über uns und unter uns.
Das ist genau das, was ich auf der Wanderung zum Eisenberg und zurück erlebe:
Die Landschaft um mich herum ist ständig in Bewegung. Es ergeben sich neue Perspektiven, obwohl der Zielpunkt ein (wahrscheinlich) unbeweglicher Berg ist.
Die Landschaft ist lebendig. Immer wieder springen Grashüpfer aus dem Gras auf. Schmetterlinge flattern vor mir her. Sobald sie sich setzen, verschmelzen sie so sehr mit der Erde, dass ich sie suchen muss. Und dann flattern sie wieder.
Die Landschaft ist ganz und gar nicht flach. Nur auf wenigen Abschnitten gehe ich auf einem Weg ohne bergan-bergab. Nach dem Ortsausgang von Grebenhagen gehe ich durch einen kühl-feuchten Wald. Fast alles an Landschaft ist über mir. Hohe Bäume, zwischen denen sich der Weg schlängelt; noch darüber der sonnige Himmel; in weiter Ferne der Eisenberg. Später, am Ziel, liegt alle Landschaft unter mir ausgebreitet.
Die Landschaft vereint alles dies. Die flatternde Bewegung der Schmetterlinge, den weiten Blick über ehemals durch Stacheldraht aufgeteilte Hügel, den kühlfeuchten Wald über mir, die Haselnusssträucher am Wegesrand.

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Auf meinem neuen Weg habe ich inzwischen den Zahnsberg erreicht. Wegweiser gibt es hier gar keine. Umso freudiger biege ich links ab, als WanderApp und Karte beide einen Weg vorhersagen, der nach Grebenhagen führen soll. Meine Freude währt allerdings nur einige Hundert Meter. Der Wald hält sich nun so gar nicht mehr an die Linien in der App. Ich prüfe doppelt und dreifach, aber der nächste Abzweig fehlt. Da ist nicht einmal die Spur eines Trampelpfades. Dafür kann ich geradeaus gehen, auch wenn die App davon nichts weiß. Ich fühle mich unbehaglich, so halb querfeldein im Wald. Ich folge einem deutlichen Weg, der ungefähr halbwegs richtig sein könnte. Es ist die ungewöhnliche Situation, dass im Wald ein Weg existiert, der auf Papier und App fehlt. Es ist zwar ein zusätzlicher Bogen, aber wenn das alles ist. Hauptsache, mir kommt kein Wildschwein entgegen. Das ist es wohl, was ich am meisten fürchte. Der Weg an sich ist breit und gut erkennbar und nur gelegentlich mit kniehohem Unkraut überwuchert. Also weiter.
Immer wieder gibt es unklare oder ganz verschwundene Wege. Es überrascht mich nicht mehr, dass Papier-Karte, Wander-App und Waldweg nur zu 90% übereinstimmen. Wobei 90 schon ganz schön viel ist. Allermeistens ist es kein Problem. Bei den restlichen 10% bin ich einerseits vorsichtiger geworden, wenn Papier oder App nur eine dünne Linie aufweisen. Und andererseits mutiger, wenn der Weg sich irgendwo dann doch im Dickicht verliert.


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Von Grebenhagen aus folge ich nun dem Weg 39. Ein weiterer Weg, den ich gerade neu entdecke. Es ist einer der Wege des Knüllgebirgsvereins. Ich finde die Bezeichnung Gebirge für den Knüll zwar etwas übertrieben, aber die ausgeschilderten Wege sind eine gute Sache. Leider geraten diese Wege und ihre Ausschilderung gerade etwas ins Vergessen. Der neugegründete Naturpark mit seinen bunt beschilderten Rundwegen steht sehr im Vordergrund. Das Interesse an längeren Strecken und Wanderwegen als Verbindungen zwischen den Zielen der Region geht wohl zurück. Wer läuft heute noch die 30 Kilometer von Homberg (Efze) bis Bad Hersfeld zu Fuß? Der 39 heißt auch Grenff-Fulda-Weg. Ich musste erstmal googlen, wer oder was „Grenff“ ist. Die Grenff ist ein Bach, der im Knüll entspringt. Er mündet in die Schwalm, die ihrerseits bei Felsberg in die Eder mündet. Durch diese alten Wege lerne ich viel über die Region, in der ich lebe.
Auf dem Parkplatz am Knüllköpfchen steht noch eine Wanderkarte, mit allen alten Wegen von +35 bis S59 und dazu die mit X nummerierten Durchgangswege. Für meine Erkundungen der Knüllregion sind diese Wege genau das Richtige. Und selbst die Verbindungen nach Norden zum Dörnberg und nach Westen zum Kellerwald und dem Edersee lassen sich auf diesen Wegen gut laufen. Ich muss gar nicht zuerst in eine besondere Landschaft, wie die Cairngorm Mountains, den Lake District oder die Färör reisen, damit ich dort mit dem Wandern beginnen kann. Hier direkt vor meiner Haustür gibt es genug Landschaft für die Wanderungen der nächsten Jahre. Und jetzt habe ich auch die Wege dafür gefunden.

