1 Die Idee
Anfangs war ich in den Wäldern der Umgebung einfach so unterwegs und schrieb auf, was mir begegnete. Immer wieder traf ich dabei auf die Beschilderung X2. Sie gehört in Nordhessen zum Löwenweg von Warburg an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen nach Alsfeld im Vogelsberg führt. Die Wegführung ist identisch mit dem überregionalen Hessenweg 2, der ebenfalls von Warburg kommend über Alsfeld hinaus weiter nach Süden bis nach Hirschhorn bei Heidelberg führt. Der Löwenweg führt durch meinen Wohnort Homberg (Efze) und anfangs waren es eher zufällige Begegnungen. Aber nach zahlreichen langen Spaziergängen rund um Homberg entstand die Idee, gezielt auf dem Löwenweg unterwegs zu sein, und die ausgeschilderten Orte hier in der Umgebung kennenzulernen.
Mein erstes offizielles Teilstück des Löwenwegs führt von Homberg in Richtung Süden bis zum Knüllköpfchen. Ich beginne dafür oben auf dem Burgberg. Auch wenn der Löwenweg diesen Anstieg auslässt und nur den Marktplatz quert. Für den Rückweg will ich mit dem Bus fahren. Die letzte Abfahrt ist um 16:10 Uhr. Ich habe damit einen engen Zeitplan. Zumal die Strecke mit 20 Kilometern für mich recht weit ist und mindestens drei kräftige Anstiege enthält.
Einige Orte meiner der bisherigen Wanderungen werden mir heute erneut begegnen. Wie werde ich sie wahrnehmen, wenn es nicht mehr diese eine schöne Lichtung oder dieser besondere Blick ist, sondern nur das dritte oder siebte Teilstück eines langen Weges?


2 Vom Burgberg in Homberg (Efze) zum Stadtwald „Lichte“
Vom Burgberg aus habe ich einen schönen Blick auf die Stadt. Von hier oben sieht Homberg nach einer Fachwerkstadt aus dem Bilderbuch aus. Vor Jahren wurde auf dem Burgberg ein Kräutergarten angelegt. Mittlerweile mangelt es ihm an Pflege. Die Zeit unterstützt die durchsetzungsstarken Pflanzen. Anderes ist nicht winterhart, vom Unkraut überwuchert oder einfach so verschwunden. Man sieht die kunstvolle Struktur des Gartens und einige verbliebenen Bewohner. Die Linde dagegen wächst wunderschön und kraftvoll. Ich nehme mir vor, häufiger hier hochzukommen.
Auf dem Weg zurück in die Stadt blüht am Wegesrand der Lattich. Die blühende Pflanze und die Blüten sehen genauso aus, wie einer meiner Salatköpfe, den ich habe wachsen lassen, um Saatgut zu gewinnen. Ich erinnere mich daran, dass die Kopfsalate alle vom Lattich abstammen. Ganz wie bei Radicchio, Chicorée und Endivien, die allesamt Wegwarten sind.
Sobald ich den Burgberg verlasse und in der Stadt ankomme, beginnt eine Schnitzeljagd in der eigenen Stadt. Ich möchte ganz bewusst nach den Markierungen laufen und nicht auf dem Wie-immer-Weg, aber das ist gar nicht so einfach. Besonders an Straßenkreuzungen sind die Markierungen schwer zu finden. Es reicht nicht aus, dass irgendwo an einem der zahlreichen Verkehrsschilder eine Markierung klebt. Geht der Weg rechts oder links am Schild vorbei? Mehrfach probiere ich verschiedene Richtungen aus und schaue, ob ich auf diesem Weg auf weitere Markierungen treffe. In Homberg finde ich den Weg auch ohne Beschilderung. Wie wird das in den anderen Städten entlang des Weges werden? Mein Suchspiel wird durch überraschende Anblicke belohnt. Ich komme an einem mir völlig unbekannten Teich mit Entenfamilie vorbei. Es lohnt sich, die eigene Stadt so zu durchqueren als wäre ich irgendein Wanderer auf dem Löwenweg.
Nachdem ich die Efze überquere, geht es durch das Wohngebiet kräftig bergan. Am Ortsrand treffe ich auf die stillgelegte Bahnstrecke. Die Gleise beginnen, im Wald zu verschwinden. Ein Prellbock rostet auf der verlassenen Strecke vor sich hin. Ein Symbolbild für den öffentlichen Nahverkehr in der Provinz.
Bis zum Wanderparkplatz „Lichte“ folge ich nun der Kastanienallee. Ich gehe diese Strecke relativ selten, weil sie mir schlicht und ergreifend zu steil ist. Aber es ist ein sehr eindrückliches Stück Wanderweg. Der Weg ist recht breit angelegt, eher für ein Fahrzeug als für einen Wanderer. Rechts und links sind über eine lange Strecke Kastanien und andere Laubbäume gepflanzt. Die Bäume müssen viele Jahre alt sein. Es ist ganz eindeutig keine zufällige Ansammlung von Bäumen entlang eines Pfades. Diese Strecke muss einmal eine konkrete Bedeutung gehabt haben. Die Baumreihen enden am heutigen Wanderparkplatz. Von hier aus sind Schellbach oder Waßmuthshausen zu erreichen. Für mich ist nach fünf Kilometern der zweite Anstieg für heute geschafft. Ich mache eine erste Pause.
Später: Nach meiner Rückkehr beschäftige ich mich genauer mit der Kastanienallee. Unter dem Stichwort Kastanienallee kann ich nichts finden. Aber auf der gleichen Strecke wie die Kastanienallee und der Löwenweg ist auch der Pilgerweg „Elisabethpfad“ ausgeschildert. Der Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg verläuft zum großen Teil auf der mittelalterlichen Handelsroute „Lange Hessen“, die von Frankfurt/Main über Marburg in Richtung Thüringen führte. Da ist er also, der Hintergrund für diesen Weg, der so sorgsam angelegt ist, obwohl er heute keine Bedeutung mehr hat. Die Kastanien sind sicherlich nicht aus dem Mittelalter, sondern vielleicht von 1950, aber der Weg an sich ist etwas, das aus älteren Zeiten bekannt ist.




3 Forstbetrieb frei
Nach der kurzen Rast geht es weiter in Richtung Knüllköpfchen. Neben meiner Bank stehen verschiedene Schilder mit allen von hier aus erreichbaren Zielen und den entsprechenden Entfernungen. Knüllköpfchen: 12,5 Kilometer. Außer den verschiedenen Wanderzielen hängt hier, mitten im Wald, aber auch ein ganz normales Verkehrsschild: Durchfahrt verboten. Ergänzt um den Zusatz „Forstbetrieb frei“. Ist das nun Wald oder doch Landstraße?
In meinem Kopf ist Wald der Ausdruck für „Natur“, für „dem Wetter verbunden oder ausgesetzt sein“, je nach Sonne oder Regen, für „unberührt, sich selbst überlassen“. Es ist der Ort für mir unbekannte Tiere und Geräusche. Der Ort für Schutz, Geborgenheit aber auch für furchtsame Abende, wenn es dunkel wird und ich allein in der offenen Schutzhütte sitze. Jedes Knacken kann ein Wildschwein sein, das sich genauso erschreckt wie ich oder der Förster der mich verjagt, weil es eine mir unbekannte Gesetzesverordnung gibt, die den Aufenthalt in Schutzhütten nach 22 Uhr untersagt.
So ein Wald ist das hier nicht. Hier steht das Verkehrsschild „Forstbetrieb frei“. Das hier ist kein Wald. Es ist Agrarland. Statt Weizen oder Mais wachsen hier Bäume. Spaziergänger dürfen durch den Betrieb schlendern. Ein Betrieb bleibt es trotzdem. Ein Bauernhof für Bäume. Ich werde neue Wörter brauchen, um dies zu beschreiben. Das Wort Wald ist schon vergeben.
Es ist eine Baumstammaufzucht. Im Gegensatz zu mir, dem geduldeten Passanten, darf der Betriebseigentümer mit dem Auto oder seinen Erntefahrzeugen hier herumkurven. Warum auch nicht. Ist es nicht in jeder Fabrik, jedem Maisfeld ebenfalls so, dass der Eigentümer oder der Fabrikant, und ein Bauer ist letztlich nichts anderes als ein Fabrikant für Weizen, dass dieser sich frei auf seinem Gelände bewegen darf und ein vorbeischlendernder Passant nicht? Ich bin geduldet auf dieser Baumstammproduktionsfläche. Ich darf herumschlendern.
Ich entdecke, dass der Hinweis „Forstbetrieb frei“ einen anderen, früheren Hinweis überdeckt: „H1 Homberger Wanderverein“ stand da mal. Es steht da immer noch, aber es ist nicht mehr zum Lesen gedacht. Lesen soll der Wanderer jetzt „Forstbetrieb frei“: Achtung, lieber Wanderer, Du bist hier auf einer Transportstraße für Baumaufzüchter.
Der Baum, an dem dies hängt, ist schlank und hoch und grün beblättert. Auch für ihn brauche ich neue Worte. Für mich neue Worte. In diesem Fall kann ich Worte nehmen, die es schon gibt. Worte wie Flatterulme oder Schwarzerle. Ich kenne nur die Wörter Buche, Eiche, Ahorn, Linde. Keines davon passt. Fichte, Kiefer, Tanne kenne ich auch noch, aber die haben keine Blätter.
Um uns herum, den Baum, den ich nicht benennen kann, und mich, stehen kniehohe Buchen und Eichen. Sind sie die Zukunft dieses Baumaufzuchtareals? Sind sie bereits im nächsten 20-Jahresabholzungsplan verzeichnet? Mit Codenummern, Abholzungsdatum und Preisprognose? Oder sind sie noch frei? Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie langsam genug wachsen. Sie warten ab. Vielleicht ist die nächste Menschengeneration schlauer, hängt den Forstbetrieb ab, und lässt Wanderer wieder durch einen Wald laufen.

4 Über Allmuthshausen zum Silberberg
In meine Gedanken über echte und geplante Wälder versunken, bin ich mittlerweile am Waldrand angekommen. Bisher bin ich auf gewohnten Wegen unterwegs. Und doch bin ich an einer Stelle überrascht, dass ich rechts statt links gehen soll. Aber der Weg zur Schellbachslücke geht doch nach links? Und von dort aus weiter in den Tierpark und nach Allmuthshausen. Aber der Wegweiser zeigt eindeutig nach rechts. Nun gut, ich bin heute auf dem Löwenweg unterwegs und nicht in meiner eigenen Vorstellung. Also nach rechts und ich lasse mich überraschen, wie der Weg weiter bis Allmuthshausen führt.
Auf den Feldern sehe ich zum ersten Mal bewusst die erntereifen Rapspflanzen. Ich kenne die leuchtend gelbe Farbe und den eigenartigen Geruch der Blüten. Die reifen Pflanzen habe ich mir bisher nie so genau angesehen. Kräftige Stängel drängen dicht an dicht aus dem Boden. Wie schafft der Boden es, diese unglaubliche Anzahl an Raps-Stängeln zu ernähren? Oder andersherum, wie gelingt es den Raps-Pflanzen in den 20 Quadratzentimetern, die jeder Pflanze zur Verfügung stehen, genügend Nährstoffe und Halt zu finden, um ein hoher, blühender und fruchtender Stängel zu werden?
In meinem Kopf beginnen sofort Bilder von Unkrautvernichter und Mineraldünger herumzuspuken. Aber es ist wirklich ein Spuk. Ich weiß nichts über den Anbau von Raps. Weder ob die Region und die Böden besonders geeignet sind noch ob es Agrarsubventionen gibt oder was den Alltag eines Rapsbauern ausmacht.
Ein verbeultes Schild „Relaxliege“ bringt mich in die Realität zurück. Ein Schild des Naturparks oder vielleicht doch ein Nebenerwerb des Rapsbauern? Ich folge dem Schild mit den Augen. Ein Weg biegt hier ab, aber von einer Relaxliege oder auch nur einer Bank ist nichts zu sehen. Stattdessen haben es sich drei Kühe sehr gemütlich gemacht. Sie liegen ganz am Rand ihrer Weide und genau an der Stelle, auf die das Schild zeigt. Diese Kühe sind wirklich relaxed.
Natürlich komme ich auf dem ausgeschilderten Weg auch nach Allmuthshausen. Der Weg ist sogar einfacher als der, den ich im Kopf hatte. Erst heute erlebe ich, wie groß Allmuthshausen ist. Es ist zu weit weg, als dass ich bei einem zufälligen Spaziergang dort vorbeikomme, und die Landstraße durchquert nur einen kleinen Teil des Dorfes. Sie lässt sowohl den Großteil des Wohngebietes als auch den durchs Dorf plätschernden Rinnebach außen vor.
Ich bleibe an einem alten Bauernhaus stehen. Ich mag diese kurzen Treppen, die entlang der Hausfassade zu einem Windfang vor dem Hauseingang führen. Entlang der wenigen Stufen stehen Blumentöpfe. Alte Holzfenster des Haupthauses und ein großes Schiebetor der benachbarten Scheune bestimmen den einladenden Gesamteindruck. Doch nach und nach zeigt sich, dass dem Haus in den letzten Jahren die Pflege fehlte. Zwischen dem Kinderspielzeug im Hof liegen teilweise ausgelaufene und ineinander gestapelte Eimer. Die Farbe der Holzfenster blättert ab. Das oberste Fenster ist zerbrochen und verschiedene Elektrokabel ziehen in kreativem Miteinander über die Fassade. Also doch kein Idyll. Schade.
Auf dem weiteren Weg durch den Ort begegnen mir mehrere schmucklos ordentliche Fassaden aus Asbestplatten. Der gemauerte Keller ragt zur Hälfte aus der Erde. Erst in gut drei Metern Höhe beginnen die ersten Fenster. Der Blick nach schräg oben verheddert sich in grau-weißen Gardinen, bevor er die holzgetäfelte Decke trifft. Ein leichter Schauer fährt mir in die Glieder. Sofort möchte ich zu dem verfallenden Bauernhaus zurück und bei der 92-jährigen Oma des Bauern einen Fencheltee trinken.
Die Beschilderung des Löwenweges führt nun entlang der engen, steilen und kurvigen Landstraße nach Leuderode. Ich finde auf der Karte einen Weg, der durch die Felder führt und vor dem Anstieg zum Silberberg wieder auf den Löwenweg trifft. Ich biege von der Hauptstraße auf meinen neuen Weg und bin nach hundert Metern außer Puste. Mensch, ist das steil! Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, dass „Weg von der engen, unübersichtlichen Landstraße“ gleichbedeutend mit „Gemütliches Schlendern durch die Felder“ sein sollte. Der Weg abseits der Landstraße ist natürlich genauso steil, wie die Straße es gewesen wäre. Nur, dass ich keine Sorge vor plötzlich um die Kurve fegenden Autos haben muss.
Ein halber Kilometer noch, dann bin ich wieder auf dem beschilderten X2. Doch was ist das? Ein Baum quer über dem Weg. Ist das eine mutwillige Blockade und ich darf hier nicht vorbei? Sofort denke ich, die Sperre gilt Fußgängern wie mir. Welcher Förster mag hinter dem Baum stehen und mich zurechtweisen? Welcher Bauer wird zeternd auf seinem Traktor heranfegen, weil ich seinen Acker zertrample, um das Hindernis zu umgehen?
Als ich dann doch um das Hindernis herumlaufe, sehe ich, wie übel der Baum gestürzt ist. Im Fallen hat er sich noch den Arm verrenkt. Es tut mir weh, den halb abgerissenen Ast anzusehen. Oh Mann, so weit bin ich noch weg davon, mit freien Gedanken auszuschreiten und die Landschaft um mich herum zu erkunden. Nicht alles gilt mir. Manches ist einfach zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie ich.




5 Käsebrote als Entfernungsangabe für Wanderwege
Den Anstieg zum Silberberg habe ich als lange und mühsam in Erinnerung. Anfangs war mir auch nicht klar, wann der Silberberg nun erreicht ist, weil es kurz vorher auch schon eine Stelle mit Infotafel und Sitzbank gibt. Heute ist der Silberberg nur einer von verschiedensten Anstiegen und er wirkt gar nicht mehr besonders. Im Gegenteil, ich bin überrascht, als ich plötzlich vor der Silberberghütte stehe.
Die Hütte auf dem Silberberg ist leider kein inspirierender Platz. In der Hütte liegen allerlei christlich-missionarische Flyer aus den letzten zwei Jahren auf dem Boden. Dazu eine leere Flasche, zerbröselte Eierschalen und allerlei Plastik-Papierchen auf den Tischen. Und das, obwohl ein Mülleimer vor der Tür steht.
Der kaum ausgetretene Pfad zu den Sitzbänken außerhalb der Hütte zeigt an, wie wenige der Wanderer hier verweilen. Hier oder hier oben? Von Allmuthshausen kommend ging es spürbar bergan. Auf der anderen Seite ist es bis Hülsa kaum noch Höhenunterschied.
Gute 12 Kilometer habe ich bisher hinter mir. Etwa fünf sind es noch zu meinem Tagesziel. Über viele Jahre hin war ich einer der sogenannten Berufspendler. Ich fuhr täglich weite Strecken zu meinem Büroarbeitsplatz. Ich zählte die Kilometer eher zu Hundertern und hastete von Autobahnkreuz zu Autobahnkreuz. Und jetzt, Entfernungen in Schritten.
Wie viele Autobahnkilometer wären wohl vergangen, während ich hier sitze und handschriftlichen Notizen zu der heutigen Wanderung mache? Wie viele Leitpfosten flögen mit jeder Zeile an mir vorbei? Ohne technische Hilfsmittel wird mein Radius plötzlich winzigklein. Ohne Blech und Elektronik um mich herum kann ich mir nicht mehr einbilden, die paarhundert Kilometer wären gar nicht so weit. Stattdessen muss ich Entfernungen wieder in Käsebroten messen.
Wie weit komme ich mit meinen eigenen Kräften? Mit den Ressourcen, über die ich wirklich selbst verfügen kann? Schaffe ich die nächsten fünf Kilometer noch? Ich zähle nach: Zwei Käsebrote sind noch da. Dazu ein Apfel. Weiter gehts Tagesziel Knüllköpfchen. Zurück bringt mich zum Glück der Bus.

6 In der Blütenwiese
Vom Silberberg aus geht es durch einen Buchenwald. Ich genieße den Blick auf die zahlreichen und alten Buchen. Eine wohlige Atmosphäre der Ruhe breitet sich hier aus. Ein ganz anderer Wald als die Baumstammproduktionsfläche, auf die mich das Schild Forstbetrieb frei heute Morgen hingewiesen hat. Die wissenschaftlichen Studien zu positiven gesundheitlichen Effekten des Waldes fallen mir ein. Ich habe kein Blutdruckmessgerät dabei, um konkrete Zahlen zu ermitteln, aber ich spüre die Entspannung, die diese Bäume bewirken. Es ist leiser und kühler als auf den Feldern ringsum.
Ich bin hier alleine mit den Buchen. Obwohl es ein offizieller Fernwanderweg ist, treffe ich keine Menschen. Zu weit sind die nächste Siedlung und der nächste Parkplatz entfernt, als dass dieser Wald sich für Hundespaziergänge anböte.
Die Kennzeichnung des Weges ist auch hier auf ein einzelnes X reduziert. Ich mag diese minimalistischen, aber meist sehr verlässlichen Wegweiser. Sie finden sich an Abzweigen und anderen unklaren Stellen. Es fragt sich nur, ob ich mich auch daran halte. Zu Hause, beim Planen, sieht alles ganz logisch aus. Aber jetzt im Wald? Der Hauptweg zweigt doch ganz eindeutig nach rechts ab. Soll ich wirklich geradeaus weitergehen? Ja, soll ich. Nach hundert Metern kommt ein weiteres, bestätigendes X. Das ist wohl für Zweifler und Anfänger wie mich gedacht.
Mittlerweile traue den Zeichen des Weges. Selbst wenn sie auf den ersten Blick falsch aussehen. Und es funktioniert. Manchmal muss ich den Mut haben, die Zeichen zu verstehen. Das X mit einem geraden und einem schiefen Strich heißt wirklich genau das: Du musst geradeausgehen, aber nur kurz und dann links abbiegen. Mir gefällt dieser Minimalismus. Es muss gar nicht alles erstklassig und exzellent sein. Eine brauchbare Erläuterung am Anfang und ein verlässliches X am Wegesrand reichen völlig aus. Die Herausforderung ist eher den Hinweisen auch zu folgen. Einfach den Zeichen, die ich sehe mal glauben.
Als ich den Wald verlasse, habe ich die Chance, meine neue Zuversicht unter Beweis zu stellen. Der ausgeschilderte Weg ist kniehoch mit Gräsern bewachsen. Am Anfang ist er deutlich als Weg erkennbar. Je weiter ich laufe, desto schmaler wird der Weg. Von „breit wie ein zweispuriges Fahrzeug“ zu „ein deutlicher Weg“ bis es schließlich ein kaum erkennbarer Trampelpfad ist.
Ein Weg voller Blüten und Schmetterlingen. Immer wieder bleibe ich stehen, um einen Schmetterling zu betrachten. Rechts und links des Pfades sind gelegentlich platt gedrückte Flächen. Gerade groß genug für das Ruhelager eines Rehs oder eines Wildschweins. Ist das wirklich ein Trampelpfad oder doch eher ein Wildwechsel? Mittlerweile bin ich so weit gelaufen, dass die nächste Kreuzung näher ist als der Rückweg zum letzten Hauptweg. Ich gehe weiter. Ich arbeite mich vorsichtig durch die hüfthohen Gräser. Ich schlurfe mehr, als ich gehe, um versteckte Tiere nicht zu verletzten.
In Sichtweite des nächsten Hauptweges verschwinden die farbigen Blüten. Was sich am Anfang dieses Wegstückes Meter für Meter hinzugesellt hatte, bleibt nun an einer unsichtbaren Barriere abrupt zurück. Nein, halt, die Barriere ist alles andere als unsichtbar. Ich denke nur zu langsam. Die Barriere ist der klassische Forstweg: Übersichtlich, fein geschottert und wahrscheinlich mit Drainage-Rohren untertunnelt. An diesem Hauptweg steht nun ein richtiger Wegweiser mit vollständigem Text und Kilometerangaben, der auf die Wildwiese zeigt, die durchquert habe.
Sobald ich das für mich unwegsame Gelände verlasse, verebbt die Vielfalt. Ich vermisse das bunte Geflatter und erkenne gleichzeitig, dass ich als Wanderer zwischen den Blüten und dem unsichtbaren Getier auf dem Boden nichts verloren habe. Da hilft auch kein Wegweiser.
Wie lassen sich die Bedürfnisse von Mensch, Tier und Pflanze besser miteinander in Einklang bringen? Braucht es vielleicht gerade hier „Forstbetrieb frei“-Wege abseits der Blütenwiesen, damit Mensch und Tier jeder einen Platz hat, an dem er den anderen nicht stört?


7 Auf zum Knüllköpfchen
Die letzten drei Kilometer! Auf dem neuen Schotterweg geht es nun schnurgerade in Richtung Knüllköpfchen. Wildblumen und fast alles Blühende sind allerdings fast verschwunden. Einmal gibt es einen langen Streifen mit Roter Waldnelke.
Ich beginne, die Natur um mich herum mit neuen Augen zu sehen. Lange war es für mich einfach eine schöne Landschaft. Auch das ist gut und auf jeden Fall ein Anfang. Bei jeder Wanderung entdecke ich neue Kleinigkeiten und verstehe für neue Zusammenhänge. So sehe ich bei den Waldnelken nicht mehr nur die Farbe, freue mich über die Blüten und die zahlreichen Insekten, die sich dort tummeln. Mittlerweile „sehe“ ich auch, dass auf diesen 50 Metern, entlang derer die ich von den Waldnelken begleitet werde, der Graben neben dem Waldweg feucht genug ist, dass die Waldnelken hier wuchern können. Der Forstweg schiebt die Bäume etwas auseinander, damit es sonnig ist, und gleichzeitig gibt es genug Wasser. Ein guter Platz für Rote Waldnelken.
Ich habe hier im Knüll tatsächlich einen Lieblingswegweiser: Hasenstrauch III. Er erinnert in seiner Vielarmigkeit ein wenig an den oft fotografierten Wegweiser im nordschwedischen Haparanda, der mit seinen 25 Ortsnamen für fast jede Entfernung von Haparanda nach Irgendwo eine Antwort gibt: Murmansk 823, Oslo 1566, Rom 3884, Timbuktu 8386. Hasenstrauch III begnügt sich zwar mit zehn Schildern, verwendet aber die unterschiedlichsten Schriften und Gestaltungen. Offensichtlich befinde ich mich an einem Knotenpunkt zahlreicher Wegstrecken. Einzig die Frage, wo sich Hasenstrauch I und II befinden, bleibt unbeantwortet.
Auf dem letzten halben Kilometer zum Knüllköpfchen schlägt der Weg zwei wilde Haken. Erst geht es in einer 150 Grad Kurve nach rechts und dann über einen Weg, den es eigentlich gar nicht gibt, steil bergan zur geschwungenen Holzliege mit Aussicht und dem August-Franke-Turm. Dieses letzte Stück des Weges wurde quer über eine Wiese gefräst. Alles Krautige wurde dabei bis auf den trocknen Erdboden abgeschält. Die ersten Pflanzen schicken ihre grünen Kundschafter jetzt erneut hinaus ans Licht. Es ist ein Wettrennen um Licht und Fläche: Wer als erster neu austreibt, gewinnt. Ganz weit vorne liegt gerade das Gänsefingerkraut.
Vom Aussichtsturm aus habe ich eine gute Rundumsicht und beginne nach den auf der Brüstung aufgelisteten Gipfeln zu suchen. Das Knüllköpfchen ist der zweithöchste Gipfel in der Region. Theoretisch kann ich hier weit über das Land schauen. In der Praxis verschwimmen die allermeisten Gipfel im Dunst der Ferne. Der nahe gelegene Eisenberg ist allerdings gut zu sehen. Die Strecke von hier bis zum Eisenberg wird eine meiner nächsten Wanderungen sein. Auch wenn der Eisenberg nicht auf dem Löwenweg liegt.
Bis zur Wasserkuppe in der Rhön sind es vom Knüllköpfchen 60 Kilometer Luftlinie. Vielleicht wird das im nächsten Jahr mein ganz persönlicher Knüll-Rhön-Fernwanderweg. Von Homberg aus und mit einem Abstecher zum Eisenberg kommen etwa 100 Kilometer Fußweg zusammen. Das ist etwas länger als der Hochrhön-Wanderweg rund um die Rhön, für den ich fünf Tage gebraucht habe.
Vor zwanzig Jahren veröffentliche Hape Kerkeling sein Buch „Ich bin dann mal weg“ und machte damit Wanderungen auf dem Jakobsweg in Deutschland allgemein bekannt. In den letzten Monaten fallen mir außerdem Berichte über den 1000 Kilometer langen South West Coast Path (SWCP) in England auf.
Für Menschen, die über lange Wanderungen berichten, ist es natürlich einfacher, auf einen bekannten Weg zu verweisen, anstatt zuerst erklären zu müssen, wo denn die genannten Orte sind, wie weit die Strecke ist und warum man unterwegs ist. Ein „Ich laufe im Sommer den SWCP“ gibt in sechs Worten Antwort auf alle genannten Fragen.
Aber ist es das, was ich will? Auf einen großen Namen verweisen und damit automatisch Teil der entsprechenden Community zu sein? Ich bin im Knüll unterwegs, weil es die Region ist, in der ich lebe. Ich möchte Tiere, Pflanzen und Wege in der Landschaft, in der ich lebe, kennenlernen. Wenn es mich an andere Orte zieht, dann ist meine Sehnsucht die Landschaft und nicht der bekannte Name.
Am Fuß des August-Franke-Turms finde ich eine Bank für Teepause bis zur Abfahrt meines Busses. Die Sorge, den Bus zu verpassen, war unbegründet. Ich bin ohne Eile rechtzeitig am Ziel angekommen. Auf der Fahrt zurück nach Homberg bin ich lange Zeit der einzige Fahrgast.
Heute Morgen begegnete mir die verlassene Bahnstrecke. Der fehlende Bahnanschluss ist ein deutlicher Standortnachteil von Homberg (Efze). Auf dem Knüllköpfchen erlebe ich nun das Gegenteil. Es gibt zwar eine Verbindung, aber niemand nutzt sie.
Was ist hier Henne und was ist Ei? Haben die Menschen auf dem Land sich so sehr daran gewöhnt, dass es hier eh keine Verbindungen gibt, dass die letzten existierenden Routen auch nicht mehr genutzt werden? Ist das eigene Auto für viele Aufgaben so sehr die einzige Möglichkeit, dass die wenigen Fahrten, die per Bus möglich wären, niemand mehr in Erwägung zieht?
Da kann ich verstehen, wenn der Betriebswirt des Verkehrsverbundes immer mehr Strecken stilllegt. Man kann vieles „zu Tode rechnen“, also so lange Zahlen von A nach B schieben, bis das gewünschte Ergebnis dabei herauskommt.
Doch für eine Zukunft in der Provinz muss das anders werden. Ich weiß noch nicht wie. Ich tue mich selbst schwer damit regelmäßig mit dem Bus statt dem Auto zu fahren. Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der nicht Autofahren der Mittelpunkt des Arbeitslebens ist?




Editorische Notiz
Dies ist der erste Teil meiner Wanderungen in Nordhessen. Lange war nicht klar, welcher der Texte als erstes fertig würde und auch die Idee als solche änderte sich mehrfach. Gerne hätte ich ein verlässliches Konzept und könnte dann einen nach dem anderen die Texte einfügen. Doch so ist es nicht. Während des Wanderns ergeben sich immer wieder neue Ideen. Auch die Recherche nach besonderen Wegpunkten oder den Namen anderer Wege fördert ein immer weiter verästeltes Netz aus Wegen und Ideen zutage.
Der Löwenweg war der Startpunkt für alles. Anfangs dachte ich „Löwenweg“ und „Hessenweg 2“ seien einfach zwei verschiedene Bezeichnungen für das Gleiche. Doch der Löwenweg ist einer von 15 sogenannten Kurhessischen Durchgangswegen. Sie entstanden um 1930. Der Hessenweg 2 wurde 1984 auf der gleichen Strecke wie der Löwenweg ausgeschildert und zusätzlich nach Süden verlängert.
Große Teile Nordhessens und der gesamte Landkreis Schwalm-Eder liegen im früheren Kurhessen ( = Landgrafschaft Hessen-Kassel). Nicht nur der Löwenweg, sondern auch weitere der Durchgangswege führen durch den Schwalm-Eder-Kreis. Damit öffnet sich eine ganz neue Welt an Fußverbindungen in Nordhessen. Viele davon liegen quasi vor meiner Haustür und zusammen mit den Busverbindungen des NVV (dankenswerterweise auf den Internet-Landkarten des Naturparks verknüpft) erkunde ich eine ganz neue Sicht auf die Region, in der ich lebe.